Marktbericht Gold – Goldschwäche bei Dollarstärke – und wie weiter?
Die Handelswoche in Gold vom 01.06. – 05.06.2026
Die in der vergangenen Woche gestellte Frage, ob am Golf die Friedenspfeife oder doch nur der Colt raucht, muss aktuell zugunsten des Letzteren beantwortet werden. Die Eskalation der Lage im Nahen Osten dürfte einer der wichtigsten Einflussfaktoren der nächsten Wochen bleiben, denn an ihm hängen gerade bei leeren Vorratslagern die Versorgungslage und damit die Preiselastizität der Ölnachfrage. Sollte sich die Situation im Monatsverlauf dramatisch zuspitzen, ist mit einem Stresstest für das gesamte globale Finanzsystem zu rechnen. Gold dürfte in dieser Lage wieder das tun, was es immer getan hat – ein kognitiver Anker der Stabilität zu sein. Kurzfristig jedoch drückte in der abgelaufenen Handelswoche erst einmal der stärkere US-Dollar und die höheren Anleiherenditen auf das Sentiment.
In der abgelaufenen Handelswoche, die bis zum Freitag in relativ ruhigen Bahnen verlief, kam es am Freitag zu einer klassischen Marktturbulenz. Immer noch auf Zinssenkungen hoffende Marktteilnehmer hatten sich, wie ein sehr niedriger VIX (Volatilitätsindex auf den S&P 500 – Index) zeigte, entsprechend ihrer Hoffnungen am Markt positioniert und wurden mit der Veröffentlichung der jüngsten US-Arbeitsmarktdaten für Mai auf dem falschen Fuß erwischt. Denn diese zeigten mit 172.000 neugeschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft eine mehr als doppelt so starke Zunahme, zumal auch die Zahl für April mit nunmehr 179.000 neuen Stellen nach oben revidiert wurde.
In Reaktion auf die Zahlen sprang der US-Dollar über 1 % nach oben und schloss den Freitag mit einem Tagesgewinn von 1,1521 USD je Euro. Parallel stiegen die Anleiherenditen und gossen kaltes Wasser auf die Rallye an den Aktienmärkten. Aber auch die in US-Dollar gehandelten Rohstoffe kamen unter Druck.
Erschwerend kam hinzu, dass in dieser Woche auch mehrere asiatische Währungen unter Abwertungsdruck gerieten. Hier preisen die Märkte den Terms-of-Trade-Schock aufgrund der gestiegenen Ölpreise ein und antizipieren möglicherweise bereits eine Eskalation der Versorgungslage, denn die weltweite Pufferkapazität strategischer Ölreserven und alternativer Versorgungsquellen decken nicht annähernd den Bedarf über wenige Wochen hinaus. Kurz, einige Marktteilnehmer sehen gerade die asiatischen Volkswirtschaften vor einem enormen Stresstest. Dieser wurde in der abgelaufenen Handelswoche insbesondere bei den Währungen Indonesiens und der Philippinen deutlich.
In dieses Bild passt auch, dass die Zentralbank Indiens bis zum 22.05.2026 Gold im Gegenwert von ca. 12 Mrd. USD veräußert hat. Damit schafft sich Indien zusätzliche Interventionskapazität am Devisenmarkt, denn die indische Rupie leidet unter einer Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits durch die steigenden Ölpreise. Zuletzt hatte Indien zur Verringerung dieses Defizits höhere Einfuhrzölle und strengere Importgenehmigungsregeln verkündet. Denn mit den hohen Importen von Gold und Silber ist ein entsprechender Devisenabfluss verbunden. Zuletzt hatte der indische Zentralbankchef Sanjay Malhotra sogar Zinserhöhungen erwogen.
Gold verliert, zeigt aber keine Anzeichen von Verkaufspanik
Gold (TVC:GOLD) kam gleichwohl durch den stärkeren US-Dollar am Freitag unter Verkaufsdruck und gab im Wochenvergleich von 4.540,53 USD auf 4.327,88 USD und damit um 4,7 % nach.
Chart 1 zeigt die chartteschnische Lage auf Tagescandle-Basis.
Gold ist mit dem Schlusskurs vom Freitag aus seinem kürzeren Konsolidierungskeil, der eine dynamische Unterstützung bot, nach unten herausgefallen und hängt nun technisch in der Luft. Dies alleine reicht bereits für technisch kurzfristig orientierte Anleger für einen Verkauf. Gold prallte damit auch auf seiner kleineren Unterstützungszone vom 31.12.2025 auf, die bei 4.322,61 USD liegt.
Diese Unterstützung dürfte jedoch nicht reichen, um stärkeren Verkaufsdruck aufzufangen. Sie hat jedoch gereicht, um einen noch tieferen Schlusskurs auf Tagesbasis zu verhindern.
Wie die kleineren lila Kreise anzeigen, wies Gold am Freitag keine stark erhöhten Umsätze auf. Die Umsätze bestätigen weisen damit (noch) nicht darauf hin, dass der Kursrückgang vom Freitag der Auftakt eines längeren Abwärtstrends ist.
Vielmehr zeigt Chart 1 die Möglichkeit, dass Gold innerhalb seines größeren Konsolidierungskeil (blau) einen Boden bildet.
Bis auf Weiteres bleibt eine Interpretation als umgekehrte Schulter-Kopf-Schulter-Formation als Konsolidierungsmuster eine der wahrscheinlichsten Szenarien, wobei sich die rechte Schulter schon als deutlich hängend gegenüber der rechten Schulter zeigt.
Grundsätzlich ist dieses Muster jedoch kompatibel mit einem Doppelboden, nämlich dann, wenn der Kurs in der aktuellen Abwärtsbewegung in die Nähe des Korrekturtiefs vom 23.03.2026, welches bei 4.099,12 USD lag, zurückfällt.
Mittelfristiger Aufwärtstrend ist intakt
Chart 2 zeigt nun, dass die relative Stärke der aktuellen Abwärtsbewegung (noch) nicht stark ist.
Der mittelfristige Aufwärtstrend, der als weitere dynamische Unterstützung fungiert und charttechnisch höhere Relevanz besitzt, könnte nun in den kommenden Tagen auf diese Relevanz hin getestet werden. Bis jetzt ist er allerdings intakt und damit auch die Interpretation der gesamten Bewegung seit dem Allzeithoch als Korrektur im Aufwärtstrend!
Erst wenn der Goldpreis mit wahrscheinlich dann deutlich höheren Umsätzen auch unter diese Unterstützung gefallen ist, gerät die aktuelle Interpretation in Gefahr. Bis dahin gibt es charttechnisch wenig zwingende Gründe für mittel- und langfristig orientierte Investoren, an einer Fortsetzung des laufenden Aufwärtstrends von Gold auch bei einem steigenden US-Dollar zu zweifeln.
Wie könnte es nun aber von hier aus weitergehen?
Wie wir bereits in der Vorwoche darstellten, bleib das obige Szenario kompatibel mit einer charttechnischen Bärenfalle. Das sich aktuelle Abwärts-Momentum verselbständigt sich und entwickelt eine Eigendynamik, bis es zu einem abrupten Trendwechsel kommt.
Dies könnte in den nächsten Tagen geschehen, wenn der Goldpreis an den genannten Kursmarken plötzlich nicht nur Widerstandskraft entwickelt, sondern auch die Kraft für eine deutliche Trendumkehr findet. Dann nämlich sind die aktuellen Kurse eher Kauf- als Verkaufskurse. Die nächsten Handelstage sind deshalb nicht nur aus charttechnischer Sicht für den analytischen Wert von Chartsignalen, sondern auch aus psychologischer Perspektive (Behavioral Finance) interessant.
Der Überraschungseffekt, den der sprunghafte Anstieg des VIX am Freitag von 15,40 Punkten auf 21,51 Punkte und damit um 39,7 % zeigt, offenbart, dass viele Marktteilnehmer die aktuelle Risikolage unterschätzt haben.
In einem Szenario deutlich steigender Ölpreise aufgrund politischer Eskalation lohnt sich für eine Goldpreisprognose ein Blick zurück in die 1970er Jahre, in der die Inflation hoch war und der in US-Dollar gehandelte Goldpreis von 100 USD im August 1976 bis auf 873 USD im Januar 1980 zulegte und damit um 773 % explodierte. Dieser Anstieg erhielt seine stärkste Treibstufe, als die Kapitalmärkte einen Einmarsch der damaligen Sowjetunion in Afghanistan antizipierten.
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06.06.2026 - Arndt Kümpel

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