als .pdf Datei herunterladen

Thyssenkrupp handelt den Umbau

Die Aktie profitiert von besseren Q2-Zahlen, Marine-Aufträgen und möglicher MX-Abspaltung – doch Stahl, Cashflow und Restrukturierung bleiben unbequem

NTG24 - Thyssenkrupp handelt den Umbau

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Thyssenkrupp ist längst nicht mehr nur die alte Stahlgeschichte aus dem Ruhrgebiet. Der Konzern wird an der Börse zunehmend als Summe möglicher Einzelteile gelesen: Marine, Materialhandel, Wasserstoff, Automotive, Stahl und Restholding. Genau diese Lesart hat der Aktie zuletzt geholfen. Sie macht den Titel aber auch komplizierter, weil Anleger nicht mehr nur auf ein operatives Ergebnis schauen, sondern auf die Frage, welcher Teil wann eigenständig werden kann.

Der Markt handelt bei Thyssenkrupp (DE0007500001) derzeit weniger eine klassische Industriewende als eine Zerlegungsthese. Die besseren Zahlen im zweiten Quartal geben dem Management Rückenwind, doch der eigentliche Reiz liegt in der Transformation zur Finanzholding. CEO Miguel López will die Segmente strukturell eigenständiger machen. Für Anleger klingt das nach Werthebung. Für den Konzern bedeutet es gleichzeitig, dass jede Sparte für sich kapitalmarktfähig werden muss.

Damit ist Thyssenkrupp wieder spannender geworden, aber nicht automatisch einfacher. Marine Systems besitzt einen enormen Auftragsbestand, Materials Services könnte stärker ins Schaufenster rücken, Steel Europe bleibt politisch und industriell sensibel, und Automotive Technology muss in einem schwierigen Markt profitabler werden. Die Aktie steigt nicht, weil alle Probleme gelöst wären. Sie steigt, weil der Markt wieder glaubt, dass die einzelnen Teile mehr wert sein könnten als der alte Konzernverbund.

 

Der Kurs handelt Hoffnung auf Struktur, nicht nur Ergebnis

 

Die Thyssenkrupp-Aktie wird auf Xetra unter dem Kürzel TKA gehandelt. Zuletzt bewegte sie sich wieder im Bereich um elf Euro und damit deutlich oberhalb der Niveaus, auf denen der Konzern noch vor nicht allzu langer Zeit wie ein dauerhaft festgefahrener Sanierungsfall bewertet wurde. Das Kursbild hat sich verbessert, doch genau darin steckt auch neue Fallhöhe.

Der Chart zeigt eine Aktie, die stark auf Umbaunachrichten reagiert. Gute operative Quartalszahlen helfen, aber sie erklären die Bewegung nur teilweise. Wichtiger ist die neue Fantasie, dass Thyssenkrupp nach Nucera und TKMS weitere Einheiten kapitalmarktnäher machen könnte. Aus einem Industriekonglomerat wird so zunehmend ein Bewertungsbaukasten.

 

 

 

Materials Services rückt plötzlich in die Hauptrolle

 

Der jüngste Nachrichtenimpuls kam nicht aus dem Stahlgeschäft, sondern aus dem Materialhandel. Reuters berichtete, dass Thyssenkrupp eine außerordentliche Hauptversammlung im Sommer prüfen soll, um über eine mögliche Abspaltung von Materials Services abstimmen zu lassen. Eine Entscheidung sei demnach noch nicht gefallen, Einladungen könnten aber im Juni verschickt werden und ein Termin Ende Juli oder Anfang August möglich sein.

Anzeige:

Das ist deshalb relevant, weil Materials Services kein Nebengeschäft ist. Die Sparte beschäftigt mehr als 15.000 Menschen und steht für mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes. Im zweiten Quartal erzielte der Bereich nach Reuters-Angaben 3,19 Mrd. Euro Umsatz und steigerte das bereinigte operative Ergebnis deutlich auf 81 Mio. Euro. Plötzlich wirkt ausgerechnet der oft nüchtern betrachtete Werkstoffhandel wie ein möglicher Schlüssel zur Holding-Story.

Für die Aktie ist das ein zweischneidiger Punkt. Eine Abspaltung könnte Bewertungsfantasie freisetzen, weil der Markt ein eigenständiges Handels- und Supply-Chain-Geschäft anders einpreisen kann als einen Konzernmix mit Stahlrisiken. Gleichzeitig würde Thyssenkrupp einen großen Umsatzträger aus dem Verbund lösen. Der Konzern müsste dann noch klarer erklären, was die verbleibende Holding zusammenhält.

 

Das zweite Quartal gab dem Umbau Rückenwind

 

Operativ lieferte Thyssenkrupp im zweiten Quartal 2025/2026 bessere Argumente als in vielen früheren Berichtsperioden. Der Auftragseingang stieg gegenüber dem Vorjahresquartal um 32 % auf 10,6 Mrd. Euro. Der Umsatz lag mit 8,4 Mrd. Euro leicht unter dem Vorjahreswert von 8,6 Mrd. Euro. Entscheidender war jedoch das bereinigte EBIT: Es verbesserte sich von 19 Mio. Euro auf 198 Mio. Euro.

Der Blick in die Q2-Mitteilung des Konzerns zeigt aber auch die Grenzen. Unter dem Strich stand im Quartal ein Nettoverlust von 11 Mio. Euro. Der Vorjahresvergleich ist zudem durch den damaligen Nachsteuergewinn aus dem Verkauf von Electrical Steel India verzerrt. Die operative Verbesserung ist real, aber sie ist keine Rückkehr zu breiter industrieller Stärke.

Positiv ist, dass das APEX-Programm Wirkung zeigt. Steel Europe profitierte von niedrigeren Rohstoff- und Energiekosten sowie Restrukturierungseffekten. Materials Services verbesserte sich durch Kosten- und Effizienzmaßnahmen. Automotive Technology spürte ebenfalls Entlastung durch Restrukturierung. Nur Decarbon Technologies blieb wegen projektbezogener Zusatzkosten im Wasserstoffgeschäft belastet.

 

Der Cashflow verhindert Euphorie

 

So überzeugend der EBIT-Sprung wirkt, so nüchtern bleibt der Blick auf den freien Mittelabfluss. Der freie Cashflow vor M&A lag im zweiten Quartal bei minus 327 Mio. Euro. Das war deutlich besser als die minus 569 Mio. Euro im Vorjahr, aber eben weiterhin negativ. Für das Gesamtjahr erwartet Thyssenkrupp unverändert einen freien Cashflow vor M&A zwischen minus 600 Mio. und minus 300 Mio. Euro.

Gerade dieser Punkt ist für Anleger wichtig. Eine Holding-Story funktioniert nur dann nachhaltig, wenn Werthebung nicht durch laufenden Mittelabfluss aufgezehrt wird. Thyssenkrupp verfügt zwar weiterhin über finanzielle Substanz. Zum 31. März lagen die Nettofinanzmittel bei 2,8 Mrd. Euro, die verfügbare Liquidität bei 4,6 Mrd. Euro. Trotzdem bleibt der Konzern nicht in einer Lage, in der er beliebig Zeit kaufen kann.

 

Stahl ist nicht verschwunden

 

Die neue Fantasie rund um Materials Services und Marine Systems darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Steel Europe weiterhin der politische und industrielle Problemkern bleibt. Die Verhandlungen mit Jindal Steel über einen möglichen Einstieg wurden vorerst pausiert. Thyssenkrupp verweist auf verbesserte Ergebnisperspektiven und hält eine Stand-alone-Lösung für Steel Europe als Ziel fest.

Gleichzeitig geht der Umbau weiter. Der Verkauf des HKM-Anteils an Salzgitter soll zum 1. Juni abgeschlossen werden. Die Direktreduktionsanlage in Duisburg wird trotz schwieriger Rahmenbedingungen weiter gebaut. Außerdem hofft die europäische Stahlindustrie auf stärkere Schutzmaßnahmen gegen unfairen Wettbewerb. All das hilft, löst aber das Grundproblem nicht vollständig: Stahl bleibt kapitalintensiv, energieabhängig und politisch aufgeladen.

Anzeige:

Werbebanner EMH PM TradeFür 2025/2026 erwartet Thyssenkrupp bei Steel Europe ein bereinigtes EBIT zwischen 275 Mio. und 375 Mio. Euro, aber zugleich einen Umsatzrückgang von 6 % bis 3 %. Das ist keine Katastrophe, aber auch kein Befreiungsschlag. Die Sparte wird besser steuerbar, bleibt aber schwer bewertbar.

 

TKMS liefert die sauberste Wachstumsfantasie

 

Am klarsten ist die Kapitalmarktlogik derzeit bei Marine Systems. TKMS kommt zum 31. März 2026 auf einen Auftragsbestand von mehr als 20 Mrd. Euro. Neue U-Boot-Aufträge, Marineelektronik, das geplante deutsche Fregattenprojekt und internationale Kooperationen geben der Sparte ein Profil, das deutlich besser in das aktuelle Verteidigungsumfeld passt als der alte Mischkonzern.

Gerade deshalb bleibt TKMS für Thyssenkrupp ein wichtiges Argument. Verteidigungsausgaben steigen, europäische Marineprogramme gewinnen strategisches Gewicht, und der Markt bezahlt planbare militärische Langfristaufträge derzeit deutlich höher als zyklische Stahl- oder Autokomponentenrisiken. Für die Holding-Erzählung ist Marine Systems damit fast der Beweis, dass eine Entflechtung Wert sichtbar machen kann.

Die Kehrseite: Je attraktiver einzelne Sparten werden, desto stärker stellt sich die Frage, welchen Wert die zentrale Holding selbst noch addiert. Thyssenkrupp muss zeigen, dass es nicht nur Beteiligungen verwaltet, sondern Kapital besser allokiert, Risiken trennt und für jedes Segment den richtigen Eigentümer- oder Börsenrahmen findet.

 

Die Prognose bleibt absichtlich vorsichtig

 

Für das Geschäftsjahr 2025/2026 bestätigte Thyssenkrupp die zentralen Ergebnisziele. Das bereinigte EBIT soll zwischen 500 Mio. und 900 Mio. Euro liegen. Der Nettoverlust wird weiterhin zwischen 400 Mio. und 800 Mio. Euro erwartet. Die Umsatzprognose wurde leicht auf einen Rückgang von 3 % bis 0 % gegenüber dem Vorjahr angepasst. Zuvor hatte der Konzern noch minus 2 % bis plus 1 % erwartet.

Diese Prognose ist bewusst nicht euphorisch. Sie spiegelt die Verbesserung im operativen Geschäft wider, aber auch Restrukturierungsaufwendungen, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheiten und Belastungen aus dem Stahlumbau. Wer Thyssenkrupp jetzt kauft, setzt also nicht auf ein makelloses Jahr. Er setzt darauf, dass die Strukturmaßnahmen schneller Wert freisetzen als die Problemfelder Wert binden.

 

Die Aktie braucht weitere Beweise aus dem Umbau

 

Thyssenkrupp ist wieder interessanter geworden, weil der Konzern nicht mehr nur erklärt, sondern sichtbarer umbaut. Die Zahlen im zweiten Quartal geben dem Management Rückenwind, Materials Services könnte der nächste Kapitalmarktkandidat werden, und Marine Systems besitzt eine starke industrielle Logik. Das reicht, um die Aktie aus der alten Lethargie zu holen.

Doch die neue Bewertung verlangt weitere Beweise. Der Cashflow ist negativ, Steel Europe bleibt schwierig, Decarbon Technologies enttäuscht kurzfristig, und die Holding-Struktur muss erst zeigen, dass sie mehr ist als ein schöneres Etikett für einen weiterhin komplexen Konzern. Thyssenkrupp hat aus Sicht der Börse wieder Fantasie. Jetzt muss der Konzern beweisen, dass aus der Zerlegung nicht nur Bewegung, sondern tatsächlich Wert entsteht.

 

Anzeige:

Banner TradingView

 

thyssenkrupp AG-Aktie: Kaufen oder verkaufen?

 

Die neuesten thyssenkrupp AG-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für thyssenkrupp AG-Aktionäre. Lohnt sich aktuell ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen?

Konkrete Empfehlungen zu thyssenkrupp AG - hier weiterlesen...

 

24.05.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

Auf Twitter teilen     Auf Facebook teilen


Informiert bleiben - Wenn Sie bei weiteren Nachrichten und Analysen zu einem in diesem Artikel genannten Wert oder Unternehmen informiert werden möchten, können Sie unsere kostenfreie Aktien-Watchlist nutzen.








Ihre Bewertung, Kommentar oder Frage an den Redakteur


Bitte geben Sie die Anzahl der unten gezeigten Eurozeichen in das Feld ein.
>

 



 

 

Haftungsausschluss - Die EMH News AG übernimmt keine Haftung für die Richtigkeit der Empfehlungen sowie für Produktbeschreibungen, Preisangaben, Druckfehler und technische Änderungen. (Ausführlicher Disclaimer)