BASF sucht den Befreiungsschlag im Umbau
Der Coatings-Verkauf bringt Milliarden in die Kasse, doch die Aktie wartet weiter auf den Beweis, dass China, Kostenprogramm und Chemiezyklus zusammenpassen
BASF hat in diesen Tagen keine spektakuläre Börsenreaktion geliefert. Genau das ist fast schon die eigentliche Nachricht. Der Chemiekonzern hat einen großen Portfolio-Schritt abgeschlossen, kassiert Milliarden aus dem Coatings-Verkauf und richtet den Blick stärker auf China, Kernchemie und Kostendisziplin. Trotzdem bleibt die Aktie im Handel eher verhalten. Der Markt nimmt den Umbau zur Kenntnis, aber er feiert ihn noch nicht.
BASF (DE0005151005) steht damit an einem Punkt, an dem die alte Chemie-Erzählung nicht mehr reicht und die neue noch nicht vollständig trägt. Der Konzern trennt sich von Teilen, die als eigenständige Einheiten höher bewertet werden können, hält aber zugleich genug Verbindung, um später an Wertsteigerungen teilzuhaben. Das klingt elegant. Für Anleger zählt jedoch, ob daraus mehr wird als Bilanzkosmetik.
Am heutigen Donnerstag bewegte sich die Aktie im Bereich von rund 47 Euro und damit weiter klar unter dem zuletzt genannten 52-Wochen-Hoch von 54,32 Euro. Solche Momentaufnahmen sind wegen Handelsplatz, Zeitpunkt und Datenquelle vorsichtig zu lesen. Die Richtung ist dennoch auffällig: Der Markt honoriert den Portfoliofortschritt nicht mit Euphorie, sondern prüft nüchtern, ob BASF die operativen Baustellen wirklich schneller schließen kann.
Coatings ist jetzt kein Versprechen mehr, sondern Kasse
Der wichtigste neue Punkt ist der Abschluss der Coatings-Transaktion. BASF und Carlyle haben den im Oktober angekündigten Deal am 30. Juni 2026 vollzogen. Der Unternehmenswert der Transaktion liegt bei 7,7 Mrd. Euro, BASF erhielt vor Steuern rund 5,8 Mrd. Euro an Barmitteln und hält nach dem Closing noch 40 % an Surventis, der früheren BASF Coatings. Die offizielle Mitteilung zum Abschluss der Coatings-Transaktion zeigt damit, warum der Vorgang mehr ist als ein gewöhnlicher Verkauf.
Der Konzern gibt Kontrolle ab, behält aber einen Fuß in der Tür. Zusammen mit dem bereits verkauften Dekorfarben-Geschäft wird die frühere Coatings-Sparte mit einem Unternehmenswert von 8,7 Mrd. Euro bewertet. BASF verweist zudem auf ein implizites EV/EBITDA-Multiple vor Sondereinflüssen von etwa 13. Das ist für einen Chemiekonzern, dessen Börsenbewertung seit Jahren unter Zyklusangst, Europa-Skepsis und China-Fragen leidet, ein wichtiger Fingerzeig: Einzelne Teile können am Markt offenbar mehr wert sein, als sie im Konglomerat sichtbar waren.
Doch genau daraus entsteht auch die nächste Frage. Wenn Coatings ein Werthebel war, dann muss BASF zeigen, dass der verbleibende Konzern nicht nur kleiner, sondern klarer, profitabler und kapitaldisziplinierter wird. Ein Verkauf verbessert die Bilanz. Er ersetzt aber nicht die Erholung des Chemiegeschäfts.
Die Q1-Zahlen erklären die Zurückhaltung
Die jüngsten Quartalszahlen waren robust, aber nicht stark genug für eine neue Bewertungseuphorie. Im ersten Quartal 2026 erzielte BASF einen Umsatz von 16,020 Mrd. Euro nach 16,509 Mrd. Euro im Vorjahresquartal. Das EBITDA vor Sondereinflüssen ging von 2,496 Mrd. Euro auf 2,356 Mrd. Euro zurück. Gleichzeitig stieg das Nettoergebnis auf 927 Mio. Euro, das Ergebnis je Aktie erreichte 1,06 Euro.
Der Blick in die Q1-Zahlen von BASF macht die Ambivalenz sichtbar. Volumenwachstum war vorhanden, vor allem getragen von China. Währungen und Preise arbeiteten dagegen. In mehreren Segmenten herrschte Preisdruck, während Sonderbelastungen weiter aus den laufenden Sparprogrammen kamen, insbesondere mit Blick auf Ludwigshafen.
Positiv war der Free Cashflow im ersten Quartal nur relativ: Er blieb mit minus 1,375 Mrd. Euro negativ, verbesserte sich aber um 423 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahr. BASF verweist darauf, dass das erste Quartal saisonal häufig schwach ist. Für Anleger bleibt trotzdem entscheidend, ob die Verbesserung im Jahresverlauf tatsächlich in die angekündigte Bandbreite von 1,5 Mrd. bis 2,3 Mrd. Euro Free Cashflow führt.
Zhanjiang ist der Gegenentwurf zu Ludwigshafen
Strategisch liegt der auffälligste Kontrast im Konzern nicht zwischen zwei Segmenten, sondern zwischen zwei Standorten. Ludwigshafen steht für Kostenabbau, Energiepreisnachteile und strukturelle Neuordnung. Zhanjiang steht für Wachstum, China-Nähe und einen neuen Verbundansatz. BASF hat den neuen Standort in der chinesischen Provinz Guangdong im März offiziell eingeweiht. Das Projekt wurde mit einer Investition von rund 8,7 Mrd. Euro umgesetzt und soll Kunden in China direkt aus lokaler Produktion bedienen.
Die Einordnung zum neuen Verbundstandort Zhanjiang zeigt die Dimension: Der Standort umfasst unter anderem einen Steamcracker mit einer Kapazität von 1 Mio. Tonnen Ethylen pro Jahr, zahlreiche Produktionslinien und ein Produktportfolio für Transport, Konsumgüter, Elektronik, Home Care und Personal Care. Für BASF ist das keine Randinvestition. Es ist die Wette, dass lokale Produktion im größten Chemieeinzelmarkt langfristig bessere Kosten-, Nachfrage- und Kundennähe bringt.
Diese Wette ist plausibel, aber nicht bequem. China bietet Wachstum, zugleich aber auch starken lokalen Wettbewerb und politischen Bewertungsabschlag. Europa bietet Bestandskunden und Verbundhistorie, aber hohe Kosten und schwächere Chemienachfrage. BASF muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig schaffen: in China wachsen, ohne die Kapitalrendite zu verwässern, und in Europa schrumpfen beziehungsweise vereinfachen, ohne industrielle Substanz zu verlieren.
Der Ausblick bleibt stabil, aber nicht sorgenfrei
BASF hält für 2026 an der Prognose fest. Erwartet wird ein EBITDA vor Sondereinflüssen zwischen 6,2 Mrd. und 7,0 Mrd. Euro. Der Free Cashflow soll zwischen 1,5 Mrd. und 2,3 Mrd. Euro liegen. Zusätzlich will BASF von 2025 bis 2028 mindestens 12 Mrd. Euro über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre ausschütten, wobei die jährliche Dividende mindestens 2,25 Euro je Aktie betragen soll.
Die aktuelle Prognose des Konzerns enthält allerdings auch eine deutliche Warnung. BASF selbst weist darauf hin, dass die Annahmen zu Weltwirtschaft, Industrieproduktion und Chemieproduktion inzwischen zu optimistisch sein könnten. Zusätzlich bleiben Energie- und Rohstoffpreise, Lieferketten, Wechselkurse und geopolitische Risiken schwer planbar.
Damit ist der Ausblick eher ein Stabilitätsanker als ein Kurstreiber. Die Börse sieht: BASF rudert nicht zurück. Aber sie sieht auch: Die Bandbreiten lassen viel Raum für ein Jahr, das ordentlich, aber nicht befreiend verläuft.
Gerade deshalb ist der nächste Termin wichtig. Ende Juli legt BASF die Zahlen zum zweiten Quartal vor. Dann wird der Markt genauer sehen wollen, ob der Cashflow-Pfad hält, ob die Volumenentwicklung stärker als der Preisdruck ist und ob der Coatings-Abschluss tatsächlich mehr finanziellen Spielraum schafft.
Der Umbau ist sichtbar, die Neubewertung noch nicht
BASF ist derzeit keine klassische Turnaround-Aktie mit einem einzigen Auslöser. Der Konzern arbeitet an mehreren Fronten zugleich: Portfolio schärfen, Kosten senken, Ludwigshafen neu aufstellen, Zhanjiang hochfahren, Cashflow verbessern und Ausschüttungsversprechen halten. Jeder dieser Punkte ist für sich sinnvoll. Zusammen ergeben sie aber erst dann eine stärkere Aktiengeschichte, wenn sie in den Zahlen gleichzeitig sichtbar werden.
Der Coatings-Verkauf zeigt, dass BASF Werte heben kann. Zhanjiang zeigt, dass der Konzern in China weiter industrielle Größe sucht. Die Q1-Zahlen zeigen, dass Volumenwachstum vorhanden ist, aber Preis- und Währungseffekte weiter stören. Genau aus dieser Mischung erklärt sich der zurückhaltende Aktienkurs: Anleger sehen Fortschritt, aber noch keinen Befreiungsschlag.
Für BASF beginnt damit eine Phase, in der weniger die Ankündigungen zählen als die Reihenfolge ihrer Wirkung. Erst wenn die Milliarden aus Verkäufen, die Einsparungen in Europa und die neue Produktionsbasis in China gemeinsam in höheren Margen und verlässlicherem Free Cashflow ankommen, dürfte der Markt den Umbau anders bewerten. Bis dahin bleibt die Aktie ein Chemiewert im Übergang: substanzstark, dividendenfähig, aber noch nicht erlöst von der Frage, wie profitabel der neue BASF-Kern wirklich ist.
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09.07.2026 - Christian Teitscheid

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