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Lufthansa fliegt wieder in die Erwartungszone

Die Aktie hat sich deutlich erholt, weil Nachfrage, ITA-Fantasie und Kostenprogramm wirken – doch Kerosin, Streiks und alte Flottenprobleme bleiben die Bremse

NTG24 - Lufthansa fliegt wieder in die Erwartungszone

 

Lufthansa ist an der Börse gerade kein einfacher Erholungswert mehr. Der Markt sieht wieder mehr als nur eine Airline mit hohen Kosten, verspäteten Flugzeugen und Tarifkonflikten. Er sieht ein Unternehmen, das trotz geopolitischer Belastungen mehr Nachfrage auf seine Drehkreuze zieht, das ITA Airways tiefer integriert und das seine Jahresziele noch nicht aufgegeben hat. Genau darin liegt aber auch die neue Spannung: Nach dem jüngsten Kursanstieg muss die operative Verbesserung belastbarer werden.

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Deutsche Lufthansa AG (DE0008232125) steht damit vor einem Sommer, der an der Börse fast wichtiger wirkt als das bereits bekannte erste Quartal. Die Aktie wurde am Donnerstag je nach Datenquelle und Zeitpunkt im Bereich von rund 9,8 Euro gesehen und hat sich damit in den vergangenen Wochen deutlich von früheren Tiefs gelöst. Exakte Intraday-Werte sollten nicht überinterpretiert werden, aber die Richtung ist klar: Anleger trauen dem Konzern wieder mehr zu.

Das ist nicht selbstverständlich. Denn Lufthansa bleibt ein Unternehmen, bei dem gute Nachfrage allein selten genügt. Kerosin, Personal, Wartung, Verspätungen bei Airbus und Boeing, Gebühren in Deutschland und die Integration mehrerer Airline-Marken machen aus jeder Erholung eine komplexe Rechnung. Die aktuelle Börsenbewegung handelt deshalb weniger Euphorie als die Hoffnung, dass Lufthansa diesmal genug Stellschrauben gleichzeitig bewegt.

 

Die Zahlen verbesserten sich, aber sie waren noch kein Befreiungsschlag

 

Der Ausgangspunkt der neuen Zuversicht liegt im ersten Quartal. Lufthansa steigerte den Umsatz um 8 % auf 8,7 Mrd. Euro und verbesserte das Adjusted EBIT um 110 Mio. Euro auf minus 612 Mio. Euro. Auch der Nettoverlust fiel mit minus 665 Mio. Euro deutlich geringer aus als im Vorjahr. Für eine Airline ist das erste Quartal saisonal schwierig, weshalb der Verlust allein noch kein Warnsignal ist.

Der Blick in die Q1-Mitteilung der Lufthansa Group zeigt aber auch, warum die Aktie nicht einfach als Turnaround-Selbstläufer gelesen werden darf. Die Marge blieb negativ, die Netzwerk-Airlines schrieben weiter rote Zahlen, und die Kostenbasis bleibt empfindlich. Positiv war vor allem, dass Lufthansa den freien Mittelzufluss deutlich verbesserte und die Nettoverschuldung gegenüber Jahresende 2025 auf 5,3 Mrd. Euro senkte.

Damit verschiebt sich die Debatte. Lufthansa muss nicht mehr beweisen, dass Reisen wieder gefragt ist. Der Konzern muss beweisen, dass aus dieser Nachfrage auch nach Personalaufwand, Kerosin und operativen Störungen ein ausreichend hoher Gewinn übrig bleibt.

 

Der Nahost-Effekt hilft beim Umsatz und schadet bei den Kosten

 

Ungewöhnlich ist, dass dieselbe Krise Lufthansa zugleich belastet und unterstützt. Die Spannungen im Nahen Osten erhöhen die Kerosinpreise und treiben laut Unternehmen zusätzliche Treibstoffkosten von rund 1,7 Mrd. Euro für 2026. Gleichzeitig verschieben sich Passagierströme von Golf-Drehkreuzen zu europäischen Hubs. Lufthansa profitiert dadurch auf bestimmten Asien- und Afrika-Verbindungen von zusätzlicher Nachfrage.

Das ist ein klassischer Airline-Widerspruch. Höhere Auslastung und bessere Ticketpreise helfen nur dann wirklich, wenn sie die Kostenwelle überkompensieren. Lufthansa verweist auf eine Absicherung von etwa 80 % des Kerosinbedarfs für das laufende Jahr. Das verschafft Zeit, ersetzt aber keine strukturelle Kostendisziplin. CFO Till Streichert formulierte die Lage entsprechend vorsichtig: Der Jahresgewinn dürfte niedriger ausfallen als ursprünglich gedacht, dennoch hält der Konzern am Ziel fest, ein Adjusted EBIT deutlich über dem Vorjahreswert von 1,96 Mrd. Euro zu erreichen.

 

ITA Airways macht Lufthansa größer, aber nicht automatisch einfacher

 

Der strategisch wichtigste Baustein kam Mitte Mai. Lufthansa will die Option ziehen, den Anteil an ITA Airways von 41 % auf 90 % zu erhöhen. Der zweite Aktienblock soll 325 Mio. Euro kosten, der Abschluss wird nach behördlichen Genehmigungen im ersten Quartal 2027 erwartet. Damit würde ITA organisatorisch und finanziell deutlich tiefer in den Konzern rücken.

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Die Mitteilung zur ITA-Mehrheit ist für Anleger deshalb mehr als eine Südeuropa-Meldung. Rom wird als weiterer Hub wichtiger, ITA bringt zusätzliche Verbindungen, Kundenzugänge und Cargo-Kapazität. Lufthansa verkauft die Integration als schneller als geplant. Genau daran wird der Markt den Konzern aber auch messen.

Mehr Netzwerk kann Synergien bringen. Es kann aber auch Komplexität erhöhen. Lufthansa hat bereits heute mehrere Marken, unterschiedliche Kostenstrukturen und nationale Interessen unter einem Dach. ITA kann den Konzern strategisch stärken, wenn Einkauf, Vertrieb, Vielfliegerprogramm, Flottenplanung und Cargo-Vermarktung sauber zusammenspielen. Wenn nicht, entsteht nur eine weitere Baustelle in einem ohnehin anspruchsvollen System.

 

Der Chart handelt nicht nur Erholung, sondern Vertrauen in den Sommer

 

Die Aktie hat sich in kurzer Zeit deutlich verbessert. Nach Daten von TradingView lag der Xetra-Titel am Donnerstag im Bereich von rund 9,8 Euro und damit klar höher als noch vor wenigen Wochen. Auch hier gilt: Einzelne Kursstände können je nach Zeitpunkt schwanken. Aussagekräftiger ist, dass der Markt die Aktie wieder näher an eine operative Normalisierung heranrückt.

Das macht den Kurs aber empfindlicher. Wer Lufthansa jetzt kauft, setzt nicht mehr nur auf eine billige Airline-Aktie, sondern auf einen Sommer mit guter Nachfrage, kontrollierbaren Kerosinbelastungen, keinen neuen größeren Streiks und sichtbaren Effizienzfortschritten. Der nächste Ergebnistermin am 4. August wird deshalb für die Aktie ein echter Stresstest.

 

 

 

Flottenerneuerung bleibt der langsame Hebel

 

Ein Teil der Lufthansa-Story liegt weit hinter dem aktuellen Sommer. Der Konzern bestellte im Mai zehn Airbus A350-900 und zehn Boeing 787-9. Die Langstreckenjets sollen zwischen 2032 und 2034 geliefert werden und stehen für den Versuch, die Flotte effizienter, moderner und kundenfreundlicher zu machen.

Die Flottenmeldung der Lufthansa Group zeigt die strategische Richtung, löst aber das kurzfristige Problem nicht. Moderne Flugzeuge senken Verbrauch, verbessern das Produkt und helfen bei der Marge. Doch Lieferverzögerungen der Hersteller bleiben ein realer Engpass. Lufthansa muss deshalb noch länger mit älteren und teilweise weniger effizienten Flugzeugen arbeiten, als es für eine schnelle Ergebniserholung ideal wäre.

Genau hier liegt ein Unterschied zu einfacheren Turnaround-Geschichten. Kostensenkung lässt sich ankündigen, Flottenmodernisierung aber nur liefern, wenn Airbus und Boeing auch liefern. Für die Aktie ist das ein langsamer, aber entscheidender Hebel.

 

Cargo und Technik stabilisieren die Erzählung

 

Ohne Lufthansa Cargo und Lufthansa Technik wäre die Aktie schwerer zu erklären. Cargo verbesserte das Adjusted EBIT im ersten Quartal auf 83 Mio. Euro. Lufthansa Technik hielt mit 158 Mio. Euro ein hohes Ergebnisniveau, obwohl Material- und Personalengpässe belasteten. Diese Bereiche sind wichtig, weil sie die Gruppe weniger abhängig vom reinen Passagiergeschäft machen.

Gerade Technik ist im aktuellen Luftfahrtzyklus wertvoll. Weltweit bleiben Flugzeuge länger in Betrieb, Ersatzteile sind knapp, und Airlines benötigen Wartungs- sowie Überholungsleistungen. Lufthansa Technik ist damit nicht nur ein Konzernanhängsel, sondern ein Ergebnispuffer. Cargo wiederum profitiert, wenn geopolitische Umleitungen und begrenzte Kapazitäten die Frachtraten stützen.

Für Anleger bedeutet das: Lufthansa ist operativ breiter, als es der Blick auf Tickets und Kerosinpreise vermuten lässt. Aber diese Breite muss ausreichen, um die Schwächen der Netzwerk-Airlines abzufedern.

 

Die Aktie braucht jetzt einen störungsarmen Sommer

 

Der neue Optimismus ist nachvollziehbar, aber nicht risikolos. Lufthansa hat Nachfrage, eine bestätigte Prognose, bessere Cashflow-Daten, ITA-Perspektive und starke Stützpfeiler in Technik und Cargo. Gleichzeitig bleibt die Gruppe anfällig für alles, was Airlines besonders hart trifft: Treibstoff, Arbeitskämpfe, operative Unregelmäßigkeiten, Gebührenlast und verspätete Flugzeugauslieferungen.

Der Kursanstieg ist deshalb weniger ein fertiges Urteil als ein Vorschuss. Die Börse signalisiert, dass sie Lufthansa wieder zutraut, aus dem schwierigen ersten Quartal in ein besseres Gesamtjahr zu kommen. Jetzt muss der Konzern diesen Vertrauensvorschuss mit einem starken Sommer füllen. Gelingt das, könnte die Aktie ihre Erholung verteidigen. Kommen dagegen neue Störungen hinzu, dürfte der Markt schnell wieder daran erinnern, dass Luftfahrt trotz guter Nachfrage ein Geschäft mit sehr dünner Fehlertoleranz bleibt.

 

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25.06.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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