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Bayer handelt wieder Hoffnung

Die Aktie erholt sich deutlich, weil der Markt auf juristische Entlastung und operative Stabilisierung setzt – doch der Roundup-Knoten ist noch nicht gelöst

NTG24 - Bayer handelt wieder Hoffnung

 

Bayer wirkt an der Börse derzeit nicht wie ein Konzern, bei dem plötzlich alle Probleme verschwunden wären. Eher handelt der Markt die Möglichkeit, dass das schlimmste Szenario nicht mehr weiter eskaliert. Genau dieser Unterschied ist wichtig. Die Aktie hat sich spürbar von den Tiefs gelöst, die jüngsten Zahlen waren besser als befürchtet, und in den USA bewegt sich der Roundup-Komplex erneut in Richtung möglicher Vergleichslösung. Doch Entlastung ist bei Bayer noch nicht gleich Befreiung.

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Bayer (DE000BAY0017) bleibt damit einer der ungewöhnlichsten DAX-Werte: operativ groß, bilanziell belastet, juristisch gefesselt und dennoch wieder mit sichtbarer Börsenfantasie. Am Donnerstagvormittag lagen indikative Kurse je nach Handelsplatz im Bereich um 40 Euro. Solche Momentaufnahmen sollte man nicht überhöhen, weil Xetra, Tradegate und Datenanbieter zeitlich abweichen können. Aussagekräftiger ist die Bewegung selbst: Bayer wird wieder gekauft, obwohl die Risiken nicht verschwunden sind.

Das ist keine klassische Qualitätsrallye. Es ist eine Neubewertung der Schadenslage. Anleger fragen nicht, ob Bayer schon wieder ein sorgenfreier Pharma- und Agrarkonzern ist. Sie fragen, ob der Abschlag auf Rechtsrisiken, Pipelinezweifel, Schulden und Managementumbau zu groß geworden war.

 

Der Kurs handelt weniger Euphorie als Entlastungswahrscheinlichkeit

 

Die jüngste Stärke der Aktie hat einen klaren Hintergrund. Bayer versucht weiterhin, den US-Roundup-Komplex mit einem großen Vergleich in berechenbarere Bahnen zu bringen. Genau an dieser Stelle liegt der Unterschied zwischen operativer Erholung und echter Neubewertung. Solange die Rechtsrisiken offen sind, kann jeder Kursanstieg abrupt von Gerichtsnachrichten gestoppt werden. Gleichzeitig reagiert die Aktie positiv, wenn der Markt den Eindruck gewinnt, dass der Konzern zumindest einen Teil der Unsicherheit einhegen kann.

Nach einem Bericht von Reuters zum geplanten Roundup-Vergleich könnte eine Anhörung zur finalen Genehmigung des vorgeschlagenen 7,25-Mrd.-US-Dollar-Vergleichs in Missouri verschoben werden. Hintergrund ist ein Streit darüber, ob das Verfahren in einem staatlichen Gericht oder auf Bundesebene überprüft werden soll. Bayer sieht einen angemessenen Aufschub demnach nicht als wesentliche Gefährdung des Genehmigungsprozesses. Für Anleger ist aber schon die mögliche Verzögerung ein Hinweis: Der Rechtskomplex bleibt ein Prozess, kein einzelner Schlussstrich.

Rund 65.000 Ansprüche stehen laut dem Bericht noch im Raum. Genau deshalb reicht bei Bayer keine Schlagzeile über „Vergleich“ allein. Entscheidend ist, ob eine Lösung rechtlich belastbar, breit genug und für künftige Ansprüche tragfähig ist. Erst dann könnte die Aktie einen Teil des jahrelangen Risikoabschlags dauerhaft abbauen.

Genau hier liegt der Reiz und die Gefahr des aktuellen Kursbilds. Bayer ist nicht gestiegen, weil plötzlich alle alten Belastungen weg sind. Die Aktie steigt, weil der Markt wieder eine Wahrscheinlichkeit für Entlastung bezahlt. Das macht die Bewegung nachvollziehbar, aber empfindlich.

 

Das erste Quartal half, weil es nicht nur von Kostensenkung lebte

 

Operativ lieferte Bayer zuletzt mehr Substanz, als die juristische Dauerbaustelle im ersten Moment erkennen lässt. Im ersten Quartal 2026 stieg der Konzernumsatz währungs- und portfoliobereinigt um 4,1 % auf 13,405 Mrd. Euro. Das EBITDA vor Sondereinflüssen legte um 9,0 % auf 4,453 Mrd. Euro zu. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg auf 2,71 Euro. Bayer bestätigte zugleich die währungsbereinigte Jahresprognose.

Der Blick in die Q1-Mitteilung von Bayer zeigt aber auch, warum der Konzern weiterhin nicht wie ein normaler DAX-Wert bewertet wird. Der Free Cashflow lag bei minus 2,320 Mrd. Euro. Hauptgrund waren Zahlungen zur Beilegung von Rechtsverfahren, vor allem im Zusammenhang mit PCB- und Glyphosat-Themen. Die Nettofinanzverschuldung stieg per Ende März auf 32,518 Mrd. Euro.

Das ist die innere Spannung der Aktie. Das operative Geschäft kann liefern, aber die Bilanz spürt die Vergangenheit. Wer Bayer kauft, kauft deshalb nicht nur Umsatz, EBITDA und Pipeline. Er kauft die Wette, dass Rechtszahlungen, Schuldenabbau und operative Verbesserung in ein kontrollierbares Verhältnis gebracht werden.

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Crop Science rettete das Quartal, aber nicht ohne Sonderlogik

 

Die Agrarsparte war im Auftaktquartal der sichtbarste Ergebnisanker. Crop Science steigerte den Umsatz währungs- und portfoliobereinigt um 6,8 % auf 7,558 Mrd. Euro. Das EBITDA vor Sondereinflüssen legte um 17,9 % auf 3,014 Mrd. Euro zu, die Marge verbesserte sich deutlich auf 39,9 %.

Diese Stärke war aber nicht einfach ein Beweis für einen überall brummenden Agrarmarkt. Einen wichtigen Beitrag lieferte die Einigung mit Corteva im nordamerikanischen Lizenzgeschäft bei Soybean Seed & Traits. Gleichzeitig gingen glyphosatbasierte Herbizidumsätze währungs- und portfoliobereinigt zurück. Damit zeigt die Sparte beides zugleich: Sie kann in Saatgut und Traits hohe Ergebnisqualität liefern, bleibt aber im Pflanzenschutz zyklisch, preisabhängig und juristisch belastet.

Für die Aktie ist das ein wichtiger Punkt. Crop Science ist nicht nur der Ursprung vieler Probleme aus der Monsanto-Übernahme. Die Sparte bleibt auch ein operativer Gewinnhebel. Bayer muss zeigen, dass sie genug Ertragskraft erzeugt, um die Lasten der Vergangenheit nicht nur zu tragen, sondern strategisch wieder nach vorne zu arbeiten.

 

 

 

Pharma braucht neue Zugpferde, nicht nur Zeit

 

In der Pharmasparte wirkt die Lage weniger eindeutig. Bayer meldete im ersten Quartal 4,249 Mrd. Euro Umsatz in Pharmaceuticals und damit währungs- und portfoliobereinigt nahezu Vorjahresniveau. Nubeqa und Kerendia wuchsen kräftig, doch Xarelto stand wegen Patentabläufen weiter unter Druck. Auch Eylea blieb durch Wettbewerb belastet. Genau diese Mischung erklärt, warum die Börse Bayer nicht allein wegen einzelner Pipelinefortschritte neu bewertet.

Der Konzern hat zuletzt dennoch mehrere kleinere, aber strategisch interessante Signale gesetzt. Mit der abgeschlossenen Übernahme von Perfuse Therapeutics stärkt Bayer die Augenheilkunde. Das Unternehmen zahlt 300 Mio. US-Dollar vorab, der potenzielle Transaktionswert kann einschließlich erfolgsabhängiger Meilensteine bis zu 2,45 Mrd. US-Dollar erreichen. Im Zentrum steht PER-001, ein Implantat in Phase II für Glaukom und diabetische Retinopathie. Die Perfuse-Übernahme ist damit kein sofortiger Ergebnishebel, aber ein Hinweis auf die Richtung: Bayer kauft gezielt Pipelineoptionen, wo eigene Kompetenzfelder bestehen.

Auch die Radiologie lieferte eine positive Nachricht. Die FDA hat gadoquatrane unter dem Markennamen Ambelvist in den USA zugelassen. Bayer positioniert das Mittel als niedrig dosiertes makrozyklisches gadoliniumhaltiges MRT-Kontrastmittel. Laut Bayer-Angaben zur US-Zulassung erzielte das Radiologieportfolio 2025 einen Umsatz von 2,2 Mrd. Euro. Das ist für sich genommen kein Ersatz für auslaufende Blockbuster, aber ein Baustein in einem Bereich, in dem Bayer historisch stark ist.

Die Pharmageschichte bleibt damit anspruchsvoll. Bayer braucht nicht nur gute Einzelmeldungen, sondern eine neue Ertragsbrücke über Xarelto und Eylea hinaus. Nubeqa, Kerendia, Radiologie, Augenheilkunde und spätere Pipelinekandidaten müssen zusammen groß genug werden, um die alte Patentabhängigkeit glaubwürdig abzulösen.

 

Der Umbau wirkt, aber die Börse verlangt sichtbare Disziplin

 

CEO Bill Anderson hat Bayer auf Effizienz, schnellere Entscheidungen und weniger Bürokratie getrimmt. Das ist für den Konzern wichtiger, als es in der Kursdiskussion manchmal klingt. Bayer war lange nicht nur durch Monsanto und Rechtsrisiken belastet, sondern auch durch eine Struktur, die zu schwerfällig wirkte. Der Markt honoriert inzwischen, dass Kosten, Portfolio und Organisation stärker angefasst werden.

Doch genau diese Erzählung hat Grenzen. Ein schlankerer Konzern ist wertvoll, wenn er schneller innoviert, Kapital besser allokiert und Cashflow freisetzt. Er ist weniger wertvoll, wenn die Einsparungen nur die Schäden aus Rechtszahlungen und Patentverlusten kaschieren. Deshalb wird das zweite Halbjahr wichtig: Bayer muss zeigen, dass Q1 nicht nur ein günstiger Auftakt war, sondern Teil einer belastbaren operativen Trendwende.

Die bestätigte Prognose hilft. Auf Basis der Wechselkurse von Ende März erwartet Bayer für 2026 einen Umsatz von 44,5 bis 46,5 Mrd. Euro, ein EBITDA vor Sondereinflüssen von 9,4 bis 9,9 Mrd. Euro und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 4,10 bis 4,60 Euro. Das ist solide, aber noch keine Befreiung. Die Börse wird stärker auf Free Cashflow, Nettoschulden und weitere Rechtszahlungen achten als auf eine einzelne EBITDA-Spanne.

 

Bayer bleibt ein Turnaround mit Gerichtskalender

 

Der aktuelle Kursanstieg verändert die Wahrnehmung, aber nicht den Charakter der Aktie. Bayer ist wieder interessanter, weil die operative Basis stabiler wirkt, die Agrarsparte Ergebnisstärke zeigt und die Pharmapipeline punktuell ergänzt wird. Gleichzeitig bleibt der Konzern hochsensibel für US-Gerichtsnachrichten, Vergleichsdetails und die Frage, ob die Bilanz nach Jahren der Sonderlasten wieder Vertrauen zurückgewinnt.

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Werbebanner EMH PM Trade Damit ist Bayer derzeit weder ein reiner Value-Wert noch eine klassische Wachstumsstory. Die Aktie handelt eine Entlastungserzählung. Diese kann weiter tragen, wenn der Roundup-Komplex berechenbarer wird und der operative Cashflow sichtbar zurückkehrt. Sie kann aber schnell kippen, wenn Gerichte, Klägergruppen oder neue Sonderzahlungen die Hoffnung auf einen geordneten Schlussstrich erneut verschieben.

Für Anleger liegt der Kern deshalb nicht im Tageskurs um 40 Euro. Entscheidend ist, ob Bayer aus einer rechtlich getriebenen Erholung wieder eine operative Investmentstory formen kann. Der Konzern hat dafür im ersten Quartal Argumente geliefert. Die Beweislast bleibt trotzdem ungewöhnlich hoch.

 

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25.06.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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