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Brexit - Neue Verhandlungen und harte Konsequenzen

Last Call – weicher(er) Brexit

 

Nach dem Neustart der Verhandlungen über einen EU-Handelspakt mit Großbritannien versuchen beide Seiten nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit, endlich konkrete Fortschritte zu erreichen. Dies berichtet das Nachrichtenportal ,,EU-info.de‘‘.

Bis Mittwoch seien Gespräche in London angesetzt und danach die nächste Runde in Brüssel, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Sonntag. Die britische Regierung hatte die Gespräche über das geplante Freihandelsabkommen für die Zeit nach der Brexit-Übergangsphase ab 2021 zeitweise für beendet erklärt. Nach Zusicherungen aus Brüssel am Mittwoch vergangener Woche kehrte sie aber an den Verhandlungstisch zurück. Der Vertrag soll Zölle abwenden und Handelshemmnisse mindern.

Die Verhandlungsfrist ist nun extrem kurz: Aus EU-Sicht bleiben nur zwei bis drei Wochen, weil der Text danach noch ratifiziert werden muss.

In der schweren Corona-Wirtschaftskrise steht auch Großbritannien enorm unter Erfolgsdruck. Waren des täglichen Lebens könnten ohne den Handelspakt durch Zölle um fast ein Drittel teurer werden, warnte der Verband Logistics UK in einem Brief an die «Sunday Times». Dazu könnten etwa frisches Obst und Gemüse gehören, bei dem Großbritannien insbesondere in den Wintermonaten auf Importe angewiesen ist. Wirtschaftsverbände beider Seiten warnen seit langem für den Fall eines ,,No Deal‘‘ vor dem Einbruch des Handelsvolumens, der Unterbrechung von Lieferketten und dem Verlust Zehntausender Jobs.

In den Verhandlungen besonders umstritten waren zuletzt drei Punkte: die EU-Forderung nach gleichen Umwelt-, Sozial- und Beihilferegeln, um unfairen Wettbewerb zu verhindern; Schlichtungsregeln für mögliche Vertragsverstöße; und der Zugang von EU-Fischern zu britischen Gewässern. Beim Punkt Fischerei hatte lange vor allem Frankreich vehement unveränderte Fangrechte verlangt. Zuletzt hatte Paris seine Haltung aber gelockert, wie mit den Verhandlungen vertraute Personen Ende der Woche bestätigten.

Derweil hat nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters der Kreditversicherer Euler Hermes die ökonomischen Konsequenzen eines harten Brexits genauer berechnet. Danach ist mit einem Exporteinbruch, steigender Inflation und einer Pleitewelle auf der Insel zu rechnen.

Bis zu 15 % der britischen Ausfuhren in die EU gerieten in Gefahr, wodurch Einbußen von fast 14 Mrd. Euro drohten, heißt es in der Untersuchung des Kreditversicherers Euler Hermes.

,,Ein harter Ausstieg zusätzlich zur Covid-19-Pandemie und der sowieso schon schwierigen wirtschaftlichen Lage würde vor allem Großbritannien selbst sehr hart treffen”, sagte danach die Leiterin Makroökonomie bei der Euler Hermes Gruppe, Ana Boata.

Bei einem harten Ausstieg rechnet sie in Großbritannien im kommenden Jahr mit einer erneuten Rezession, in der das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 5 % einbrechen dürfte. Die Teuerungsrate dürfte über der Marke 5% liegen, vor allem bedingt durch die mit 15 % stark steigenden Preisen von Importen sowie einer Abwertung des britischen Pfunds von 10 % zum Euro.

Die Pleiten könnten in Großbritannien ebenfalls drastisch steigen. ,,Wir sehen mit plus 4 % schon 2020 einen Anstieg bei den Pleiten in Großbritannien, dessen Wirtschaft durch die Covid-19-Pandemie schon sehr gebeutelt ist”, sagte Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. ,,Mit einem harten Ausstieg käme es 2021 allerdings zu einem regelrechten Tsunami bei den Insel-Insolvenzen: Ein Zuwachs von voraussichtlich 53 % wäre die traurige Folge.”

Euler Hermes schätzt die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits auf 45 %. Dieser würde auch zahlreiche EU-Länder hart treffen. ,,In der EU stehen insgesamt Exporte in Höhe von rund 33 Mrd. Euro auf dem Spiel, davon drohen mit 8,2 Mrd. Euro die größten Einbußen in Deutschland”, sagt Van het Hof. Besonders die Fahrzeugindustrie, die Maschinenbauer und die Chemiebranchen würden leiden. Auch die Niederlande (4,8 Mrd. Euro) und Frankreich (3,6 Mrd.) müssten deutliche Einbußen bei ihren Exporten auf die Insel hinnehmen.

 

Fazit

 

Die Verhandlungen sind angespannt, die Zeit verrinnt, und der Stress für die Unternehmen und Verbraucher auf beiden Seiten des Ärmelkanals steigt zusehends. Mit welcher überzeugenden Strategie der britische Premier Johnson diese Härten lindern will, ist bislang nur in Umrissen sichtbar. Man wird deshalb insbesondere an den Prämien zur Absicherung gegen Zahlungs- und Forderungsausfall im Handel erkennen, in welche Richtung das ökonomische Brexit-Boot treibt.

 

26.10.2020 - Arndt Kümpel - ak@ntg24.de

 






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