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Platin und Palladium bleiben geopolitische Metalle

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat die Lieferketten nicht zerrissen, aber dauerhaft politisiert

NTG24 - Platin und Palladium bleiben geopolitische Metalle

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Der Krieg in der Ukraine wirkt auf die Märkte für Platin und Palladium nicht wie ein einzelner Preisschock, der nach einigen Wochen wieder verschwindet. Vielmehr hat er offengelegt, wie verwundbar die Lieferketten für Platingruppenmetalle sind. Besonders Palladium steht dabei im Fokus, weil Russland einer der entscheidenden Produzenten bleibt. Platin wiederum profitiert teilweise von Substitutionseffekten, ist aber ebenfalls in ein engeres geopolitisches Raster geraten.

Platin (TVC:PLATINUM) und Palladium (TVC:PALLADIUM) gehören zu den Rohstoffen, deren Bedeutung weit über den klassischen Edelmetallmarkt hinausgeht. Beide Metalle werden in der Autoindustrie, in chemischen Prozessen, in der Elektronik, in Spezialglasanwendungen und perspektivisch auch in Teilen der Wasserstoffwirtschaft eingesetzt. Der Ukraine-Krieg hat daran nichts geändert. Geändert hat sich aber die Frage, wie sicher westliche Industriekunden Zugang zu diesen Metallen bekommen, wenn ein wesentlicher Teil der globalen Versorgung aus einem politisch sanktionierten Umfeld stammt.

 

Palladium ist das empfindlichere Metall

 

Die größere geopolitische Angriffsfläche liegt bei Palladium. Russland ist nach Angaben des USGS weiterhin der weltweit führende Produzent von gefördertem Palladium. Für 2025 verweist die Behörde zugleich auf einen Rückgang der russischen Produktion, der unter anderem mit niedrigeren Metallgehalten, geringerer Ausbeute sowie geopolitischer und investitionsbezogener Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Konflikt erklärt wird. Das ist für den Markt wichtiger als die reine Schlagzeile über Sanktionen, denn Palladium ist kein beliebig ersetzbarer Rohstoff.

Der größte Teil der Nachfrage kommt weiterhin aus der Autoindustrie, wo Palladium vor allem in Katalysatoren von Benzin- und Hybridfahrzeugen eingesetzt wird. Genau hier entsteht der Widerspruch: Einerseits dämpfen Elektromobilität und Substitution durch Platin die langfristige Palladiumnachfrage. Andererseits können selbst kleine Störungen auf der Angebotsseite starke Wirkung entfalten, weil die Produktion auf wenige Regionen konzentriert ist. Der Krieg hat diese Konzentration nicht geschaffen, aber er hat sie für Anleger, Industrie und Politik sichtbar gemacht.

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Bemerkenswert ist dabei, dass der Westen russische Platingruppenmetalle nicht in derselben Konsequenz vom Markt abgeschnitten hat wie andere russische Rohstoff- und Finanzströme. Das hat weniger mit politischer Nachsicht zu tun als mit industrieller Abhängigkeit. Würde russisches Palladium abrupt aus westlichen Lieferketten herausfallen, wäre nicht nur der Edelmetallhandel betroffen, sondern auch die Autoindustrie, Teile der Chemie und bestimmte Elektroniksegmente. Der Markt hat deshalb gelernt, mit einer Art halb offener Tür zu leben: politisch belastet, operativ aber weiter relevant.

 

London hat die Tür nicht ganz geschlossen

 

Ein wichtiger Einschnitt kam im April 2022. Die London Platinum and Palladium Market Association setzte wegen der Ereignisse in der Ukraine zwei staatliche russische Raffinerien von ihren Good-Delivery- und Sponge-Accreditation-Listen aus. Die LPPM stellte zugleich klar, dass vor dem Stichtag produzierte Barren weiter als Good Delivery gelten können. Genau diese Differenzierung prägt den Markt bis heute: Neues russisches Material ist in bestimmten westlichen Handelskanälen schwieriger zu platzieren, altes oder umgeleitetes Material verschwindet aber nicht automatisch aus dem System.

Damit entstand kein klassisches Embargo, sondern eine fragmentierte Handelslandschaft. Zahlungswege, Versicherungen, Transport, Compliance-Prüfungen und die Bereitschaft westlicher Abnehmer spielen eine größere Rolle als vor dem Krieg. Für Produzenten wie Nornickel bedeutet das nicht zwingend, dass Metall unverkäuflich wird. Es bedeutet aber häufig andere Absatzwege, mehr Asien-Geschäft, höhere Reibungskosten und eine dauerhafte politische Risikoprämie.

In den USA verschiebt sich die Debatte inzwischen zusätzlich von Sanktionen zu Handelsschutz. Nach Angaben von Reuters rückten im Mai 2026 hohe Strafzölle auf russisches Palladium näher, nachdem das US-Handelsministerium entsprechende vorläufige bzw. finale Feststellungen im Anti-Dumping- und Ausgleichszollverfahren getroffen hatte. Für den Weltmarkt wäre das kein automatischer Lieferstopp, aber ein weiteres Signal, dass russisches Palladium in westlichen Märkten dauerhaft politisch belastet bleibt.

 

Platin profitiert, aber nicht automatisch

 

Platin ist vom Russland-Ukraine-Krieg weniger direkt betroffen als Palladium, weil Südafrika hier die dominierende Angebotsquelle bleibt. Trotzdem wirkt der Krieg auch auf den Platinmarkt. Zum einen ist Russland auch bei Platin ein relevanter Produzent. Zum anderen haben die Versorgungsrisiken bei Palladium den ohnehin laufenden Trend zur Substitution verstärkt. In der Autoindustrie wird seit Jahren daran gearbeitet, Palladium teilweise durch Platin zu ersetzen, sofern technische Anforderungen, Emissionsstandards und Kostenrelationen dies zulassen.

Diese Verschiebung erklärt, warum Platin zuletzt nicht nur als Schmuck- oder Industriemetall wahrgenommen wird, sondern zunehmend als strategischer Ersatzrohstoff. Der WPIC erwartet für 2026 bereits das vierte jährliche Defizit in Folge und verweist auf eine weiter sinkende oberirdische Lagerdeckung. Johnson Matthey rechnet ebenfalls damit, dass der Platinmarkt 2026 im Defizit bleibt, während Palladium nach jahrelangen Defiziten wieder näher an ein Gleichgewicht oder einen kleinen Überschuss heranrücken könnte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Platin automatisch nur Gewinner des Krieges ist. Südafrika bleibt mit Stromproblemen, steigenden Kosten, tiefen Minen und Investitionszurückhaltung selbst ein struktureller Risikofaktor. Wenn russische Risiken und südafrikanische Produktionsprobleme gleichzeitig auftreten, wird der gesamte Markt für Platingruppenmetalle enger. Dann reagiert Platin nicht nur auf Nachfrage aus der Industrie, sondern auch auf die Frage, wie viel physisches Material überhaupt verlässlich verfügbar ist.

 

Palladium sucht neue Nachfragefelder

 

Dass Palladium nicht nur unter Druck steht, zeigt der Blick auf Nornickel. Der Konzern versucht, neue industrielle Anwendungen jenseits der Auto-Katalysatoren zu entwickeln. Nach Angaben von Reuters sieht Nornickel mittelfristig unter anderem Potenzial in Chinas Glasfaserindustrie und in elektrochemischen Anwendungen. Das ist strategisch nachvollziehbar: Wenn die traditionelle Autonachfrage durch Elektromobilität, Platin-Substitution und Effizienzsteigerungen strukturell unter Druck gerät, muss der größte Produzent neue Absatzkanäle schaffen.

Für den Markt ist das zweischneidig. Gelingt die Diversifizierung, könnte Palladium weniger stark von der Autoindustrie abhängen. Gleichzeitig würde die Bedeutung russischer Lieferungen in neuen Industriefeldern fortgeschrieben. Der Ukraine-Krieg verschwindet damit nicht aus der Bewertung, sondern wandert in andere Teile der Wertschöpfungskette weiter. Aus Sicht westlicher Industriekunden bleibt die Frage, ob ein Material technisch attraktiv ist, wenn seine Versorgung politisch schwer kalkulierbar bleibt.

 

 

 

Der Krieg verändert Lagerhaltung und Risikomanagement

 

Ein oft unterschätzter Effekt des Krieges liegt in der Lagerhaltung. Vor 2022 konnten viele industrielle Abnehmer davon ausgehen, dass Platingruppenmetalle über etablierte Handelsplätze, Raffinerien und Banken relativ reibungslos verfügbar waren. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist diese Annahme schwächer geworden. Unternehmen müssen nicht nur den Preis kalkulieren, sondern auch Herkunft, Dokumentation, Sanktionen, Transportwege und mögliche Reputationsrisiken.

Das kann Nachfrage zeitlich verschieben. In Phasen erhöhter Unsicherheit werden Vorräte aufgebaut, später wieder abgebaut. Solche Bewegungen machen die Preissignale schwerer interpretierbar. Ein steigender Palladiumpreis muss nicht zwingend eine robuste Endnachfrage anzeigen; er kann auch Ausdruck von Vorsorgekäufen, Lieferangst oder Handelsverzerrungen sein. Umgekehrt kann ein schwacher Preis trotz geopolitischer Risiken auftreten, wenn Autohersteller Lager abbauen oder die Nachfrage nach Katalysatormetallen konjunkturell nachlässt.

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Für Europa bleibt die strategische Abhängigkeit

 

Europa steht bei Platin und Palladium vor einem strategischen Problem. Die Industrie braucht die Metalle, die heimische Förderbasis ist aber kaum relevant. Recycling kann einen Teil der Versorgung abfedern, ersetzt jedoch keine stabile Primärproduktion. Gleichzeitig sind die beiden wichtigsten Angebotsräume politisch oder operativ anfällig: Russland wegen Krieg, Sanktionen und westlicher Abnahmezurückhaltung; Südafrika wegen Energieversorgung, Kostenstruktur und Minenalterung.

Der Ukraine-Krieg hat damit auch die politische Diskussion über kritische Rohstoffe verschärft. Es geht nicht nur um Lithium, Seltene Erden oder Kupfer. Platingruppenmetalle sind kleiner im Marktvolumen, aber für einzelne industrielle Anwendungen kritisch. Wer Emissionskontrolle, Wasserstofftechnik, Spezialchemie, Elektronik und bestimmte Zukunftsanwendungen absichern will, kommt an einer robusteren PGM-Strategie nicht vorbei.

 

Fazit: Palladium bleibt politisch, Platin wird strategischer

 

Der Russland-Ukraine-Krieg hat Platin und Palladium nicht aus den globalen Lieferketten gerissen. Gerade das macht die Lage komplex. Die Metalle fließen weiter, aber unter anderen Vorzeichen: mehr Compliance, mehr Umwege, mehr politische Bewertung und mehr Unsicherheit über künftige Handelsregeln. Palladium trägt dabei die höhere direkte Russlandprämie, während Platin zunehmend als strategischer Ausweich- und Defizitrohstoff wahrgenommen wird.

Für Anleger und Industrie ist deshalb nicht allein entscheidend, ob der Krieg kurzfristig zu einem neuen Preissprung führt. Wichtiger ist die langfristige Veränderung der Marktlogik. Aus vormals technisch geprägten Industriemetallen sind Rohstoffe geworden, bei denen geopolitische Herkunft, Handelszugang und strategische Lagerhaltung dauerhaft mitbewertet werden müssen. Genau darin liegt der bleibende Einfluss des Krieges auf Platin und Palladium.

 

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02.06.2026 - Jörg Möller

Unterschrift - Jörg Möller

 

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