als .pdf Datei herunterladen

Wasserstoffaktien bekommen keine Fantasie mehr geschenkt

Plug Power zeigt operative Fortschritte, Nel ASA sucht nach schwachen Orders und CEO-Wechsel neue Orientierung – doch beide Aktien bleiben Wetten auf Geduld

NTG24 - Wasserstoffaktien bekommen keine Fantasie mehr geschenkt

 

Der Wasserstoffsektor hat seine alte Großzügigkeit verloren. Früher reichte oft ein Projektname, eine Förderkulisse oder ein Verweis auf die Energiewende, um neue Fantasie zu entfachen. Inzwischen fragt der Markt härter: Wer reduziert Verluste wirklich? Wer gewinnt echte Aufträge? Wer hat genug Kapital, um die nächste Durststrecke zu überstehen? Genau an dieser Schwelle stehen Plug Power und Nel ASA gleichzeitig, aber mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen.

Plug Power (US72919P2020) und Nel ASA (NO0010081235) sind damit nicht einfach zwei Namen aus derselben Wasserstoffschublade. Plug kämpft mit dem Anspruch, aus einer integrierten Plattform aus Elektrolyseuren, Flüssigwasserstoff, Brennstoffzellen und Infrastruktur endlich bessere Einheitsökonomie zu machen. Nel dagegen steht stärker für die Frage, ob reine Elektrolyseur-Spezialisten in einem langsameren Markt genügend Auftragstiefe und industrielle Skalierung erreichen.

Anzeige:

 

Am Markt bleibt die Skepsis sichtbar. Plug Power bewegte sich am Donnerstag je nach Quelle und Zeitpunkt im Bereich von rund 2,60 US-Dollar, bei hoher Intraday-Schwankung. Nel ASA lag in Oslo zuletzt im Bereich von rund 2,3 bis 2,4 Norwegischen Kronen. Solche Momentaufnahmen sollten bei beiden Titeln nicht überbewertet werden. Aussagekräftiger ist der größere Befund: Die Aktien handeln nicht mehr die Vision einer kommenden Wasserstoffwirtschaft, sondern die Fähigkeit, mit begrenztem Kapital konkrete Fortschritte zu liefern.

 

Plug Power hat bessere Zahlen, aber noch keinen Freispruch

 

Bei Plug Power ist die aktuelle Lage widersprüchlicher, als es die Überschrift der jüngsten Zahlen zunächst vermuten lässt. Der Umsatz stieg im ersten Quartal 2026 um 22 % auf 163,5 Mio. US-Dollar. Die Bruttomarge verbesserte sich deutlich von minus 55 % auf minus 13 %. Auch der bereinigte Verlust je Aktie fiel geringer aus als im Vorjahr. Das sind Fortschritte, die man nach den vergangenen Wasserstoffjahren nicht kleinreden sollte.

Der Blick in die Q1-Mitteilung von Plug Power zeigt aber auch, warum die Börse vorsichtig bleibt. Die GAAP-Bruttomarge ist weiterhin negativ, der Weg zu dauerhaft positiven Ergebnissen ist nicht abgeschlossen, und CEO Jose Luis Crespo stellt das Ziel positiver EBITDAS erst für das vierte Quartal 2026 in den Vordergrund. Damit handelt die Aktie eine Verbesserung, aber noch keine Profitabilität.

Der wichtigste Fortschritt steckt nicht allein im Umsatz. Plug berichtet von mehr als 320 MW weltweit eingesetzter Elektrolyseurkapazität, einer Projektpipeline von mehr als 8 Mrd. US-Dollar und besserer Kostenentwicklung im Service- und Wasserstoffgeschäft. Gerade die Material-Handling-Kunden wie Amazon und Walmart bleiben für Plug wichtig, weil sie reale Nutzung statt bloßer Pilotfantasie bedeuten. Doch die Historie des Unternehmens zwingt Anleger dazu, zwischen operativer Traktion und Kapitalbedarf scharf zu unterscheiden.

Genau deshalb ist Liquidität bei Plug Power derzeit fast so wichtig wie Umsatzwachstum. Das Unternehmen beendete das erste Quartal mit mehr als 802 Mio. US-Dollar an Gesamtliquidität, davon 223 Mio. US-Dollar an nicht gebundenen Zahlungsmitteln und rund 579 Mio. US-Dollar an restricted cash. Ein Teil dieser gebundenen Mittel soll über die kommenden Jahre schrittweise frei werden. Das klingt komfortabler als noch in früheren Krisenphasen, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, den laufenden Mittelabfluss weiter zu senken.

 

Der Datenzentrumsdeal ist mehr als eine Nebenmeldung

 

Ein ungewöhnlicher Baustein der aktuellen Plug-Story kommt nicht direkt aus dem Wasserstoffmarkt, sondern aus der Datenzentrumswelt. Plug hat eine Vereinbarung mit Stream Data Centers über den Verkauf des Project-Gateway-Standorts in New York geschlossen. Erwartet werden mindestens 132,5 Mio. US-Dollar Bruttoerlös, unter bestimmten Bedingungen bis zu 142 Mio. US-Dollar. Der Abschluss war ursprünglich bis Ende Juni 2026 vorgesehen.

Diese Infrastruktur-Monetarisierung ist für Plug deshalb so wichtig, weil sie die strategische Erzählung verändert. Aus einem geplanten Wasserstoffstandort wird ein Liquiditätshebel und möglicherweise ein Zugang zu einem ganz anderen Energiemarkt. Rechenzentren brauchen verlässliche Stromversorgung, Backup-Lösungen und Infrastrukturzugang. Plug kann daraus perspektivisch eine neue Anwendung für Brennstoffzellen ableiten. Zunächst aber zählt nüchterner: Das Unternehmen braucht den Mittelzufluss.

Die Börse wird hier weniger auf die Vision als auf die Umsetzung achten. Wird der Deal sauber abgeschlossen? Werden weitere Asset-Monetarisierungen geliefert? Verbessert sich dadurch die Liquidität ohne zu starke strategische Substanzverluste? Genau an diesen Punkten entscheidet sich, ob Plug Power als Turnaround-Kandidat ernsthafter wahrgenommen wird oder nur als hochvolatiler Wasserstoffwert mit gelegentlichen Entlastungsmeldungen.

 

Der Plug-Chart ist derzeit ein Misstrauensbarometer

 

Die Aktie schwankt weiter heftig. Das passt zur Lage: Anleger sehen bessere Margen, Elektrolyseurprojekte und Liquiditätsmaßnahmen, zugleich aber anhaltende Verluste, Verwässerungsrisiken und einen noch nicht bewiesenen Pfad zu nachhaltig positiven Cashflows. Der Kurs handelt daher nicht nur Nachrichten, sondern Glaubwürdigkeit.

 

 

 

Nel ASA hat ein anderes Problem: Der Markt wartet auf Aufträge

 

Nel ASA wirkt im direkten Vergleich weniger wie eine akute Liquiditätsstory und stärker wie eine Auftrags- und Führungsgeschichte. Im ersten Quartal 2026 sanken die Erlöse aus Kundenverträgen um 5 % auf 148 Mio. Norwegische Kronen. Das EBITDA lag bei minus 100 Mio. Kronen und verbesserte sich zwar gegenüber dem Vorjahr, blieb aber deutlich negativ. Der Nettoverlust belief sich auf 144 Mio. Kronen.

Schwerer wiegt der Auftragseingang. Nel meldete im Quartal nur 85 Mio. Kronen neue Orders, ein Rückgang um 73 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Auftragsbestand lag zum Quartalsende bei 1,113 Mrd. Kronen und damit 24 % unter dem Vorjahreswert sowie 16 % unter dem Vorquartal. Die Q1-Zahlen von Nel ASA zeigen damit eine Firma, die technologisch weiter investiert, aber kommerziell noch nicht genug Takt aufbaut.

Anzeige:

Banner Zürcher Börsenbriefe

 

Das ist für einen Elektrolyseur-Spezialisten besonders heikel. Der Markt hat längst verstanden, dass grüne Wasserstoffprojekte komplexer, kapitalintensiver und langsamer sind als in der Boomphase angenommen. Wenn sich Kunden mit Investitionsentscheidungen zurückhalten, geraten reine Ausrüster schneller unter Druck. Nel braucht deshalb nicht nur einzelne Bestellungen, sondern einen sichtbaren Rhythmus aus wiederholbaren Aufträgen, Auslastung und besseren Projektmargen.

 

Der CEO-Wechsel kommt zur empfindlichen Zeit

 

Mitten in diese Phase fällt der angekündigte Rücktritt von Håkon Volldal als CEO. Er bleibt während einer sechsmonatigen Kündigungsfrist im Amt, während der Verwaltungsrat nach einem Nachfolger sucht. Operativ muss das kein Bruch sein, denn Nel betont ausdrücklich, dass strategische Richtung und Prioritäten unverändert bleiben.

Trotzdem ist der Zeitpunkt sensibel. Der CEO-Wechsel bei Nel trifft ein Unternehmen, das seine nächste Phase erklären muss: weniger Wasserstoffversprechen, mehr Produktkosten, höhere Projektqualität und bessere kommerzielle Abschlussquote. Ein Führungswechsel kann frische Dynamik bringen. Er kann aber auch Unsicherheit verstärken, wenn Anleger ohnehin auf mehr Beweise warten.

Volldal verweist selbst auf die neue pressurisierte alkalische Plattform als wichtigen Baustein. Genau dort liegt die operative Hoffnung. Nel will mit einfacherer Architektur, geringeren Systemkosten und besserer industrieller Einsetzbarkeit punkten. Doch auch hier gilt: Eine Plattform ist erst dann ein Börsenargument, wenn Kunden sie in nennenswerte Bestellungen übersetzen.

Interessant ist der Unterschied zu Plug. Nel verfügt Ende März über eine Cash-Position von rund 1,443 Mrd. Kronen. Das verschafft Zeit. Aber Zeit allein ist kein Geschäftsmodell. Wenn der Auftragseingang schwach bleibt, wird aus dem Liquiditätspuffer ein schmelzender Verteidigungswall. Anleger werden daher weniger auf große Wasserstoffdebatten achten als auf neue PEM- und Alkaline-Aufträge, deren Margenqualität und die Auslastung der Produktionskapazitäten.

 

Der Wasserstoffsektor sortiert sich neu

 

Plug Power und Nel ASA zeigen zwei Seiten derselben Branchenkorrektur. Plug ist breiter aufgestellt, hat mehr Umsatz und kann mit bestehenden Kundenplattformen operativen Fortschritt zeigen. Dafür bleibt das Unternehmen kapitalhungrig und muss beweisen, dass Margenverbesserungen nicht nur temporär sind. Nel ist fokussierter, bilanziell nicht ohne Puffer, aber stärker von der Frage abhängig, wann der Elektrolyseurmarkt wieder verlässlich größere Bestellungen auslöst.

Früher wurde diese Unterscheidung an der Börse oft überdeckt, weil fast alle Wasserstoffwerte gemeinsam stiegen oder fielen. Diese Phase ist vorbei. Der Markt beginnt stärker zu trennen: integrierte Plattform gegen Spezialist, Liquiditätshebel gegen Auftragsbestand, Kostenreduktion gegen Produktneustart, operative Kundenbasis gegen technologische Hoffnung.

Das ist für den Sektor nicht nur negativ. Eine strengere Börse zwingt die Unternehmen zu klareren Prioritäten. Projekte müssen finanzierbar sein, Kunden müssen zahlen, Systeme müssen funktionieren, und Cashburn muss sinken. Für Anleger bedeutet das aber auch: Der nächste Aufschwung dürfte selektiver ausfallen als der alte Hype.

 

Wer zuerst Vertrauen zurückgewinnt, hat den Hebel

 

Plug Power hat aktuell den sichtbareren operativen Hebel, weil Umsatzwachstum, Margenverbesserung und Asset-Monetarisierung konkrete Ansatzpunkte liefern. Gleichzeitig bleibt die Aktie anfällig, solange das Ziel positiver EBITDAS erst noch erreicht werden muss und die Liquiditätsmaßnahmen nicht vollständig abgeschlossen sind.

Nel ASA hat den ruhigeren, aber nicht unbedingt leichteren Weg. Das Unternehmen muss nach schwachem Auftragseingang, negativem EBITDA und CEO-Wechsel zeigen, dass die neue Produktplattform mehr als ein technischer Hoffnungsträger ist. Der Cashbestand gibt Luft, aber der Markt will neue Orders sehen.

Damit bleibt der Wasserstoffsektor ein Feld für geduldige und risikobewusste Anleger. Der Unterschied zu früher ist nur: Geduld wird nicht mehr mit Fantasie bezahlt, sondern erst mit messbaren Fortschritten. Plug und Nel können beide davon profitieren. Aber nur, wenn aus Kostensenkung, Technologie und Pipeline endlich wieder belastbare industrielle Nachfrage wird.

 

Anzeige:

Banner TradingView

 

Plug Power-Aktie: Kaufen oder verkaufen?

 

Die neuesten Plug Power-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Plug Power-Aktionäre. Lohnt sich aktuell ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen?

Konkrete Empfehlungen zu Plug Power - hier weiterlesen...

 

02.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

Auf Twitter teilen     Auf Facebook teilen


Informiert bleiben - Wenn Sie bei weiteren Nachrichten und Analysen zu einem in diesem Artikel genannten Wert oder Unternehmen informiert werden möchten, können Sie unsere kostenfreie Aktien-Watchlist nutzen.








Ihre Bewertung, Kommentar oder Frage an den Redakteur


Bitte geben Sie die Anzahl der unten gezeigten Eurozeichen in das Feld ein.
>

 



 

 

Haftungsausschluss - Die EMH News AG übernimmt keine Haftung für die Richtigkeit der Empfehlungen sowie für Produktbeschreibungen, Preisangaben, Druckfehler und technische Änderungen. (Ausführlicher Disclaimer)