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Bilanzskandale und der Fall Wirecard

Kommt jetzt die große Reform?

 

Wirtschaftskriminalität und damit einhergehend Bilanzmanipulation ist nicht seit dem Fall Wirecard Gegenstand der Diskussion in der Öffentlichkeit. Einige prominente Beispiele wie der Fall Enron, Worldcom oder Flowtex (,,Big Manni“) haben auch in der Vergangenheit hohe Wellen geschlagen und das Vertrauen der Marktakteure und Stakeholder in die Aufsicht erschüttert.

Insbesondere der Fall Wirecard sorgt derzeit für großes Aufsehen und schadet der Reputation des Finanzplatzes Deutschland. In diesem Zusammenhang stehen die Wirtschaftsprüfer neben der Aufsicht ebenfalls in der Kritik. Dabei wird den Wirtschaftsprüfern eine besondere Rolle und Verantwortung zugewiesen, da diese mit Ihrer Tätigkeit das Vertrauen in die Zahlen und Angaben im Rahmen der Rechenschaftslegung erhöhen und dadurch Informationsasymmetrien senken sollen. Außerdem soll die beschriebene Funktion der Wirtschaftsprüfer eine optimale Vermögensallokation in einer Volkswirtschaft ermöglichen und die Transparenz am Kapitalmarkt erhöhen.

 

Sind die Wirtschaftsprüfer an allem Schuld?

 

Nichtdestotrotz wird derzeit eine umfassende Reform in der Aufsicht von kapitalmarkorientierten Unternehmen und dem Berufsstand der Wirtschaftsprüfer gefordert. Allerdings ist zunächst eine gründliche und tiefgehende Analyse des Ist-Zustandes erforderlich, damit die Politik unter dem Druck der Öffentlichkeit keine aktionistischen und vorschnellen Maßnahmen einleitet. Grundsätzlich sei erwähnt, dass die Abschlussprüfung nicht dazu ausgelegt ist, Unterschlagungen und/oder Betrug aufzudecken, denn der Abschlussprüfer ist kein Forensiker. Genau genommen hat der Wirtschaftsprüfer über Betrug und/oder Unterschlagung zu berichten, wenn er sprichwörtlich darüber stolpert. Zu beachten ist auch, dass in den Medien nur dann berichtet wird, wenn Wirtschaftsprüfer etwas übersehen oder nicht richtig ,,hingeschaut“ haben sollen. In dieser öffentlichen Diskussion geht verloren, dass Fälle in der gesamten Medienlandschaft kaum Beachtung finden, wenn Wirtschaftsprüfer im Rahmen Ihrer Prüfungstätigkeit etwas aufdecken und sich diese Unregelmäßigkeiten im Prüfungsurteil niederschlagen.

Im Rahmen der Analyse der Ursachen für den Bilanzskandal Wirecard sollten die Verantwortlichen bzw. Politik sich zunächst die Frage stellen, ob und welche Gemeinsamkeiten die prominenten Bilanzskandale der letzten Jahre hatten. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lässt sich festhalten, dass diese Unternehmen mehr oder weniger über schwache Governance-Strukturen wie Compliance, Interne Kontrollsysteme, Risikomanagementsysteme und interne Revision verfügt haben, sodass die Außerkraftsetzung der Kontrollen im Unternehmen gerade für das Top-Management möglich gewesen ist.  Schnelles Wachstum und die Orientierung an den Shareholder-Value gepaart mit Kurzfristdenken sowie schnelle Effizienzgewinne sind nur einige Beispiele, welche die Implementierung einer professionellen Corporate Governance im Unternehmen im Wege stehen können, da jede implementierte Kontrolle im Unternehmen zunächst Zeit und Geld kostet. Fraglich ist auch, welche Rolle der Aufsichtsrat in diesem Zusammenhang gespielt hat. Der Aufsichtsrat muss nach dem hier herrschenden dualistischen System den Vorstand kontrollieren und überwachen. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Prüfung der Rechnungslegung die originäre Aufgabe des Aufsichtsrates ist, sodass diese als Organ gemäß dem Aktiengesetz und Handelsgesetzbuch auf Wirtschaftsprüfer delegiert wird. Konsequenterweise bedeutet dies, das der Aufsichtsrat über Sachverstand auf dem Gebiet der Rechnungslegung verfügen muss.

Außerdem darf nicht vergessen werden, dass mit der Komplexität der Geschäftstätigkeit auch die Anforderungen an eine moderne Corporate Governance steigen. Das wird gerade im Fall Wirecard offensichtlich, da dieser bis heute keinen gesonderten Prüfungsausschuss für Rechnungslegungsfragen im Aufsichtsrat implementiert hat. Ein weiterer Kritikpunkt ist auch die zunehmende Komplexität der Rechnungslegung, dass Ersteller und Prüfer vor besondere Herausforderungen stellen. Wenn bereits diese Probleme mit der Interpretation und Auslegung von  bestimmten internationalen Rechnungslegungsstandards bei komplexen Geschäftsvorfällen haben, drängt sich die berechtigte Frage, wie man der Allgemeinheit die dringenden Probleme verständlich vermitteln soll. Das Thema Bilanzierung und die damit einhergehende Problematik ist teilweise zu weit weg von der Öffentlichkeit und  für Laien schwer vermittelbar.

Im konkreten Wirecard-Fall wurden bereits Ende des Jahres 2019 und Anfang des Jahres 2020 Unregelmäßigkeiten in der Rechnungslegung bekannt. Dennoch haben viele Kapitalmarktteilnehmen und insbesondere institutionelle Investoren diese Anzeichen offenbar zu spät erkannt und die falschen Entscheidungen im Hinblick auf Investition oder Desinvestition getroffen.

 

Was jetzt zu tun ist - Vorschläge

 

Mit Sicherheit ist das Vorbild der amerikanischen Börsenaufsicht ,,SEC“ auch in Deutschland ein probates Modell, da diese mehr Kompetenzen und Durchgriffsrechte hat als die Bafin und somit schneller bei Verstößen sanktionieren kann. Darüber hinaus sollte neben angemessen und wirksamen Kontrollen auch ein Whistleblower System bzw. ein Hinweisgebersystem bei kapitalmarktorientierten Unternehmen stärker im Fokus stehen und diese besser geschützt werden. Gegebenenfalls können kapitalmarktorientierte Unternehmen verpflichtet werden ein Compliance-Management-System einzuführen. Denkbar wäre auch eine Lockerung der Verschwiegenheitspflicht für Wirtschaftsprüfer bei Ihren Prüfungen und Feststellungen, damit eine höhere Transparenz entsteht und die Informationen über Feststellungen der Prüfer zeitnah in die Kurse einfließen und dadurch die Entscheidungsgrundlage für Kapitalmarktteilnehmer verbessert wird. Nur so wird die öffentlich verfügbare Informationsbasis gestärkt und was zu effizienteren Kapitalmärkten führt. Außerdem muss die Politik sich auch Gedanken machen, wie die Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen weiter professionalisiert werden können. Nur ein Aufsichtsrat, dass auf dem Gebiet der Rechnungslegung den notwendigen Sachverstand bringt, kann seine Kontroll- und Überwachungsfunktion sorgfältig durchführen.

 

Fazit:

 

Jedenfalls bleibt abzuwarten, zu welchen konkreten Ergebnissen die Untersuchung im Fall Wirecard führen und welche Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Fraglich ist auch, warum nur bestimmte Banken als systemrelevant eingestuft werden. Wirecard hat aufgrund seiner Marktkapitalisierung und der Handelsumsätze Commerzbank vom Dax abgelöst. Hat Wirecard nicht den Ruf des Finanzplatzes Deutschland beschädigt?! Die Definition der Systemrelevanz sollte unbedingt auf den Prüfstand gestellt werden.

Eine zielgerichtete und wirksame Regulierung zur Stärkung des Kapitalmarktes erfordert eine gründliche und breite Untersuchung der bestehenden Regelungen im Zusammenhang mit der Corporate Governance, um mögliche Regelungslücken zu erkennen und nicht den Markt mit zu viel unnötiger Bürokratie zu überbelasten. Sonst besteht die Gefahr, dass über das Ziel hinausgeschossen wird.

 

24.07.2020 - Okan Bülbül - ob@ntg24.de

 






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