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Konflikt-Coltan stellt globale Lieferketten infrage

Global Witness sieht Rohstoffe aus dem von M23 kontrollierten Rubaya-Gebiet in internationalen Lieferketten – die Responsible Minerals Initiative weist zentrale Schlussfolgerungen zurück

NTG24 - Konflikt-Coltan stellt globale Lieferketten infrage

 

Ein Rohstoff durchquert Grenzen, wird mit anderen Lieferungen vermischt und verliert spätestens in der Schmelze seine erkennbare Herkunft. Genau an diesem Punkt beginnt ein Streit, der weit über den Osten der Demokratischen Republik Kongo hinausreicht. Eine neue Untersuchung stellt infrage, wie zuverlässig internationale Prüf- und Rückverfolgungssysteme verhindern können, dass Konflikt-Coltan in Elektronik, Autos und Industrieprodukte gelangt.

Coltan ist kein börsentäglich viel beachteter Rohstoff, für moderne Lieferketten aber von erheblicher Bedeutung. Aus dem Erz wird Tantal gewonnen, das vor allem in kleinen, leistungsfähigen Kondensatoren eingesetzt wird. Nach Angaben des U.S. Geological Survey findet sich das Metall unter anderem in Mobiltelefonen, Computern, Fahrzeugelektronik und medizinischen Geräten. Weitere Anwendungen liegen in hochtemperaturfesten Legierungen für Luftfahrt und Industrie.

Diese breite Nutzung macht die Herkunftsfrage wirtschaftlich sensibel. Zwischen einer Mine in Zentralafrika und einem fertigen Smartphone, Server oder Auto liegen Händler, Exporteure, Logistikunternehmen, Schmelzen, Bauteilhersteller und mehrere Zulieferstufen. Eine sichtbare Verbindung zwischen dem Rohstoff und dem späteren Produkt existiert dann kaum noch.

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Die Organisation Global Witness will diesen Weg über ein Jahr lang verfolgt haben. Grundlage der Untersuchung seien Handels- und Zolldaten, Gespräche mit mehr als 70 Personen sowie ein Abgleich mit Erkenntnissen der Vereinten Nationen und anderer Organisationen gewesen. Demnach gelangte Coltan aus dem Bergbaugebiet Rubaya im Osten der Demokratischen Republik Kongo über die Grenze nach Ruanda, wurde dort teilweise mit einheimischer Produktion vermischt und anschließend als Ware ruandischen Ursprungs exportiert.

Rubaya steht seit Ende April 2024 unter der Kontrolle der bewaffneten M23-Bewegung. Durch Abgaben auf Förderung und Handel soll die Gruppe nach Schätzungen von UN-Experten monatlich rund 800.000 US-Dollar eingenommen haben. Global Witness geht davon aus, dass innerhalb eines Jahres mindestens 1.400 Tonnen Coltan aus der Demokratischen Republik Kongo nach Ruanda geschmuggelt wurden. Die tatsächliche Menge könne noch höher liegen.

 

Acht Schmelzen bestehen die Prüfung

 

Besonders brisant ist nicht allein der Schmuggelvorwurf, sondern der anschließende Weg durch formell kontrollierte Lieferketten. Global Witness identifizierte acht Verarbeitungsbetriebe in China, Kasachstan und Thailand, die zwischen 2023 und September 2025 einen großen Teil der aus Ruanda exportierten Ware verarbeitet haben sollen.

Alle acht Betriebe wurden 2024 oder 2025 im Responsible Minerals Assurance Process, kurz RMAP, geprüft und als konform eingestuft. Das Verfahren der Responsible Minerals Initiative untersucht, ob Schmelzen und Raffinerien geeignete Systeme zur Erfüllung ihrer Sorgfaltspflichten eingerichtet haben. Es handelt sich damit vor allem um eine Prüfung der Prozesse und Dokumentation eines Betriebs.

Nach Einschätzung von Global Witness haben mindestens vier der untersuchten Schmelzen wahrscheinlich Coltan verarbeitet, der mit dem Konflikt um Rubaya verbunden war. Die Organisation sieht darin einen Hinweis darauf, dass eine bestandene Prüfung nicht zuverlässig ausschließt, dass problematische Ware in die Lieferkette gelangt.

Der entscheidende Schwachpunkt liegt in der Plausibilitätskontrolle. Um ungewöhnliche Mengen erkennen zu können, müssten Prüfer wissen, wie viel ein bestimmtes Bergwerk realistisch produziert und welche Gesamtmengen sämtliche Händler unter Berufung auf diese Mine verkaufen. Beziehen mehrere Schmelzen über verschiedene Zwischenhändler Material aus angeblich derselben Quelle, ist eine solche Gesamtbetrachtung nur möglich, wenn Produktions-, Handels- und Lieferdaten zusammengeführt werden.

 

Die RMI widerspricht der Beweisführung

 

Die Responsible Minerals Initiative weist die Schlussfolgerungen der Untersuchung zurück. In ihrer Stellungnahme vom 10. Juni 2026 kritisiert sie, Global Witness leite die Herkunft von Rohstoffen zu stark aus einzelnen Handels- und Versanddatensätzen ab. Diese könnten weder den Zeitpunkt der Förderung noch die tatsächliche Herkunft und die Bedingungen der Produktion zuverlässig belegen.

Zwischen Abbau, Lagerung, Transport, Zollabfertigung und Verarbeitung könnten erhebliche Zeiträume liegen. Nach Angaben der RMI wurde in mindestens einem Fall eine Lieferung mehr als zwölf Monate gelagert, bevor sie eine Schmelze erreichte. Ein Transport aus dem Jahr 2025 könne deshalb Material enthalten, das vor einer Eskalation des Konflikts gefördert worden sei. Ebenso könnten jüngere Lieferungen erst Gegenstand eines späteren Prüfzyklus werden.

Die eigenen Prüfungen berücksichtigten abhängig vom jeweiligen Betrieb Hunderte oder Tausende Transaktionen entlang der Lieferkette, erklärt die Initiative. Dazu kämen unabhängige Bewertungen der internen Kontroll-, Risiko- und Beschaffungsprozesse. Die RMI hält die von Global Witness gezogenen Verbindungen deshalb nicht für ausreichend belegt.

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Die Antwort ist dennoch keine vollständige Entwarnung. Die Initiative erkennt die außergewöhnlich hohen Risiken rund um Rubaya ausdrücklich an und erklärt, ihre Prüfungen künftig möglicherweise stärker durch übergeordnete Handelsdaten und Markttrends ergänzen zu wollen. Außerdem habe sie Leitlinien zur Plausibilitätsprüfung, mineralogischen Analyse und Bewertung vorgeschalteter Kontrollsysteme verschärft.

 

Bekannte Markennamen sind kein Produktnachweis

 

Global Witness nennt auch international bekannte Technologie-, Telekommunikations- und Automobilunternehmen. Die Organisation verweist darauf, dass Amazon, Microsoft, Toyota, Sony, Nvidia, Honda, LG Display und Ericsson Verarbeiter in ihren Lieferkettenberichten aufführen, die nach den Recherchen mit möglicherweise konfliktbelastetem Coltan in Verbindung stehen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass ein bestimmtes Gerät oder Fahrzeug nachweislich Coltan aus Rubaya enthält. Die Verbindung entsteht über mehrstufige Lieferantennetzwerke und öffentlich genannte Schmelzen. Sobald Tantal aus verschiedenen Ursprüngen verarbeitet und anschließend an Bauteilhersteller verkauft wird, lässt sich eine einzelne Erzlieferung kaum noch einem konkreten Endprodukt zuordnen.

Mehrere angesprochene Unternehmen und Verarbeiter bestritten die Vorwürfe oder verwiesen auf eigene Kontrollen. Toyota erklärte gegenüber Global Witness, Menschenrechtsverletzungen nicht zu tolerieren und identifizierte Missstände bei Lieferanten zu adressieren. Sony verwies auf seinen Lieferantenkodex. Ericsson kündigte an, die genannten Fälle zu überprüfen, betonte jedoch zugleich, dass die betreffenden Schmelzen als RMI-konform geführt würden.

Apple teilte der Organisation mit, seine Zulieferer wegen der Eskalation im Osten der Demokratischen Republik Kongo angewiesen zu haben, Käufe von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda auszusetzen. Der Konzern habe Zweifel gehabt, ob bestehende Branchenmechanismen in der Konfliktsituation noch eine ausreichende Sorgfaltsprüfung gewährleisten könnten.

 

Ein Zertifikat ersetzt keine eigene Prüfung

 

Für Unternehmen entsteht daraus ein Problem, das sich nicht auf moralische oder kommunikative Fragen beschränkt. Konfliktrohstoffe können zu Lieferunterbrechungen, Sanktionen, regulatorischen Verfahren und erheblichen Reputationsschäden führen. Gleichzeitig ist ein vollständiger Rückzug aus Hochrisikoregionen keine einfache Lösung. Er kann auch jene legal arbeitenden Bergleute und Händler treffen, deren Einkommen vom formellen Rohstoffhandel abhängt.

Die OECD-Leitlinien behandeln Sorgfaltsprüfung deshalb als fortlaufenden Prozess. Unternehmen sollen Risiken identifizieren, Lieferanten überprüfen, auf Warnsignale reagieren, unabhängige Kontrollen ermöglichen und öffentlich über ihre Maßnahmen berichten. Die Verantwortung endet nicht automatisch mit der Teilnahme an einem Branchenprogramm oder dem Verweis auf ein Audit.

Genau darin liegt die wesentliche Erkenntnis des Streits. Global Witness kann mit Handelsdaten und Zeugenaussagen ernsthafte Widersprüche aufzeigen, doch nicht jede Verbindung bis zum einzelnen Endprodukt zweifelsfrei beweisen. Die RMI kann umfangreiche Prüfprozesse und Tausende kontrollierte Transaktionen vorweisen, aber auch ein regelkonformer Prozess garantiert nicht mit absoluter Sicherheit die physische Herkunft jeder verarbeiteten Lieferung.

Rohstoffzertifikate bleiben damit wichtige Instrumente, sind aber kein Herkunftssiegel mit Beweiswirkung. Je komplexer die Handelswege und je größer die wirtschaftlichen Anreize für falsche Deklarationen werden, desto weniger genügt es, lediglich zu kontrollieren, ob Dokumente vorhanden sind. Entscheidend ist, ob Fördermengen, Handelsvolumen, Geologie und Transportwege zusammen ein plausibles Gesamtbild ergeben.

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18.06.2026 - Clara Meier-Walker

Unterschrift - Clara Meier-Walker

 

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