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Trumps stärkstes Argument bekommt Risse

Schwächerer Arbeitsmarkt, hohe Lebenshaltungskosten und teure Energie setzen das Weiße Haus unter Druck – drei Monate vor den Midterms verliert die republikanische Wirtschaftskompetenz ihren bisherigen Vorsprung

NTG24 - Trumps stärkstes Argument bekommt Risse

 

Donald Trump hat viele politische Konfliktfelder, doch keines dürfte für die Midterms gefährlicher werden als die Wirtschaft. Die Vereinigten Staaten stecken nicht in einer klassischen Rezession, Unternehmen investieren weiter und die Arbeitslosenquote bleibt vergleichsweise niedrig. Gleichzeitig verschlechtert sich jedoch genau das Bild, das Wähler unmittelbar erleben: Neue Stellen werden rarer, Benzin ist deutlich teurer als vor einem Jahr, die Inflation liegt weiter über dem Ziel der Federal Reserve und die Zweifel an Trumps Wirtschaftspolitik erreichen inzwischen auch einen Teil seiner eigenen politischen Basis. Der Wahlkampf könnte deshalb weniger über Washingtons große Wachstumszahlen entschieden werden als über Tankstellen, Supermarktkassen und Arbeitsplätze.

Der Zeitpunkt ist problematisch. Am 3. November entscheiden die Amerikaner über die Zusammensetzung des Kongresses, und ausgerechnet jetzt beginnt ein bisher tragfähiges Argument der Republikaner zu erodieren. Trump kann weiterhin auf Investitionen, Steuerentlastungen, Deregulierung und seine Strategie zur Rückholung industrieller Produktion verweisen. Doch die Gegenfrage wird mit jedem schwächeren Datenpunkt unangenehmer: Wann spürt der durchschnittliche Haushalt diese Erfolge tatsächlich?

Der am Freitag veröffentlichte Arbeitsmarktbericht hat diese Debatte verschärft. Im Juli sank die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft um 23.000. Noch belastender war die rückwirkende Korrektur: Die Beschäftigungszuwächse für Mai und Juni wurden zusammen um 103.000 Stellen nach unten revidiert. Die vermeintlich robuste Entwicklung der vergangenen Monate war damit schwächer als bislang angenommen.

 

Ein schlechter Arbeitsmarktbericht trifft Trump zur denkbar ungünstigen Zeit

 

Die Arbeitslosenquote lag im Juli nach Angaben des US Bureau of Labor Statistics bei 4,1 %. Isoliert betrachtet ist das kein Krisenwert. Der Bericht enthält allerdings mehrere Details, die politisch schwerer wiegen. Die Erwerbsquote sank auf 61,4 % und liegt damit 0,7 Prozentpunkte niedriger als im Januar. Im Einzelhandel gingen Stellen verloren, ebenso im Finanzsektor. Selbst das Gesundheitswesen, einer der zuverlässigsten Jobmotoren der vergangenen Jahre, stellte langsamer ein.

Besonders heikel sind die Revisionen. Für Mai wurden aus zunächst gemeldeten 129.000 neuen Stellen nur noch 63.000, für Juni aus 57.000 lediglich 20.000. Wer im Wahlkampf behauptet, die amerikanische Beschäftigungsmaschine laufe auf Hochtouren, muss sich nun mit einer Realität auseinandersetzen, die wesentlich schwächer aussieht als noch vor wenigen Wochen.

Trump kann dagegenhalten, dass der Arbeitsmarkt nicht zusammengebrochen ist. Die durchschnittlichen Stundenlöhne lagen im Juli 3,2 % über dem Vorjahresniveau, und einzelne private Branchen stellten weiterhin ein. Doch politisch verändert sich bereits die Richtung der Diskussion. Solange Stellen geschaffen werden, können schwache Umfragen als Wahrnehmungsproblem dargestellt werden. Wenn Stellen verloren gehen, wird aus Wahrnehmung ein messbares Argument der Opposition.

 

Die USA wachsen noch – aber das schützt Trump nicht

 

Von einer Rezession lässt sich auf Grundlage der aktuellen Daten dennoch nicht sprechen. Das reale Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal nach der ersten Schätzung des Bureau of Economic Analysis annualisiert um 1,5 %. Der private Binnenabsatz an Konsumenten und Unternehmen entwickelte sich sogar deutlich stärker. Konsum, Ausrüstungsinvestitionen und Ausgaben für geistiges Eigentum legten zu.

Genau darin steckt das politische Paradox. Die amerikanische Wirtschaft ist nicht schwach genug, um von einer Krise zu sprechen, aber möglicherweise zu schwach und zu teuer, damit sich daraus ein überzeugendes Wahlkampfnarrativ ableiten lässt.

Für einen Präsidenten ist dieser Unterschied entscheidend. Wähler stimmen nicht über die Definition einer Rezession ab. Sie beurteilen, ob ihr Arbeitsplatz sicher wirkt, ob eine Finanzierung bezahlbar ist und was nach Miete, Lebensmittelrechnung, Versicherung und Tankfüllung vom Einkommen übrig bleibt. Eine annualisierte Wachstumsrate von 1,5 % hilft wenig, wenn sich der Alltag gleichzeitig teurer und unsicherer anfühlt.

 

Die Inflationsrate fällt – das Preisproblem bleibt

 

Auf den ersten Blick brachte der Juni Entlastung. Der Verbraucherpreisindex sank gegenüber Mai um 0,4 %. Die Kerninflation ohne Lebensmittel und Energie stagnierte im Monatsvergleich. Gegenüber dem Vorjahr lagen die Verbraucherpreise allerdings weiterhin 3,5 % höher und damit deutlich oberhalb dessen, was die Federal Reserve langfristig mit Preisstabilität verbindet.

Vor allem Energie bleibt politisch explosiv. Nach den aktuellen Inflationsdaten lagen die Energiepreise im Juni 15,7 % über dem Vorjahr, Benzin sogar 26,7 %. Die Preisentwicklung war zuletzt zwar rückläufig, doch das Ausgangsniveau bleibt hoch.

An der Zapfsäule ist dieser Effekt unmittelbar sichtbar. Die US-Energiebehörde EIA meldete für den 3. August einen landesweiten Durchschnittspreis für reguläres Benzin von rund 4,08 US-Dollar je Gallone. Das waren knapp 94 Cent mehr als ein Jahr zuvor. Die EIA-Preisdaten zeigen damit ein Problem, das sich kaum mit abstrakten Makrodaten überdecken lässt.

Trump trifft dabei eine unangenehme Verbindung von Außen- und Innenpolitik. Die Spannungen und militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten haben Energiepreise zeitweise deutlich nach oben getrieben. Für Wähler spielt es jedoch nur begrenzt eine Rolle, ob höhere Benzinpreise durch Geopolitik, Raffineriemärkte oder amerikanische Wirtschaftspolitik verursacht werden. Präsidenten werden für Preise häufig auch dann verantwortlich gemacht, wenn ihre Kontrolle darüber begrenzt ist.

 

Die Zollpolitik wird vom Versprechen zur Kostenfrage

 

Hinzu kommt Trumps Kernprojekt der Handelspolitik. Höhere Zölle sollen Produktion in die Vereinigten Staaten zurückholen, ausländische Wettbewerber unter Druck setzen und strategische Lieferketten absichern. Für einzelne Branchen ist dieser Ansatz durchaus attraktiv. Amerikanische Hersteller, die mit subventionierten oder günstigeren Importen konkurrieren, erhalten zusätzlichen Schutz.

Die volkswirtschaftliche Rechnung ist komplizierter. Das Budget Lab der Yale University bezifferte den durchschnittlichen gesetzlichen US-Zollsatz Ende Juli auf 11,1 %. Nach seiner Modellierung könnten die derzeit geltenden Maßnahmen das Verbraucherpreisniveau langfristig um rund 0,7 % erhöhen und einen durchschnittlichen Haushalt mit etwa 1.100 US-Dollar jährlich belasten. Diese Werte sind Modellschätzungen und keine direkt gemessenen Rechnungsbeträge, zeigen aber den wirtschaftspolitischen Zielkonflikt. Die aktuelle Zollanalyse des Budget Lab macht deutlich, dass Industriepolitik und Kaufkraft nicht automatisch in dieselbe Richtung wirken.

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Für Trump ist das strategisch besonders schwierig, weil ein Zurückweichen ebenfalls Kosten hätte. Die Zölle gehören zum politischen Markenkern seiner zweiten Amtszeit. Sie werden als Instrument gegen China, für amerikanische Produktion und für wirtschaftliche Souveränität verkauft. Gibt das Weiße Haus wegen steigender Preise nach, könnte Trump gegenüber seiner eigenen Basis schwach wirken. Bleibt er beim Kurs, liefern steigende Verbraucherpreise den Demokraten neues Material.

 

Auch die Federal Reserve liefert Trump keine einfache Rettung

 

Normalerweise könnte eine schwächere Konjunktur zumindest die Aussicht auf niedrigere Zinsen verbessern. Doch auch hier ist die Lage ungewöhnlich.

Die Federal Reserve beließ ihren Leitzinskorridor am 29. Juli bei 3,50 bis 3,75 %. Auffällig war nicht nur die Entscheidung, sondern die Abstimmung: Drei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses hätten eine Zinserhöhung um einen Viertelpunkt bevorzugt. Die Federal Reserve verwies ausdrücklich auf weiterhin erhöhte Inflation und Preissteigerungen durch Angebotsschocks.

Trump hatte kurz zuvor erneut niedrigere Zinsen gefordert und erklärt, die Vereinigten Staaten sollten weltweit zu den Ländern mit den niedrigsten Zinssätzen gehören. Das Problem ist offensichtlich: Die Wirtschaft beginnt beim Arbeitsmarkt Schwäche zu zeigen, während die Inflation gleichzeitig nicht vollständig besiegt ist. Genau diese Kombination erschwert der Fed schnelle Zinssenkungen.

Damit fehlt dem Weißen Haus eine bequeme geldpolitische Abkürzung. Niedrigere Zinsen könnten Hypotheken, Unternehmenskredite und Investitionen entlasten. Doch wenn die Notenbank wegen Inflation vorsichtig bleibt, wirken hohe Finanzierungskosten bis in den Wahlkampf hinein. Würde sie dagegen zu früh lockern und die Preise erneut beschleunigen, wäre das politische Problem nur verschoben.

 

Der gefährlichste Datenpunkt steht inzwischen in den Umfragen

 

Ökonomische Daten werden für Präsidenten dann wirklich gefährlich, wenn sie sich in Parteipräferenzen übersetzen. Genau dafür gibt es inzwischen erste Hinweise.

Eine aktuelle Reuters/Ipsos-Erhebung sieht die Demokraten bei der Frage, welcher Partei die registrierten Wähler in der Wirtschaftspolitik mehr zutrauen, mit 37 % knapp vor den Republikanern mit 36 %. Der Abstand ist statistisch klein und sollte nicht überinterpretiert werden. Politisch bemerkenswert ist vielmehr die Richtung: Nach Angaben von Reuters liegen die Demokraten bei dieser Frage erstmals seit rund einem Jahrzehnt wieder vorne.

Der Reuters/Ipsos-Trend trifft die Republikaner an einer empfindlichen Stelle. Wirtschaftskompetenz gehörte lange zu ihren zuverlässigsten Wahlargumenten. Wenn selbst dieser Vorsprung verschwindet, reicht es für republikanische Kandidaten nicht mehr, lediglich auf Trump, Steuersenkungen und Deregulierung zu verweisen.

Auch die allgemeine Stimmung ist schwierig. In der Reuters/Ipsos-Erhebung wollten 42 % der registrierten Wähler bei einer hypothetischen Kongresswahl demokratisch und 37 % republikanisch stimmen. Nationale Umfragen lassen sich nicht eins zu eins auf einzelne Wahlkreise übertragen, und die Zahl tatsächlich umkämpfter Sitze bleibt begrenzt. Dennoch erklärt der Trend, weshalb wirtschaftliche Themen im republikanischen Lager zunehmend nervös beobachtet werden.

Eine Washington-Post/Ipsos-Befragung aus dem Juli kam ebenfalls zu einem klaren Ergebnis bei den Prioritäten: Wirtschaft und hohe Preise wurden von 54 % der registrierten Wähler als wichtige Faktoren für ihre Midterm-Entscheidung genannt. Damit lagen sie deutlich vor Immigration und außenpolitischen Themen.

 

Trump hat weiterhin Gegenargumente

 

Das Bild ist deshalb nicht mit einem wirtschaftlichen Absturz gleichzusetzen. Das wäre zu einfach. Die Arbeitslosenquote von 4,1 % bleibt historisch moderat. Die US-Wirtschaft wächst weiter. Unternehmensinvestitionen sind robust, insbesondere rund um Technologie, Rechenzentren und künstliche Intelligenz. Auch die privaten inländischen Endverkäufe entwickelten sich im zweiten Quartal deutlich stärker als die Gesamtwachstumsrate vermuten lässt.

Trump kann außerdem argumentieren, dass seine Zollpolitik nicht auf den nächsten Verbraucherpreisindex, sondern auf die industrielle Struktur der kommenden Jahre zielt. Neue Fabriken, strategische Rohstoffprojekte und Investitionen in amerikanische Produktionskapazitäten passen zu seinem Versprechen, industrielle Abhängigkeiten von China zu reduzieren. Genau diese Langfristlogik findet in Teilen der Wirtschaft und seiner Wählerschaft Unterstützung.

Hinzu kommt, dass die jüngste Inflationsentwicklung nicht ausschließlich gegen ihn spricht. Die monatlichen Verbraucherpreise gingen im Juni zurück, der starke Energieschock schwächte sich vorübergehend ab und die Kerninflation lag mit 2,6 % im Jahresvergleich deutlich unter der Gesamtinflation. Ein nachhaltiger Rückgang der Öl- und Benzinpreise könnte die Stimmung deshalb relativ schnell verbessern.

Das Zeitfenster wird allerdings kleiner. Bis zur Wahl bleiben weniger als drei Monate. Für eine Regierung ist das wirtschaftspolitisch keine lange Strecke.

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Werbebanner EMH PM TradeDamit verschiebt sich auch Trumps kommunikatives Problem. Seine Regierung kann zahlreiche große Investitionszusagen, neue Handelsmaßnahmen und steuerpolitische Erfolge aufzählen. Die Midterms werden aber kaum danach entschieden, wie viele Milliarden Dollar ein Unternehmen für eine Fabrik in fünf Jahren ankündigt. Wähler beurteilen häufiger die wirtschaftliche Gegenwart.

 

Die Midterms könnten zur Abstimmung über Kaufkraft werden

 

Genau darin liegt der wirtschaftliche Druck auf Trump. Die amerikanische Konjunktur ist nicht eingebrochen. Sie ist politisch womöglich in einem unangenehmeren Zustand: stark genug, um keine Krise auszulösen, aber gleichzeitig teuer und inzwischen schwach genug am Arbeitsmarkt, um Unzufriedenheit zu produzieren.

Für die Demokraten eröffnet das eine einfache Angriffslinie. Sie müssen nicht beweisen, dass die USA in einer Rezession stecken. Es genügt, die Frage zu stellen, ob Trumps Wirtschaftspolitik den Alltag günstiger und sicherer gemacht hat. Benzinpreise oberhalb von vier Dollar, eine Inflationsrate von 3,5 %, rückläufige Beschäftigung und erhebliche Abwärtsrevisionen früherer Jobzahlen liefern dafür greifbare Bilder.

Trump wiederum muss den Wahlkampf von der Gegenwart in die Zukunft verschieben. Seine stärkste Verteidigung lautet, dass Zölle, Steuersenkungen, Deregulierung und neue industrielle Investitionen zunächst Kosten und Anpassungen erzeugen, langfristig aber Produktion, Einkommen und strategische Unabhängigkeit stärken sollen. Das kann ökonomisch diskutiert werden. Wahlpolitisch besteht das Problem darin, dass langfristige Versprechen im November gegen kurzfristige Rechnungen antreten.

Drei Monate vor den Midterms ist deshalb nicht eine einzelne Kennzahl Trumps größtes Risiko. Es ist die Kombination. Wachstum ohne Euphorie, Inflation ohne vollständige Entwarnung, hohe Energiepreise, ein plötzlich schwächerer Arbeitsmarkt und eine Federal Reserve, die wegen des Preisauftriebs nicht einfach auf maximale Unterstützung umschalten kann.

Die republikanische Hoffnung muss nun darauf liegen, dass sich Benzinpreise, Inflation und Beschäftigung bis zum Herbst gleichzeitig verbessern. Bleibt dagegen nur einer dieser Faktoren problematisch, kann Trump noch argumentieren, dass seine Strategie Zeit braucht. Bleiben mehrere gleichzeitig problematisch, könnte am 3. November weniger über Ideologie abgestimmt werden als über eine der ältesten Regeln amerikanischer Politik: Entscheidend ist, wie sich die Wirtschaft zu Hause anfühlt.

 

07.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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