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Die Rüstungsrallye verliert ihre einfache Logik

Rheinmetall und Hensoldt melden volle Bücher, neue Projekte und strategischen Rückenwind – doch an der Börse werden Programmrisiken, Prioritätenwechsel und hohe Erwartungen neu gewichtet

NTG24 - Die Rüstungsrallye verliert ihre einfache Logik

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

An Aufträgen, politischen Absichtserklärungen und technologischen Projekten mangelt es der deutschen Rüstungsindustrie nicht. Trotzdem reagieren die Aktien längst nicht mehr automatisch mit steigenden Kursen. Rheinmetall verliert trotz einer dicht gefüllten Nachrichtenpipeline an Boden, Hensoldt hat einen beträchtlichen Teil seiner früheren Euphorie abgegeben. Der Markt bestreitet den europäischen Aufrüstungszyklus nicht. Er beginnt aber, sehr viel genauer zwischen Verteidigungsbudget, konkretem Programm, industrieller Umsetzung und bereits eingepreister Fantasie zu unterscheiden.

Rheinmetall (DE0007030009) lieferte in den vergangenen Tagen beinahe im Tagesrhythmus neue Meldungen. Ein Vertrag über knapp 1 Mrd. Euro für die Digitalisierung der Gefechtsausbildung der britischen Armee, ein Entwicklungsauftrag für ein Marine-Laserwaffensystem, Pläne zur europäischen Produktion von ATACMS-Raketen und neue Aktivitäten bei autonomen Militärkonvois unterstreichen die Breite des Konzerns.

Die Aktie konnte diese Nachrichten jedoch nicht in einen neuen Aufwärtsimpuls übersetzen. Am Dienstag bewegte sich der Titel je nach Zeitpunkt im Bereich um knapp 1.000 Euro und damit weit unter den Höchstständen der vergangenen zwölf Monate. Einzelne Kursangaben unterscheiden sich nach Quelle, Handelsplatz und Datenzeitpunkt. Das übergeordnete Bild ist dennoch eindeutig: Gute Nachrichten treffen momentan auf einen Markt, der weniger Begeisterung und mehr operative Belege verlangt.

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Die F126-Absage hat die Wahrnehmung verändert

 

Der Wendepunkt war nicht das Ausbleiben neuer Aufträge, sondern die Absage des deutschen F126-Fregattenprogramms. Rheinmetall hatte mit dem Marinegeschäft große Erwartungen verbunden. Nach Angaben des Unternehmens führt die Entscheidung dazu, dass die für das zweite Quartal erwartete Rheinmetall Nomination um rund 20 Mrd. Euro niedriger ausfällt als einschließlich des F126-Programms angenommen.

Das klingt dramatischer, als es für Umsatz und Ergebnis zunächst sein muss. Rheinmetall bestätigte gleichzeitig die zuvor kommunizierte Erwartung, im zweiten Quartal ein Umsatzwachstum von mehr als 60 % zu erreichen. Ohne Gegenmaßnahmen könnte die Absage den Umsatz des Gesamtjahres allerdings mit bis zu 300 Mio. Euro belasten. Eine genauere Bewertung soll mit den Quartalszahlen am 6. August folgen.

Die Ad-hoc-Mitteilung zur F126-Absage ist deshalb mehr als eine Projektmeldung. Sie erinnert daran, dass selbst in einem politisch stark unterstützten Sektor große Programme nicht automatisch beschlossen und umgesetzt werden. Kostensteigerungen, Verzögerungen und veränderte militärische Prioritäten können Milliardenvolumen verschieben oder vollständig neu verteilen.

Für Rheinmetall wird damit sichtbar, was die Bewertung lange überdeckt hatte: Ein sehr großer Auftragsbestand bietet hohe Planbarkeit, schützt aber nicht vor dem Risiko einzelner Großprogramme. Gerade im Marinegeschäft sind Entwicklungszeiten lang, politische Entscheidungen komplex und Vertragsstrukturen schwerer vorhersehbar als bei laufenden Munitionsabrufen.

Dass der Konzern unmittelbar danach weitere Aufträge meldete, entschärft das Problem, beseitigt es aber nicht. Der britische Trainingsvertrag läuft über 15 Jahre und hat für Rheinmetall ein Volumen von knapp 1 Mrd. Euro. Das neue Marine-Laserprojekt mit MBDA liegt im mittleren dreistelligen Millionenbereich. Solche Programme verbreitern das Geschäft und stützen die langfristige Position. Sie ersetzen jedoch nicht kurzfristig eine erwartete Bestellung in der Größenordnung des F126-Pakets.

 

Hensoldt ist näher an den neuen Prioritäten – aber nicht außerhalb des Risikos

 

Hensoldt (DE000HAG0005) wird häufig als direkter Profiteur jener Prioritätenverschiebung gesehen, die derzeit Teile der Rüstungsbranche beschäftigt. Moderne Luftverteidigung, Drohnenerkennung, elektronische Kampfführung, Aufklärung und vernetzte Operationsführung benötigen Radar, Optronik, Software und Sensorfusion. Genau dort liegt der Schwerpunkt des Unternehmens.

Diese Positionierung macht Hensoldt strategisch attraktiv. Sie macht die Aktie aber nicht immun gegen Programmentscheidungen. Auch Hensoldt war mit dem maritimen Überwachungsradar TRS-4D am F126-Projekt beteiligt. Das gesamte Vertragsvolumen für das Unternehmen lag bei etwas mehr als 200 Mio. Euro, von denen bereits mehr als ein Drittel als Umsatz verbucht wurde.

Anders als Rheinmetall erwartet Hensoldt nach aktuellem Stand keine Auswirkungen auf die kurz- oder mittelfristige Prognose. Für das laufende Jahr sollen aus dem Programm weiterhin Erlöse im niedrigen zweistelligen Millionenbereich anfallen. Zudem handelt es sich beim TRS-4D nicht um eine ausschließlich für F126 entwickelte Speziallösung, sondern um eine bereits auf anderen Schiffsklassen eingesetzte Produktfamilie.

Die Einordnung von Hensoldt zum F126-Programm zeigt damit einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Unternehmen. Für Hensoldt geht es weniger um den Verlust eines großen neuen Konzernsegments als um die vertragliche Abwicklung eines einzelnen Sensorpakets. Das Risiko ist überschaubarer, aber nicht irrelevant.

 

Volle Auftragsbücher reichen nicht mehr als Kaufargument

 

Die operative Ausgangslage von Hensoldt bleibt stark. Im ersten Quartal 2026 stieg der Auftragseingang auf 1,483 Mrd. Euro und damit auf mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts. Der Auftragsbestand erreichte mit 9,801 Mrd. Euro einen neuen Rekord. Der Umsatz erhöhte sich auf 496 Mio. Euro, während das bereinigte EBITDA von 30 Mio. auf 44 Mio. Euro zunahm. Die bereinigte EBITDA-Marge verbesserte sich von 7,6 % auf 8,9 %.

Getragen wurde der Auftragseingang unter anderem von Ausrüstungen für die Plattformen Schakal und Puma sowie von Erweiterungen für Eurofighter-Radare. Das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz lag bei 3,0. Die Q1-Zahlen des Sensorherstellers belegen damit, dass die Nachfrage nicht nur politisch diskutiert wird, sondern bereits in Verträge einfließt.

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Dennoch wurde auch Hensoldt zuletzt deutlich zurückgenommen. Am Dienstagnachmittag wies die Investor-Relations-Seite einen verzögerten Xetra-Kurs von rund 73 Euro aus. Damit lag der Titel erheblich unter seinem 52-Wochen-Hoch. Die genaue Tagesveränderung hängt vom jeweiligen Abrufzeitpunkt ab, die schwächere Grundtendenz der vergangenen Handelstage ist jedoch klar erkennbar.

Diese Reaktion ist kein Beweis für ein operatives Problem. Sie zeigt vielmehr, dass ein Auftragsbestand allein nicht mehr genügt. Anleger fragen inzwischen nach der Geschwindigkeit der Auslieferungen, dem Anteil margenstarker eigener Technologie, der Höhe notwendiger Vorleistungen und der Frage, wie viel zusätzliches Wachstum bereits in der Bewertung enthalten war.

 

 

 

Rheinmetall und Hensoldt gehören zur selben Kette, aber nicht zur selben Wette

 

Rheinmetall und Hensoldt werden an der Börse häufig gemeinsam bewegt, operativ erfüllen sie jedoch unterschiedliche Rollen. Rheinmetall ist stärker als Plattform-, Waffen-, Munitions- und Systemanbieter positioniert. Der Konzern baut Fahrzeuge, produziert Munition, integriert Flugabwehr und erweitert sein Geschäft in Marine, Raketen, Ausbildung, Digitalisierung und autonome Logistik.

Hensoldt liefert dagegen jene Wahrnehmungs- und Führungsfähigkeit, ohne die viele moderne Systeme kaum einsetzbar wären. Radar erkennt Ziele, Optronik liefert Bilder, elektronische Kampfführung analysiert oder stört Signale und Software führt Informationen zu einem Lagebild zusammen. Das Unternehmen verkauft damit weniger sichtbare Masse, aber technologisch kritische Komponenten.

In einzelnen Programmen arbeiten beide Konzerne direkt zusammen. Hensoldt liefert unter anderem SPEXER-Radare für Rheinmetalls Skyranger-30-Systeme. Dort ergänzt die Sensorik das Effektorsystem. Diese industrielle Beziehung ist ein gutes Beispiel für die neue Rüstungslogik: Nicht Panzer, Flugabwehrkanone, Radar oder Software allein entscheiden, sondern das vernetzte Zusammenspiel.

Gerade deshalb ist die gegenwärtige Diskussion über eine Verschiebung von klassischen Landsystemen hin zu Luftverteidigung, Drohnen, Aufklärung und weitreichender Wirkung nicht schwarz-weiß. Rheinmetall ist keineswegs nur ein Panzerhersteller und Hensoldt keineswegs unabhängig von Fahrzeug- und Marineprogrammen. Beide müssen zeigen, dass ihre Produktportfolios schnell genug an die neuen Beschaffungsprioritäten angepasst werden können.

Für Rheinmetall sprechen die jüngsten Schritte bei Laserwaffen, Raketenproduktion, autonomer Logistik und digitaler Ausbildung. Für Hensoldt sprechen Radar, elektronische Kampfführung und Sensorfusion. Die Börse will nun aber sehen, wie schnell aus dieser strategischen Positionierung margenstarker Umsatz wird.

 

Cashflow wird zum wichtigeren Qualitätssignal

 

Hensoldt hat Anfang Juni die Prognose für die bereinigte Free-Cashflow-Konversion angehoben. Statt rund 40 % des bereinigten EBITDA erwartet das Unternehmen für 2026 nun rund 50 %. Als Grund wurden höhere Kundenvorauszahlungen und beschleunigte deutsche Beschaffungsprozesse genannt. Das Verschuldungsziel von rund dem 1,5-Fachen des bereinigten EBITDA wurde bestätigt.

Die angehobene Cashflow-Prognose ist für die aktuelle Bewertung wichtiger als eine weitere allgemeine Aussage über steigende Verteidigungsausgaben. Vorauszahlungen helfen dem Unternehmen, Kapazitäten, Forschung und Material zu finanzieren, ohne den Verschuldungsgrad unnötig zu erhöhen. Damit wird aus politischem Rückenwind ein konkreter bilanzieller Vorteil.

Rheinmetall steht an einer anderen Stelle. Das Wachstumstempo ist höher, der Kapazitätsausbau wesentlich größer und der Kapitalbedarf entsprechend ausgeprägter. Im ersten Quartal lag der operative Free Cashflow aus fortgeführten Aktivitäten bei minus 285 Mio. Euro. Das Unternehmen begründete dies unter anderem mit dem Aufbau von Vorräten und Working Capital für das geplante Wachstum.

Dieser Mittelabfluss ist in einer Ausbauphase nicht ungewöhnlich. Er verschiebt jedoch den Maßstab. Der Konzern wird nicht nur daran gemessen, wie viele Milliarden im Auftragsbestand stehen, sondern auch daran, wie effizient neue Fabriken, Bestände und Vorleistungen in Auslieferungen und Zahlungsmittelzuflüsse übergehen.

 

Der Markt handelt keine Abrüstung, sondern weniger Vorschuss

 

Die schwächeren Aktienkurse von Rheinmetall und Hensoldt widersprechen nicht automatisch dem langfristigen Aufrüstungstrend. Deutschland und andere europäische Staaten wollen Verteidigung, Luftabwehr, Munition, Aufklärung, Weltraumkommunikation und militärische Digitalisierung weiter ausbauen. Die Projekte der vergangenen Tage zeigen, wie breit dieser Bedarf inzwischen ist.

Verändert hat sich vor allem die Bereitschaft der Börse, jede denkbare Bestellung bereits vor Vertragsabschluss vollständig zu bewerten. Die F126-Entscheidung hat demonstriert, dass politische Priorität nicht mit Auftragsgarantie gleichzusetzen ist. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass zusätzliche Mittel stärker zwischen Landsystemen, Raketen, Flugabwehr, Drohnen, Sensorik, Kommunikation und Weltraum verteilt werden.

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Für Hensoldt kann diese Entwicklung strukturell günstig sein, weil Sensoren und elektronische Aufklärung in nahezu allen modernen Operationsbereichen benötigt werden. Der Konzern muss trotzdem Margen, Lieferfähigkeit und Integration der Zukäufe kontrollieren. Für Rheinmetall liegt die Aufgabe darin, die eigene Breite tatsächlich als Vorteil zu nutzen und Ausfälle einzelner Großprogramme durch andere Systeme und Märkte abzufedern.

Die Aktien handeln deshalb derzeit keinen Zusammenbruch der Rüstungsnachfrage. Sie handeln das Ende einer Phase, in der der politische Begriff „Zeitenwende“ beinahe jedes Bewertungsargument ersetzen konnte. Der nächste Abschnitt wird industrieller: Auftragsqualität, Programmrisiko, Kapazitätsauslastung, Cashflow und technologische Relevanz entscheiden stärker als die bloße Höhe angekündigter Verteidigungsbudgets.

 

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14.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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