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Weizen zwischen Charttechnik und Geopolitik

Weizen konsolidiert Abschluss der Bodenbildung

 

Die Weizenmarkt-Geschichte der letzten Jahrzehnte zeigt, dass der politischen Beherrschbarkeit von klimatisch verursachten Missernten Grenzen gesetzt sind. Die Probleme der UdSSR vor, in und nach den 1970er-Jahren verdeutlichen dabei die Herausforderungen. Der Weizenpreis hat zu Jahresbeginn eine mehrjährige Bodenbildung abgeschlossen und ein starkes mittelfristiges Kaufsignal generiert, das auch auf soziale und politische Konflikte verweist.

Der Preis für Weizen birgt viel politischen Sprengstoff. Als eines der weltweiten Hauptnahrungsmittel ist eine Lieferunterbrechung oder ein zu hoher Preis ein klassischer Auslöser sozialer Unruhen.

Dies wusste man auch im Kreml, nachdem im Jahr 1972 in ganz Europa eine ausgeprägte Dürre herrschte und es im Zusammenspiel mit Missmanagement in der sowjetischen Landwirtschaft zu einer dramatischen Missernte bei Weizen vor allem in zentralen Anbaugebieten kam. Als Reaktion darauf beschloss die UdSSR zur Verhinderung einer Hungersnot, massiv Weizen, insbesondere aus den USA, zu importieren.

Bereits zuvor und auch danach importierte die UdSSR Weizen, denn bereits 1957 hatte es in den südlichen und 1963 und 1965 in den östlichen Anbaugebieten Russlands ausgeprägte Dürren und Missernten gegeben.

Die russische Weizennachfrage ließ in Kombination mit den schlechteren Ernten in anderen globalen Anbaugebieten den Weizenpreis explodieren. Die Weizen-Vorräte kollabierten exponentiell und die weltweiten Lebensmittelpreise stiegen 1973 von Januar bis Oktober um 30 % (gelbes Rechteck rechts in Chart 1).

 

 

Nach diesen Ereignissen wurden technologische Innovationen in die sowjetische Landwirtschaft eingeführt, um die Versorgungssicherheit bei Nahrungsmitteln im Allgemeinen und Weizen im Besonderen zu erhöhen.

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Werbebanner Trading SeminarIm vergangenen Jahre war Russland der größte Weizenexporteur der Welt. In der Anbausaison 2020/2021 exportierte Russland 39 Mio. Tonnen Weizen, deutlich vor dem Zweiten USA mit 27 Mio. Tonnen und der EU mit 25,5 Mio. Tonnen. Bei der absoluten Höhe der Weizenproduktion liegt Russland nach China und Indien an dritter Stelle.

Im Zuge der weltweiten Überflutung der Kapitalmärkte mit der Liquidität der Notenbanken, beginnend mit der Finanzkrise 2008/2009 und zuletzt verstärkt durch die Interventionen im Zuge der Corona-Krise hat die Bedeutung realer Vermögenswerte, zu denen auch (Agrar-) Rohstoffe gehören, deutlich zugenommen.

Zusammen mit dem immer deutlicher spürbaren Klimawandel, dem Schock auf die Lieferketten durch die administrativen Lockdowns und die prekäre ökonomische Lage der Landwirtschaft in einigen Anbauländern haben sich die dunklen Wolken steigender Weizenpreise weiter zusammengeschoben.

Chart 2 zeigt die Entwicklung eines Future-Kontraktes für Weizen an der CME. Dieser beläuft sich auf 5.000 Bushel Weizen, was rund 136 Tonnen entspricht. Angegeben wird der Preis je Bushel in US-Cent. In unten stehendem Chart entspricht der Preis für 1 Bushel (ca. 27,216 kg) aktuell 6,634 US-Dollar.

 

 

Die blaue Horizontale zeigt die bereits in Chart 1 sichtbaren Preisspitzen Anfang 1974 bei 636 US-Cent nach den bereits erwähnten massiven Käufen der UdSSR sowie im Jahr 1996.

Nach dem Allzeithoch im Februar 2008 bei 1.349,4 US-Cent folgte ein jahrelanger Preisrückgang, bei dem der Weizenpreis zwischen 2015 und 2020 einen ausgedehnten Boden bildete.

Aus diesem Boden ist der Weizenpreis nun zu Beginn des Jahres 2021 ausgebrochen und hat dabei auch wieder die Preisspitzen aus dem Jahr 1074 und 1996 überwunden. Anfang April 2021 sprang der Weizenpreis dann sogar über seinen nächsten Widerstand vom Mai 2014 bei 744 US-Cent, fiel danach aber wieder bis kurz oberhalb der Unterstützung von 636 US-Cent zurück.

Mittelfristiges nächstes Kursziel ist nun das Zwischenhoch vom Juli 2012 bei 947,2 US-Cent, darüber beginnt dann der soziale und politische Stresstest.

Ein bislang weniger starker, nun aber an Bedeutung gewinnender Faktor ist der Einfluss der politischen Konflikte auf den Weizenexport. Die Tatsache, dass Russland mit seinen Weizenexporten Politik machen kann, ist nicht neu und gilt auch für andere exportstarke Länder.

Gleichwohl sind die von Sanktionen und einem steigenden Konfliktniveau geprägten Beziehungen zwischen den USA und Russland geeignet, weitere Störungen bei der weltweiten Weizenversorgung zu verursachen.

 

Und was ist das Fazit?

 

Der Weizenpreis hat eine jahrelang gebildete Bodenformation abgeschlossen und befindet sich gerade in einer kurzen Konsolidierungsphase. Danach ist aus charttechnischer Sicht mittelfristig mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Nächstes mittelfristiges Kursziel ist der Widerstand vom Juli 2012 bei 947,20 US-Cent je Bushel.

 

01.06.2021 - Arndt Kümpel - ak@ntg24.de

 






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