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JPMorgan setzt den Maßstab an der Wall Street

Rekordgewinn, boomendes Aktiengeschäft und eine robuste Kreditnachfrage treiben die Großbank voran – doch Sondereffekte und eine anspruchsvolle Bewertung verzerren das Bild

NTG24 - JPMorgan setzt den Maßstab an der Wall Street

 

JPMorgan hat ein Quartal vorgelegt, das selbst für die Maßstäbe der größten US-Bank außergewöhnlich ausfällt. Der Gewinn erreichte einen Rekord, das Investmentbanking erwachte kräftig, und die Aktienhändler profitierten von einem Markt, der zugleich euphorisch und nervös war. An der Börse rückt damit eine symbolische Marke näher: Als erste Bank der Welt könnte JPMorgan mit mehr als einer Billion US-Dollar bewertet werden. Gerade dieser Erfolg verlangt jedoch einen genaueren Blick auf die Qualität der Ergebnisse.

JPMorgan Chase (US46625H1005) meldete für das zweite Quartal 2026 einen Nettogewinn von 21,2 Mrd. US-Dollar beziehungsweise 7,70 US-Dollar je Aktie. Das war der höchste Quartalsgewinn, den eine US-Bank bislang ausgewiesen hat. Die Schlagzeile erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte: Ein erheblicher Anteil entfiel auf Gewinne aus Visa-Aktien und weiteren Beteiligungen.

Bereinigt um diese Sondereffekte verdiente JPMorgan 16,9 Mrd. US-Dollar oder 6,14 US-Dollar je Aktie. Auch das war deutlich mehr als im Vorjahresquartal und stärker als vom Markt erwartet. Die Bank brauchte den Einmaleffekt also nicht, um ein hervorragendes Ergebnis zu präsentieren. Er machte aus einem sehr starken Quartal lediglich ein historisches.

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Der Rekordgewinn ist größer als die operative Wahrheit

 

Die Differenz zwischen ausgewiesenem und bereinigtem Ergebnis ist für die Bewertung entscheidend. JPMorgan verbuchte einen Nettogewinn von 4,6 Mrd. US-Dollar im Zusammenhang mit Visa-Aktien. Weitere Gewinne von insgesamt 1,0 Mrd. US-Dollar kamen aus bestimmten Beteiligungen. Nach Steuern erhöhten diese Positionen das Quartalsergebnis um rund 4,2 Mrd. US-Dollar.

Damit sollte die Rekordzahl nicht einfach auf die kommenden Quartale hochgerechnet werden. Dennoch wäre es ebenso falsch, das Ergebnis als bilanzielles Strohfeuer abzutun. Der Quartalsbericht von JPMorgan zeigt, dass die Erträge in sämtlichen Geschäftsbereichen neue Höchststände erreichten.

Der ausgewiesene Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahresquartal um 28 % auf 57,3 Mrd. US-Dollar. Auf der von JPMorgan verwendeten bereinigten Basis waren es 58,0 Mrd. US-Dollar. Selbst ohne die genannten Sondereffekte lag das Umsatzwachstum bei 15 %. Das ist für eine Bank mit einer Bilanzsumme von rund 5 Bio. US-Dollar ungewöhnlich dynamisch.

Das Quartal war damit weniger ein einzelner Gewinnsprung als eine Demonstration der Breite. JPMorgan verdiente gleichzeitig an Krediten, Einlagen, Vermögensverwaltung, Zahlungsverkehr, Börsenhandel und Unternehmensübernahmen. Genau diese Diversifikation unterscheidet den Konzern von stärker spezialisierten Investmentbanken oder regional ausgerichteten Kreditinstituten.

 

Die Wall Street ist wieder eine Gebührenmaschine

 

Der stärkste Wahrnehmungswechsel fand im Kapitalmarktgeschäft statt. Die Gebühren im Investmentbanking erhöhten sich um 30 % auf 3,3 Mrd. US-Dollar und erreichten damit den höchsten Stand seit 2021. Aktienemissionen, große Börsengänge und eine wieder lebhaftere Fusions- und Übernahmetätigkeit brachten Unternehmen zurück an den Markt.

JPMorgan führte nach eigenen Angaben im ersten Halbjahr die weltweite Rangliste bei Investmentbanking-Gebühren an. Der Marktanteil lag bei 9,3 %. Das ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern Ausdruck einer Plattform, die Beratung, Finanzierung, Emission und Handel innerhalb eines Konzerns verbinden kann.

Auch die weitere Pipeline wird vom Management als robust beschrieben. Ein gut gefülltes Auftragsbuch garantiert zwar keinen Abschluss, denn Börsengänge und Übernahmen können bei einem Stimmungsumschwung schnell verschoben werden. Der aktuelle Zyklus trägt aber mehr als nur einzelne Großtransaktionen. Die hohe Aktivität beginnt nach Einschätzung der Bank, weitere Aktivität anzuziehen.

 

Aktienhandel wurde zum eigentlichen Überraschungsblock

 

Noch eindrucksvoller entwickelte sich das Handelsgeschäft. Die Markterträge stiegen um 35 % auf 12,1 Mrd. US-Dollar. Während der Handel mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen um 6 % zulegte, schnellten die Erträge im Aktienhandel um 86 % auf 6,0 Mrd. US-Dollar nach oben.

Dahinter stand ein ungewöhnlich günstiges Umfeld für große Handelsplattformen. Schwankungen bei Technologieaktien, geopolitische Spannungen und starke Bewegungen an den Energie- und Kapitalmärkten sorgten für höhere Kundenaktivität. Anleger mussten Positionen absichern, Portfolios neu ausrichten und Finanzierungen strukturieren. JPMorgan verdiente an vielen dieser Bewegungen, ohne ausschließlich auf eine bestimmte Marktrichtung angewiesen zu sein.

Genau hier liegt zugleich die Grenze der Hochrechnung. Ein Quartal mit hoher Volatilität, großen Emissionen und aktiven Kunden ist für eine Investmentbank nahezu ideal. Es wäre riskant anzunehmen, dass ein Zuwachs von 86 % im Aktienhandel zur neuen Normalität wird. Auch CEO Jamie Dimon bezeichnete das Umfeld als besonders günstig und warnte davor, dessen Dauer zu überschätzen.

 

Die klassische Bank liefert ebenfalls Wachstum

 

Das Ergebnis hing nicht allein von der Wall Street ab. Die durchschnittlichen Kredite im Gesamtkonzern stiegen um 10 %, die durchschnittlichen Einlagen um 7 %. Der Nettozinsertrag legte einschließlich des Handelsgeschäfts auf 25,6 Mrd. US-Dollar zu.

Ohne Markets erreichte der Nettozinsertrag 23,7 Mrd. US-Dollar und lag 4 % über dem Vorjahreswert. Höhere Einlagen, steigende revolvierende Kreditkartensalden und wachsende Unternehmenskredite glichen die Belastungen durch niedrigere Zinsen aus. JPMorgan erhöhte daraufhin die Prognose für den Nettozinsertrag ohne Markets im Gesamtjahr auf rund 96,5 Mrd. US-Dollar. Zuvor waren 95 Mrd. US-Dollar erwartet worden.

Im Privatkundengeschäft stiegen die Erträge um 8 % auf 20,3 Mrd. US-Dollar. Kredit- und Debitkartenumsätze legten um 10 % zu, während die Zahl der aktiven Mobilkunden um 6 % wuchs. Die Bank gewinnt damit weiterhin Kunden und Transaktionsvolumen, obwohl ihre Ausgangsbasis bereits enorm ist.

 

Die Kreditqualität zeigt noch keinen Bruch

 

Die Kosten für Kreditrisiken beliefen sich im Quartal auf 2,5 Mrd. US-Dollar. Davon entfielen 2,4 Mrd. US-Dollar auf tatsächliche Kreditausfälle und 149 Mio. US-Dollar auf einen Nettoaufbau von Rückstellungen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Risikovorsorge.

Im Kreditkartengeschäft lag die Ausfallquote bei 3,34 %. Der Wert bleibt erhöht, signalisiert bislang aber keine abrupte Verschlechterung des US-Verbrauchers. Konsumausgaben und Kreditnachfrage entwickelten sich nach Darstellung der Bank weiter stabil.

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Eine Entwarnung für den gesamten Zyklus lässt sich daraus nicht ableiten. Höhere Lebenshaltungskosten und ein weiterhin anspruchsvolles Zinsniveau belasten besonders einkommensschwächere Haushalte. Für JPMorgan ist jedoch entscheidend, dass die Kreditkosten bislang nicht schneller steigen als die Erträge. Genau diese Relation hält das Privatkundengeschäft profitabel.

Die starke Kapitalausstattung verschafft zusätzlich Spielraum. Die harte Kernkapitalquote lag nach standardisiertem Ansatz bei 14,1 %. JPMorgan verfügte über rund 1,5 Bio. US-Dollar an Barmitteln und handelbaren Wertpapieren. Die Bank kann dadurch Wachstum finanzieren, Risiken abfedern und gleichzeitig erhebliche Summen an ihre Aktionäre ausschütten.

 

Vermögensverwaltung überschreitet die nächste Größenordnung

 

Im Asset- und Wealth-Management stiegen die Erträge um 19 % auf 6,9 Mrd. US-Dollar. Das Segment verdiente knapp 2,0 Mrd. US-Dollar und erreichte eine Eigenkapitalrendite von 48 %.

Die verwalteten Vermögen erhöhten sich um 18 % auf 5,1 Bio. US-Dollar. Langfristige Nettomittelzuflüsse von 50 Mrd. US-Dollar zeigen, dass der Anstieg nicht allein auf steigende Börsenkurse zurückzuführen war. Die gesamten Kundenvermögen lagen bei 7,7 Bio. US-Dollar.

Dieser Geschäftsbereich gibt dem Konzern einen weiteren Ertragsstrom, der weniger kapitalintensiv ist als das klassische Kreditgeschäft. Steigende Märkte und neue Kundengelder erhöhen die Gebührenbasis. Bei einer Börsenkorrektur funktioniert dieser Hebel allerdings auch in die andere Richtung.

 

Die Billionenmarke verändert den Bewertungsmaßstab

 

Nach der Zahlenvorlage stieg die Marktkapitalisierung zeitweise auf mehr als 920 Mrd. US-Dollar. Damit rückte JPMorgan in Reichweite der symbolischen Billionenmarke. Ein solcher Wert war bislang vor allem Technologie- und Plattformkonzernen vorbehalten.

Der Reuters-Blick auf die mögliche Billionenbewertung macht deutlich, dass JPMorgan bereits mit einem Aufschlag gegenüber dem breiteren US-Bankensektor gehandelt wird. Investoren bezahlen nicht nur die aktuellen Gewinne, sondern die Kombination aus Größe, Marktanteilen, Bilanzqualität und der langjährigen Führung unter Jamie Dimon.

Diese Prämie ist nachvollziehbar, aber nicht kostenlos. Je näher die Bank der Billionenbewertung kommt, desto weniger Raum bleibt für operative Fehler. Ein Einbruch der Handelsaktivität, schwächere Kreditqualität oder höhere Ausgaben könnten bei einer ambitionierten Bewertung schwerer wiegen als in früheren Jahren.

 

 

 

Höhere Kosten sind diesmal die Folge des Erfolgs

 

Die Aufwendungen stiegen im zweiten Quartal um 15 % auf 27,3 Mrd. US-Dollar. Höhere erfolgsabhängige Vergütungen, zusätzliche Mitarbeiter im Frontoffice, Technologiekosten, Marketing und Handelsabwicklung verteuerten den Betrieb.

JPMorgan erhöhte die erwarteten Jahreskosten auf rund 107,5 Mrd. US-Dollar. Zuvor hatte die Bank mit etwa 105 Mrd. US-Dollar kalkuliert. Das ist ein Punkt, den Anleger trotz der Rekorderträge nicht übersehen sollten. Ein Teil der höheren Kosten folgt direkt aus den zusätzlichen Einnahmen und Provisionen. Andere Ausgaben, insbesondere für Technologie, Filialen und Personal, bleiben auch dann bestehen, wenn die Kapitalmarktaktivität abkühlt.

Die derzeitige Ertragskraft absorbiert diese Belastung ohne Schwierigkeiten. Entscheidend wird jedoch sein, ob JPMorgan seine Investitionen auch in einem weniger günstigen Handelsumfeld in überdurchschnittliches Wachstum übersetzen kann.

 

Kapitalrückführung verstärkt die Größenstory

 

Im Quartal schüttete JPMorgan 4,0 Mrd. US-Dollar über die Stammdividende aus und kaufte netto eigene Aktien im Wert von 6,2 Mrd. US-Dollar zurück. Der materielle Buchwert je Aktie stieg gegenüber dem Vorjahr um 10 % auf 113,35 US-Dollar.

Die Kombination aus Gewinnwachstum und Rückkäufen erhöht den Gewinnanteil der verbleibenden Aktionäre. Allerdings wird auch hier die Bewertung relevant. Je höher der Aktienkurs steigt, desto weniger Buchwert erwirbt die Bank mit jedem eingesetzten Rückkauf-Dollar.

JPMorgan kann sich diese Kapitalverwendung aufgrund seiner hohen Kernkapitalquote leisten. Der Rückkauf bleibt dennoch kein Ersatz für operatives Wachstum. Er ist vielmehr ein zusätzlicher Verstärker einer Ertragsmaschine, die derzeit auf nahezu allen Ebenen funktioniert.

 

Das Quartal zeigt Dominanz, aber kein dauerhaft perfektes Umfeld

 

JPMorgan hat im zweiten Quartal gezeigt, warum der Konzern an der Börse anders bewertet wird als viele Wettbewerber. Die Bank profitierte vom Wiederaufleben des Investmentbankings, von hoher Handelsaktivität, steigenden Krediten, stabilen Verbrauchern und starken Mittelzuflüssen in der Vermögensverwaltung. Kaum ein anderes Institut kann so viele günstige Marktbewegungen gleichzeitig in Erträge verwandeln.

Der Rekordgewinn selbst ist wegen der Beteiligungsgewinne nur eingeschränkt wiederholbar. Das bereinigte Ergebnis bleibt dennoch stark genug, um die grundlegende Aussage zu tragen. JPMorgan befindet sich operativ in einer außergewöhnlichen Position.

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Die Billionenmarke wäre deshalb mehr als eine runde Zahl, aber weniger als ein neuer Unternehmenswert. Sie würde bestätigen, wie weit sich JPMorgan von klassischen Bankenmaßstäben entfernt hat. Danach beginnt jedoch die schwierigere Phase: Ein Konzern, der wie ein globaler Plattformwert bewertet wird, muss auch dann überdurchschnittlich liefern, wenn Handelsvolumen, Börsengänge und Kreditzyklus nicht mehr gleichzeitig Rückenwind geben.

 

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16.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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