als .pdf Datei herunterladen

OMV handelt plötzlich wieder den alten Energiehebel

Öl, Gas und Raffineriemargen treiben die Erwartungen für das zweite Quartal – gleichzeitig begrenzen Förderausfälle, Regulierung und geringere Absatzmengen den Gewinnsprung

NTG24 - OMV handelt plötzlich wieder den alten Energiehebel

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

OMV wollte an der Börse längst als breiter Energie- und Chemiekonzern wahrgenommen werden. Der jüngste Kursschub erinnert jedoch daran, wie stark das Ergebnis weiterhin von einer sehr klassischen Größe abhängt: dem Preis für Öl und Gas. Das zweite Quartal brachte außergewöhnlich hohe realisierte Energiepreise und deutlich bessere Raffineriemargen. Die Aktie reagiert darauf sichtbar. Ganz so einfach wie „höherer Ölpreis gleich höherer Gewinn“ ist die Rechnung allerdings nicht.

OMV (AT0000743059) veröffentlichte am 9. Juli noch keine vollständige Gewinn- und Verlustrechnung, sondern vorläufige operative Kennzahlen für das zweite Quartal. Diese liefern dennoch einen ungewöhnlich klaren Eindruck: Das Marktumfeld war für den Konzern wesentlich günstiger als zu Jahresbeginn, während geopolitische Belastungen gleichzeitig Produktion und Absatz beeinträchtigten.

Die Börse gewichtet derzeit vor allem die positive Seite. An der Wiener Börse stieg der Schlusskurs von 54,85 Euro am 1. Juli auf 61,10 Euro am Montag. Am Dienstagmittag wurde der Titel zeitweise im Bereich von rund 62 Euro gehandelt. Solche Intradayangaben bleiben Momentaufnahmen, doch die Richtung ist eindeutig: OMV wird wieder stärker als unmittelbarer Profiteur hoher Energiepreise gelesen.

Anzeige:

Banner TradingView

 

Ein Quartal mit völlig verändertem Preisbild

 

Der wichtigste Unterschied zum Jahresauftakt liegt im Ölpreis. Laut dem vorläufigen Trading Update für das zweite Quartal lag der durchschnittliche Brent-Preis bei 103,85 US-Dollar je Barrel. Im ersten Quartal waren es noch 81,13 US-Dollar gewesen.

OMV selbst realisierte für Rohöl durchschnittlich 97,80 US-Dollar je Barrel, nach 72,30 US-Dollar im Vorquartal. Auch der realisierte Gaspreis zog deutlich an: von 31,10 Euro auf 37,80 Euro je Megawattstunde. Damit verschob sich die Ertragsbasis innerhalb weniger Monate erheblich.

Für ein integriertes Unternehmen ist diese Entwicklung allerdings nie eindimensional. Höhere Förderpreise stärken das Upstream-Geschäft. Raffinerien müssen gleichzeitig teurere Rohstoffe verarbeiten, und politische Eingriffe können verhindern, dass Preisbewegungen vollständig an Kunden weitergereicht werden. Entscheidend ist daher nicht nur die Höhe des Ölpreises, sondern wie sich Produktion, Verkaufsmengen, Raffinerieauslastung und Regulierung gegenseitig überlagern.

Genau an dieser Stelle wird das Update interessant. OMV erwartet zwar ein höheres bereinigtes operatives Ergebnis im Fördergeschäft. Der positive Preiseffekt soll jedoch um rund 120 Mio. bis 150 Mio. Euro geringer ausfallen, als die üblichen Sensitivitätsrechnungen vermuten lassen. Als Gründe nennt der Konzern geringere Verkaufsmengen infolge des Nahostkonflikts und eine höhere Übergewinnbesteuerung in Rumänien.

 

Produktion stabilisiert sich, der Absatz aber nicht

 

Die tägliche Kohlenwasserstoffproduktion stieg gegenüber dem ersten Quartal leicht von 288.000 auf 291.000 Barrel Öläquivalent. Damit wurde der Rückgang des Jahresauftakts zwar nicht vollständig aufgeholt, die Produktion bewegte sich aber wieder in die richtige Richtung.

Das allein beschreibt das Quartal nur unvollständig. Die verkauften Mengen sanken von 252.000 auf 242.000 Barrel Öläquivalent pro Tag. Besonders bei Erdgas und Rohöl lagen die Absatzmengen unter dem Vorquartal. Für das Ergebnis bedeutet das: OMV konnte höhere Preise auf weniger verkaufte Einheiten anwenden.

Hinzu kommt das Geschäft in Osteuropa. Für Gas & Power Eastern Europe erwartet OMV gegenüber dem ersten Quartal ein niedrigeres Ergebnis. Der geplante Stillstand des rumänischen Brazi-Kraftwerks und saisonal schwächere Gasverkäufe wirken dort gegen den allgemeinen Preisauftrieb.

Das ist der wichtigste Gegenpunkt zur aktuellen Börsenreaktion. Die Aktie handelt einen kräftigen Energiepreishebel. Operativ muss OMV aber zeigen, dass dieser Hebel nicht durch zu viele Ausfälle, Absatzverschiebungen und fiskalische Eingriffe abgeschwächt wird.

 

Die Raffinerien liefern den überraschend klaren Rückenwind

 

Weniger widersprüchlich sieht das Bild im Kraftstoffgeschäft aus. Die europäische Raffinerie-Indikatormarge stieg von 13,88 US-Dollar je Barrel im ersten Quartal auf 20,33 US-Dollar. Gleichzeitig verbesserte sich die Auslastung der europäischen Raffinerien von 87 % auf 90 %. Die Kraftstoff- und sonstigen Verkaufsmengen erhöhten sich von 3,80 Mio. auf 4,14 Mio. Tonnen.

OMV stellt deshalb für das Segment Fuels eine deutliche operative Verbesserung gegenüber dem ersten Quartal in Aussicht. Unterstützend wirkt zudem, dass sich ein negativer Einmaleffekt von rund 100 Mio. Euro aus dem Auftaktquartal nicht wiederholt.

Anzeige:

Kleiner Münzhandel Barrenshop

 

Der Konzern erwartet, dass ein günstigerer Produktionsmix, die höhere Raffinerieauslastung und ein stärkerer Marketingbeitrag die Belastungen durch Rohöldifferenziale sowie vorübergehende regulatorische Maßnahmen in Österreich und Rumänien mehr als ausgleichen. Auch die Einordnung der Quartalsindikatoren hebt diesen Ausgleich zwischen hohen Energiepreisen, geringeren Mengen und politischen Eingriffen hervor.

 

 

 

Chemie wird stärker, aber schwerer lesbar

 

Auch im Chemiegeschäft deutet das Update auf eine Verbesserung hin. Die europäische Ethylen-Indikatormarge stieg im Quartalsvergleich von 453 auf 813 Euro je Tonne, die Propylenmarge von 318 auf 704 Euro. OMV erwartet deshalb auch für Chemicals ein höheres bereinigtes operatives Ergebnis als im ersten Quartal.

Die Kennzahlen sollten dennoch nicht wie ein einfacher Margensprung gelesen werden. Die Auslastung der Steamcracker sank von 85 % auf 77 %. Zudem wirken höhere absolute Preisabschläge einem Teil der Verbesserung entgegen. Der Konzern selbst spricht daher ausdrücklich davon, dass nicht die gesamte rechnerische Aufwärtsbewegung der Indikatormargen im Ergebnis ankommen dürfte.

Zusätzlich hat sich die Konzernrechnung strukturell verändert. Seit der Bildung von Borouge International am 31. März umfasst das Chemiesegment das vollständig konsolidierte Basischemikaliengeschäft sowie den Ergebnisanteil an Borouge International. Letzterer wird nach der At-Equity-Methode erfasst.

Dadurch wird OMV langfristig breiter und weniger unmittelbar vom eigenen Fördergeschäft abhängig. Kurzfristig macht die neue Struktur den Vergleich mit früheren Quartalen aber anspruchsvoller. Anleger müssen künftig stärker zwischen operativer Entwicklung, Konsolidierungseffekten und dem Ergebnisbeitrag der Beteiligung unterscheiden.

Die strategische Richtung bleibt dennoch erkennbar. OMV hält 50 % an Borouge International und will aus dem Zusammenschluss mit den von ADNOC eingebrachten Aktivitäten sowie Nova Chemicals einen global bedeutenden Polyolefinkonzern formen. Für 2027 ist neben der Notierung in Abu Dhabi auch ein Zweitlisting in Wien vorgesehen.

 

Der Kurs handelt das Ergebnis schon vor dem Ergebnis

 

Die vollständigen Zahlen für das zweite Quartal werden erst am 31. Juli veröffentlicht. Bis dahin basiert die Neubewertung vor allem auf physischen Kennzahlen, Marktpreisen und qualitativen Aussagen des Managements. Wichtige Größen wie das bereinigte operative Konzernergebnis, der den Aktionären zurechenbare Gewinn und die Nettoverschuldung fehlen noch.

Gerade der Cashflow verdient Aufmerksamkeit. Im ersten Quartal erzielte OMV vor Working-Capital-Effekten einen operativen Cashflow von 1,624 Mrd. Euro. Ein Mittelabfluss von 848 Mio. Euro aus dem Nettoumlaufvermögen drückte den tatsächlichen operativen Cashflow jedoch auf 776 Mio. Euro. Der organische Free Cashflow lag bei minus 125 Mio. Euro. Für das zweite Quartal erwartet das Management nun immerhin einen leicht positiven Working-Capital-Effekt.

Damit könnte sich eine der Schwachstellen des Jahresauftakts entspannen. Ob daraus tatsächlich ein überzeugender Mittelzufluss wird, lässt sich aus dem Trading Update allein aber noch nicht ableiten. Hohe Öl- und Raffineriepreise verbessern das Potenzial. Investitionen, Steuern, Bestandsbewegungen und die neue Beteiligungsstruktur entscheiden darüber, wie viel davon bei den Aktionären ankommt.

 

OMV ist wieder teurer – und gleichzeitig komplizierter

 

Die jüngste Kursbewegung ist nachvollziehbar. OMV bekommt gleichzeitig Rückenwind aus dem Fördergeschäft, den Raffinerien und den Basischemikalien. Eine solche Konstellation ist selten und kann ein starkes Quartal ermöglichen. Hinzu kommt die für 2025 beschlossene Gesamtdividende von 4,40 Euro je Aktie, die aus 3,15 Euro regulärer Dividende und 1,25 Euro Zusatzdividende bestand.

Der Konzern ist dennoch keine reine Ölpreiswette. Förderunterbrechungen, geringere Verkaufsmengen, rumänische Sondersteuern, österreichische Eingriffe in den Kraftstoffmarkt und die komplexere Bilanzierung von Borouge International verhindern eine einfache Übersetzung der Marktpreise in den Gewinn.

Anzeige:

Werbebanner Zürcher BörsenbriefeBis Ende Juli handelt die Aktie deshalb vor allem eine plausible Erwartung: Das zweite Quartal dürfte deutlich stärker ausgefallen sein als der Jahresauftakt. Erst der vollständige Bericht wird zeigen, ob die derzeitige Neubewertung auch von Ergebnis, Cashflow und Bilanz getragen wird. OMV hat den Rückenwind. Nun muss sichtbar werden, wie viel davon nach allen Reibungsverlusten übrig bleibt.

 

OMV AG-Aktie: Kaufen oder verkaufen?

 

Die neuesten OMV AG-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für OMV AG-Aktionäre. Lohnt sich aktuell ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen?

Konkrete Empfehlungen zu OMV AG - hier weiterlesen...

 

14.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

Auf Twitter teilen     Auf Facebook teilen


Informiert bleiben - Wenn Sie bei weiteren Nachrichten und Analysen zu einem in diesem Artikel genannten Wert oder Unternehmen informiert werden möchten, können Sie unsere kostenfreie Aktien-Watchlist nutzen.








Ihre Bewertung, Kommentar oder Frage an den Redakteur


Bitte geben Sie die Anzahl der unten gezeigten Eurozeichen in das Feld ein.
>

 



 

 

Haftungsausschluss - Die EMH News AG übernimmt keine Haftung für die Richtigkeit der Empfehlungen sowie für Produktbeschreibungen, Preisangaben, Druckfehler und technische Änderungen. (Ausführlicher Disclaimer)