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Nordex liefert die Dynamik, E.ON und RWE das Kapital

Neue Windkraftaufträge treffen auf milliardenschwere Netze und Erzeugungsprojekte – doch an der Börse werden Wachstum, Berechenbarkeit und Investitionsrisiken sehr unterschiedlich bewertet

NTG24 - Nordex liefert die Dynamik, E.ON und RWE das Kapital

 

Die Energiewende ist an der Börse keine einheitliche Geschichte. Nordex verkauft die Anlagen, E.ON baut und betreibt einen großen Teil der notwendigen Netzinfrastruktur, während RWE Windparks, Solaranlagen, Batteriespeicher und flexible Kraftwerke entwickelt. Alle drei Konzerne profitieren grundsätzlich vom steigenden Strombedarf und dem Umbau des Energiesystems. Für Anleger entstehen daraus dennoch drei sehr verschiedene Aktiengeschichten.

Nordex (DE000A0D6554) hat dafür in den vergangenen Tagen das deutlichste operative Signal geliefert. Der Auftragseingang im Projektgeschäft erreichte im zweiten Quartal 3.054 MW und lag damit 32,2 % über dem Vorjahreswert. Im gesamten ersten Halbjahr kamen Bestellungen über 4.923 MW zusammen. Der Turbinenhersteller zeigt damit, dass die Nachfrage nicht nur politisch diskutiert wird, sondern zunehmend in konkrete Bestellungen übergeht.

Die Größenordnung allein erklärt allerdings noch nicht die Neubewertung der Aktie. Wichtiger ist, dass Nordex inzwischen höhere Bestellungen mit einer erkennbaren Verbesserung der Profitabilität verbindet. In früheren Windkraftzyklen führten volle Auftragsbücher regelmäßig zu Umsatzwachstum, aber nicht automatisch zu auskömmlichen Margen. Genau diese alte Schwachstelle beginnt sich zu verändern.

 

Nordex muss nicht mehr nur Wachstum versprechen

 

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Die Aufträge des zweiten Quartals kamen aus zehn Ländern. Deutschland und die USA lieferten die größten Beiträge, daneben gingen Bestellungen unter anderem aus Kanada, Großbritannien und mehreren europäischen Märkten ein. Der durchschnittliche Verkaufspreis blieb nach Unternehmensangaben stabil. Das ist entscheidend, weil starkes Volumen wenig wert wäre, wenn Nordex dafür erneut aggressive Preiszugeständnisse machen müsste.

Der Auftragseingang für das zweite Quartal enthält noch einen zweiten wichtigen Hinweis: Nordamerika wird wieder relevanter. Nach Jahren regulatorischer Unsicherheit und einer schwachen Position im US-Markt profitiert Nordex nun von größeren Bestellungen, darunter einem Auftrag über 325 MW, den der Konzern Ende Juni gemeldet hatte.

Damit verbreitert sich die Erzählung. Nordex war zuletzt stark von Europa und insbesondere Deutschland getragen. Ein größerer US-Anteil könnte zusätzliche Wachstumschancen eröffnen und die regionale Abhängigkeit verringern. Gleichzeitig bleibt der Markt politisch sensibel. Steuerregeln, Zölle, Genehmigungen und Anforderungen an lokale Produktion können die Wirtschaftlichkeit amerikanischer Projekte schnell verändern.

Der operative Fortschritt ist bereits in den Zahlen sichtbar. Im ersten Quartal 2026 setzte Nordex rund 1,6 Mrd. Euro um. Das EBITDA stieg um etwa 64 % auf 130,7 Mio. Euro, während sich die Marge von 5,5 % auf 8,2 % verbesserte. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Marge für den Konzern kaum vorstellbar gewesen. Heute ist sie der Ausgangspunkt für ein Gesamtjahresziel von 10 % bis 12 %.

Für 2026 erwartet das Management einen Umsatz zwischen 8,2 Mrd. und 9,0 Mrd. Euro. Nach dem starken ersten Quartal und dem hohen Auftragseingang sieht Nordex die eigene Prognose weiterhin als erreichbar an. Der nächste Prüfpunkt liegt deshalb nicht mehr bei der Nachfrage. Er liegt bei der Produktion, den Projektkosten und der Frage, wie schnell der höhere Auftragsbestand in profitablen Umsatz überführt wird.

 

Die Aktie hat einen großen Teil des Fortschritts bereits entdeckt

 

Die Börse behandelt Nordex inzwischen nicht mehr wie einen dauerhaften Sanierungsfall. Nach der deutlichen Neubewertung der vergangenen Monate bewegte sich der Titel am Donnerstag je nach Handelszeitpunkt im Bereich um rund 40 Euro. Damit liegt er zwar unter den zwischenzeitlich erreichten Hochs, aber weiterhin weit über den Kursregionen des vergangenen Jahres.

Das verändert das Risiko. Als die Aktie noch überwiegend Zweifel an Margen und Bilanz widerspiegelte, genügte jede operative Verbesserung für einen kräftigen Kursimpuls. Inzwischen erwartet der Markt, dass Nordex seine Margenziele tatsächlich erreicht und den Auftragseingang ohne neue Kostenprobleme abarbeitet.

Der Chart steht deshalb nicht für eine unentdeckte Windkraftwette. Er zeigt einen Konzern, dessen Sanierungserfolg zunehmend eingepreist wird. Weitere Kursfantasie muss nun stärker aus nachhaltiger Profitabilität, positivem Cashflow und einer belastbaren Position im US-Geschäft kommen.

 

 

 

E.ON verdient nicht an der Turbine, sondern an der Verbindung

 

Während Nordex von neuen Windkraftprojekten lebt, befindet sich E.ON (DE000ENAG999) an einer anderen Stelle der Wertschöpfungskette. Der Konzern produziert kaum noch selbst Strom. Sein wichtigstes Geschäft sind regulierte Energienetze, über die Wind- und Solarstrom zu Verbrauchern, Industrieanlagen, Wärmepumpen, Batteriespeichern und Rechenzentren transportiert werden muss.

Diese Position macht E.ON weniger dynamisch, aber planbarer. Ein Turbinenhersteller ist von einzelnen Bestellungen, Materialkosten und Projektabwicklung abhängig. Netzbetreiber erhalten dagegen regulierte Renditen auf ihre investierte Kapitalbasis. Je stärker Stromerzeugung und Verbrauch elektrifiziert werden, desto mehr muss in Leitungen, Umspannwerke, Anschlüsse und digitale Steuerung investiert werden.

E.ON plant für die Jahre 2026 bis 2030 Investitionen von insgesamt 48 Mrd. Euro. Der größte Teil soll in die Energienetze fließen. Das ist einerseits ein außergewöhnlich langfristiger Wachstumspfad. Andererseits muss der Konzern diese Investitionen vorfinanzieren und darauf vertrauen können, dass Regulierungsbehörden angemessene Renditen erlauben.

Im ersten Quartal stieg das bereinigte EBITDA um 2 % auf 3,3 Mrd. Euro. Der bereinigte Konzernüberschuss erhöhte sich um 7 % auf rund 1,34 Mrd. Euro. E.ON bestätigte daraufhin die Prognose für das Gesamtjahr: Erwartet werden ein bereinigtes EBITDA zwischen 9,4 Mrd. und 9,6 Mrd. Euro sowie ein bereinigter Konzernüberschuss zwischen 2,7 Mrd. und 2,9 Mrd. Euro.

Der Blick auf die Ergebnisse des ersten Quartals zeigt den Charakter des Konzerns sehr deutlich. Das Wachstum ist nicht explosionsartig, dafür stammen große Teile des Ergebnisses aus regulierten oder langfristig vertraglich abgesicherten Aktivitäten. Diese Berechenbarkeit hat die Aktie in der Nähe ihrer jüngsten Höchststände gehalten.

 

Der Rückgang am Donnerstag ändert die E.ON-Geschichte kaum

 

Am aktuellen Handelstag geriet E.ON gemeinsam mit dem schwächeren Gesamtmarkt unter Druck. Der Kurs fiel zeitweise in den Bereich um 19 Euro. Nach dem starken Lauf der vergangenen Monate ist eine solche Bewegung jedoch eher eine Bewertungsreaktion als ein neues operatives Signal.

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Die Aktie handelt inzwischen nicht mehr nur ihren defensiven Charakter. Der Markt bewertet E.ON zunehmend als Infrastrukturwert, der vom enormen Kapitalbedarf der europäischen Stromnetze profitiert. Das hat den Kurs unterstützt, hebt aber zugleich die Erwartungen. Regulatorische Verzögerungen, steigende Finanzierungskosten oder eine langsamere Genehmigung neuer Netzprojekte könnten die Rendite auf das eingesetzte Kapital belasten.

Auch die geplante Übernahme des britischen Energieversorgers Ovo Energy zeigt, dass E.ON neben den Netzen wieder gezielt im Kundengeschäft wachsen will. Entscheidend wird sein, ob zusätzliche Kunden und Plattformen tatsächlich Synergien bringen oder lediglich Volumen in ein margenschwaches Geschäft aufnehmen.

Für Anleger bleibt E.ON damit die berechenbarste der drei Aktien. Die Dividende von 0,57 Euro für das Geschäftsjahr 2025 und das Ziel, sie bis 2030 jährlich um bis zu 5 % zu erhöhen, passen zum defensiven Profil. Große Kurssprünge sind weniger wahrscheinlich als bei Nordex. Dafür ist das Geschäftsmodell deutlich weniger von einzelnen Auftragseingängen oder Strompreisschwankungen abhängig.

 

RWE baut nicht nur Windparks, sondern ein neues Kraftwerkssystem

 

RWE (DE0007037129) liegt zwischen den beiden anderen Geschäftsmodellen. Der Konzern ist weder reiner Anlagenhersteller noch vorwiegend regulierter Netzbetreiber. RWE investiert selbst in Windkraft, Solarenergie, Batteriespeicher und flexible Erzeugungskapazitäten. Dadurch trägt das Unternehmen mehr Projekt- und Strompreisrisiko, kann bei erfolgreichen Investitionen aber auch höhere Renditen erzielen.

Im ersten Quartal stieg das bereinigte EBITDA um 25 % auf rund 1,6 Mrd. Euro. Der bereinigte Konzernüberschuss erhöhte sich auf 608 Mio. Euro, das bereinigte Ergebnis je Aktie erreichte 0,85 Euro. Zu der Verbesserung trugen insbesondere eine höhere Stromproduktion aus erneuerbaren Anlagen und ein Entschädigungseffekt in den Niederlanden bei.

RWE bestätigte den Ausblick für 2026. Der Konzern erwartet weiterhin ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,2 Mrd. und 5,8 Mrd. Euro. Der bereinigte Konzernüberschuss soll zwischen 1,55 Mrd. und 2,05 Mrd. Euro liegen, das bereinigte Ergebnis je Aktie zwischen 2,20 Euro und 2,90 Euro. Für das laufende Geschäftsjahr ist eine Dividende von 1,32 Euro je Aktie vorgesehen.

Die Mitteilung zum Jahresauftakt zeigt zugleich die Dimension des Investitionsprogramms. Seit März 2025 erhöhte RWE seine Erzeugungskapazität um 2,3 GW. Weitere Projekte mit einer anteiligen Kapazität von insgesamt 10,4 GW befanden sich Ende des ersten Quartals im Bau.

Genau diese Pipeline macht den Konzern interessant. Sie bindet allerdings erhebliche Mittel. Die Nettoverschuldung stieg im ersten Quartal unter anderem aufgrund saisonaler Effekte und der laufenden Wachstumsinvestitionen. Anders als E.ON kann RWE nicht darauf vertrauen, dass nahezu jedes neue Projekt eine regulierte Rendite erhält. Baukosten, Strompreise, Zinsen, Lieferketten und politische Förderregeln entscheiden mit.

 

RWE wird inzwischen für Wachstum und nicht mehr nur für Dividende gekauft

 

Die Aktie hat sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich nach oben bewegt und näherte sich zeitweise der Marke von 60 Euro. Am Donnerstag fiel sie im schwächeren Marktumfeld in den Bereich um rund 55 Euro zurück. Auch hier ist die Tagesbewegung weniger wichtig als der veränderte Bewertungsrahmen.

RWE war lange ein klassischer Versorgerwert, der vor allem über Dividende und Strompreise beurteilt wurde. Heute zahlt der Markt zusätzlich für eine globale Projektpipeline. Offshore-Wind, Onshore-Wind, Solar, Speicher und flexible Gaskraftwerke schaffen mehrere Wachstumspfade, erhöhen aber zugleich die Komplexität.

Eine Investition von 25 Mio. Euro in das Münchner Fusionsunternehmen Proxima Fusion ist finanziell noch klein, zeigt aber den strategischen Anspruch. RWE will nicht nur bestehende erneuerbare Technologien skalieren, sondern auch mögliche langfristige Erzeugungsoptionen beobachten. Für die aktuelle Bewertung bleibt jedoch wichtiger, ob die bereits im Bau befindlichen Projekte termingerecht und innerhalb ihrer Budgets ans Netz gehen.

 

Drei Aktien, aber keine einheitliche Energiewende-Wette

 

Nordex, E.ON und RWE profitieren alle vom gleichen strukturellen Trend: Der Strombedarf steigt, fossile Erzeugung soll zurückgehen und das Energiesystem muss erneuert werden. Die finanziellen Mechanismen unterscheiden sich dennoch grundlegend.

Nordex bietet den größten direkten Hebel auf neue Windkraftbestellungen. Steigende Stückzahlen und bessere Margen können den Gewinn überproportional erhöhen. Dafür bleibt die Aktie am empfindlichsten gegenüber Produktionsproblemen, Preisdruck und politischen Veränderungen.

E.ON besitzt den planbarsten Investitionspfad. Der Ausbau der Netze ist keine optionale Ergänzung der Energiewende, sondern ihre Voraussetzung. Diese Stabilität wird an der Börse inzwischen höher bewertet, begrenzt aber auch das Überraschungspotenzial.

RWE trägt mehr Markt- und Projektrisiko, besitzt dafür aber eine eigene große Erzeugungs- und Entwicklungspipeline. Der Konzern kann unmittelbar an höheren Strompreisen und erfolgreichen Projekten verdienen, muss jedoch hohe Investitionen, Schulden und lange Bauzeiten kontrollieren.

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Der aktuelle Handelstag brachte bei E.ON und RWE Gewinnmitnahmen, während Nordex nach dem starken Auftragssignal vergleichsweise widerstandsfähig blieb. Daraus lässt sich noch keine neue Richtung ableiten. Sichtbar wird aber, welche Nachrichten der Markt bei jedem Wert verlangt: Nordex braucht Marge, E.ON braucht regulatorisch abgesicherte Investitionen und RWE eine disziplinierte Umsetzung seiner milliardenschweren Pipeline.

Die Energiewende verteilt ihre Erträge nicht automatisch. Sie belohnt jene Unternehmen, die zwischen politischem Ziel und physischer Umsetzung dauerhaft Kapital verdienen. Nordex, E.ON und RWE stehen jeweils an einer anderen Stelle dieses Prozesses. Genau deshalb können ihre Aktien trotz derselben Grundgeschichte sehr unterschiedlich reagieren.

 

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16.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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