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Siemens Energy muss den Rekordlauf jetzt verteidigen

Rekordaufträge, ein 162-Milliarden-Euro-Backlog und die Rückkehr von Siemens Gamesa in die Gewinnzone treffen auf eine Aktie, die längst sehr viel Erfolg eingepreist hat

NTG24 - Siemens Energy muss den Rekordlauf jetzt verteidigen

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Siemens Energy hat eines der schwierigsten Kapitel seiner jüngeren Geschichte beinahe ins Gegenteil verkehrt. Aus der Krise bei Siemens Gamesa wurde ein operativer Turnaround, aus Lieferkettenproblemen ein Kapazitätsausbau und aus der Energiewende inzwischen zusätzlich eine KI-Infrastrukturstory. Die jüngsten Quartalszahlen waren entsprechend stark. An der Börse reicht Stärke allein inzwischen aber nicht mehr: Nach dem enormen Kursanstieg zählt zunehmend, wie lange dieses Wachstumstempo durchgehalten werden kann.

Siemens Energy (DE000ENER6Y0) meldete für das dritte Geschäftsquartal einen Auftragseingang von 17,9 Mrd. Euro und damit einen neuen Rekord. Der Umsatz stieg auf 11,45 Mrd. Euro. Besonders auffällig war die Profitabilität: Das Ergebnis vor Sondereffekten erreichte 1,62 Mrd. Euro, die entsprechende Marge 14,2 %. Ein Jahr zuvor hatte sie noch bei 5,1 % gelegen.

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Auch der Kurs zeigt, wie stark sich die Wahrnehmung verändert hat. Am Montag bewegte sich die Aktie je nach Handelsplatz am späten Vormittag wieder im Bereich um 153 Euro. Damit liegt sie deutlich unter dem im Frühjahr erreichten Rekordniveau, aber weiterhin weit über den Kursen, die noch vor wenigen Jahren die Gamesa-Krise widerspiegelten. Die Börse handelt Siemens Energy heute nicht mehr als Sanierungsfall, sondern als einen der großen Gewinner des weltweiten Investitionsbooms in Stromerzeugung und Netze. 

 

Der Auftragseingang ist größer als die aktuelle Produktionsleistung

 

Die wichtigste Zahl des Quartals ist deshalb möglicherweise nicht der Gewinn, sondern der Auftragsbestand. Ende Juni standen rund 162 Mrd. Euro in den Büchern. Gleichzeitig lag das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz bei 1,57. Siemens Energy nimmt also weiterhin deutlich schneller neue Geschäfte herein, als bestehende Aufträge abgearbeitet werden.

Diese Dynamik wird von mehreren strukturellen Trends gleichzeitig getragen. Stromnetze müssen für Elektrifizierung und erneuerbare Energien ausgebaut werden, Rechenzentren erhöhen ihren Leistungsbedarf und insbesondere in den USA wächst die Nachfrage nach Gasturbinen. Reuters zufolge kam rund die Hälfte der neuen Gasturbinenaufträge zuletzt aus den USA und dem Nahen Osten, wobei neben klassischen Energieprojekten auch der stark steigende Strombedarf von KI-Rechenzentren eine Rolle spielt. Die Nachfrage verschiebt sich damit zunehmend von einer reinen Energiewende- zu einer Infrastrukturstory.

Für Siemens Energy ist das komfortabel, erhöht aber zugleich die Anforderungen. Ein Auftragsbestand dieser Größenordnung ist nur dann wertvoll, wenn Kapazitäten rechtzeitig erweitert, Projekte sauber abgewickelt und bestehende Margen gehalten werden. Genau hier liegt inzwischen die operative Kernaufgabe.

 

Gamesa liefert endlich den Satz, auf den Anleger jahrelang gewartet haben

 

Fast noch symbolträchtiger war das Quartal bei Siemens Gamesa. Die Windkrafttochter erzielte erstmals seit dem vierten Geschäftsquartal 2022 wieder ein positives Quartalsergebnis. Das Ergebnis vor Sondereffekten lag bei 75 Mio. Euro, die Marge bei 2,7 %. Im Vorjahresquartal hatte noch ein erheblicher Verlust gestanden.

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Damit ist die Sanierung nicht abgeschlossen. Der Free Cashflow vor Steuern von Gamesa blieb mit minus 518 Mio. Euro negativ, und gerade im Offshore-Geschäft können Projektverzögerungen, Qualitätsprobleme oder Kostensteigerungen weiterhin teuer werden. Doch die Richtung hat sich verändert. Aus dem größten Belastungsfaktor des Konzerns könnte schrittweise ein Geschäft werden, das zumindest nicht mehr regelmäßig die Gewinne der anderen Sparten aufzehrt.

Die Q3-Veröffentlichung von Siemens Energy markiert deshalb einen wichtigen Wendepunkt: Das Unternehmen wächst nicht mehr nur trotz Gamesa. Der Windbereich beginnt erstmals wieder selbst zur Verbesserung des Konzernprofils beizutragen.

 

 

Die Prognose ist stark – und könnte trotzdem konservativ wirken

 

Für das Gesamtjahr hält Siemens Energy an einem vergleichbaren Umsatzwachstum von 14 bis 16 % und einer Ergebnis-Marge vor Sondereffekten von 10 bis 12 % fest. Nach den starken ersten neun Monaten erwartet das Management die Marge inzwischen eher am oberen Ende dieser Spanne. Der Gewinn nach Steuern soll rund 4 Mrd. Euro erreichen, der Free Cashflow vor Steuern rund 8 Mrd. Euro.

Vor allem letzterer Wert zeigt, wie weit der Konzern seit der Krise gekommen ist. Nach neun Monaten waren bereits etwa 7,2 Mrd. Euro Free Cashflow vor Steuern erreicht. Ein Teil davon hängt allerdings mit hohen Kundenanzahlungen zusammen. Der Cashflow ist daher nicht einfach eins zu eins als dauerhaft wiederholbare Ertragskraft zu lesen.

Gleichzeitig ist die Nachfrage außergewöhnlich stark. Grid Technologies peilt im Gesamtjahr ein vergleichbares Umsatzwachstum von 25 bis 27 % und eine Marge zwischen 18 und 20 % an. Gas Services soll um 16 bis 18 % wachsen. Gerade diese beiden Bereiche tragen aktuell einen großen Teil der Neubewertung.

 

Jetzt kommt zusätzlich eine Portfoliodebatte

 

Mitten in diese operative Stärke fällt eine neue strategische Frage. Nach Informationen von Reuters soll sich der Aufsichtsrat am 25. August außerordentlich mit einer möglichen Abspaltung von Transformation of Industry beschäftigen. Eine Entscheidung wird bei diesem Treffen dem Bericht zufolge noch nicht erwartet.

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Der mögliche Schritt ist bemerkenswert, weil der Bereich keineswegs schwach ist. Transformation of Industry erzielte im dritten Quartal rund 1,5 Mrd. Euro Umsatz und eine Marge von etwa 14 %. CEO Christian Bruch hatte bereits bestätigt, dass über die Zukunft der Sparte diskutiert wird. Eine Abspaltung wäre damit keine klassische Sanierungsmaßnahme, sondern eher eine Frage der strategischen Fokussierung und Kapitalallokation. Die Portfoliodebatte könnte schon in dieser Woche neuen Einfluss auf die Bewertung bekommen.

Damit verschiebt sich die Geschichte erneut. Siemens Energy hat seine Bilanz- und Gamesa-Probleme weitgehend aus dem Zentrum der Anlegerdebatte gedrängt. Jetzt geht es um die Frage, wie ein inzwischen sehr profitabler Energietechnikkonzern sein Portfolio für die nächste Wachstumsphase aufstellt.

 

Die Aktie handelt längst nicht mehr den Turnaround

 

Gerade deshalb ist der Kursrückgang vom Rekordhoch keine einfache Schwächegeschichte. Im April erreichte die Aktie auf Xetra zeitweise Kurse oberhalb von 190 Euro. Seitdem hat sich der Bewertungsüberschwang deutlich abgekühlt. Der operative Trend ist dagegen bislang nicht eingebrochen. Siemens Energy meldet Rekorde bei Auftragseingang und Umsatz, Gamesa verbessert sich und der Cashflow ist stark.

Das macht die aktuelle Konstellation anspruchsvoll. Wer Siemens Energy heute kauft, setzt nicht mehr auf die Rettung eines angeschlagenen Konzerns. Er bezahlt für die Erwartung, dass Netzausbau, Gasturbinen, Rechenzentren und Elektrifizierung über Jahre hohe Wachstumsraten ermöglichen und Siemens Energy den riesigen Auftragsbestand mit attraktiven Margen abarbeiten kann.

Das Unternehmen hat dafür momentan ungewöhnlich viele Argumente. Die nächste Phase wird trotzdem schwieriger als der reine Turnaround: Aus überraschend guten Zahlen müssen dauerhaft gute Zahlen werden. Genau darin liegt nach der spektakulären Erholung inzwischen der neue Maßstab für Siemens Energy.

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24.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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