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Industriepolitik wird zum neuen Börsenfaktor

Daimler Truck profitiert von Washington, Siemens vom Infrastrukturboom – Plug Power und Nel kämpfen darum, Wasserstoffpolitik endlich in belastbare Aufträge zu verwandeln

NTG24 - Industriepolitik wird zum neuen Börsenfaktor

 

Geopolitik erreicht Unternehmen heute nicht mehr nur über Sanktionen, Rohstoffpreise oder unterbrochene Lieferketten. Sie steckt inzwischen direkt in Zollregeln, Förderprogrammen, Energiepolitik und der Frage, wo neue industrielle Kapazitäten entstehen sollen. Daimler Truck, Siemens, Plug Power und Nel stehen dabei auf sehr unterschiedlichen Positionen derselben Landkarte. Zwei Konzerne können politische Verschiebungen bereits in Ergebnis und Cashflow übersetzen. Zwei andere warten noch darauf, dass aus Wasserstoffstrategie ein ausreichend großer kommerzieller Markt entsteht.

Daimler Truck (DE000DTR0CK8) liefert dafür derzeit das vielleicht deutlichste Beispiel. Der Konzern erhöhte nach dem zweiten Quartal seine Jahresprognose – und einer der wesentlichen Gründe kommt direkt aus Washington. Das US-Handelsministerium erkannte höhere amerikanische Wertschöpfungsanteile des Konzerns an. Dadurch fällt die erwartete Zollbelastung für Trucks North America geringer aus.

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Die politische Entscheidung verändert handfest die Rechnung. Daimler Truck erwartet für 2026 nun ein bereinigtes Konzern-EBIT zwischen 3,6 und 4,1 Mrd. Euro statt bislang 3,2 bis 3,7 Mrd. Euro. Die bereinigte Umsatzrendite des Industriegeschäfts soll 7 bis 9 % erreichen. Für Trucks North America wurde die erwartete bereinigte Marge sogar auf 9 bis 11 % angehoben.

Der Halbjahresbericht von Daimler Truck zeigt damit ungewöhnlich direkt, wie stark Handelsregeln inzwischen operative Prognosen beeinflussen können. Im zweiten Quartal wirkten Zölle noch belastend. Für den weiteren Jahresverlauf rechnet das Management dagegen mit deutlich geringeren Effekten.

 

Daimler Truck muss plötzlich Handelsabkommen analysieren wie Frachtraten

 

Das ist geopolitisch wichtiger als die reine Ergebnisanhebung. Nordamerika gehört zu den profitabelsten Märkten des Konzerns. Damit hängt ein relevanter Teil des Ergebnisprofils nicht nur von Lkw-Nachfrage und Frachtraten ab, sondern auch davon, wie die USA heimische Wertschöpfung definieren und wie das USMCA zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada weiterentwickelt wird.

Daimler Truck weist selbst ausdrücklich darauf hin, dass die Prognose vom Fortbestand des gegenwärtigen USMCA-Rahmens ausgeht. Genau darin liegt die neue industrielle Realität: Produktion in Nordamerika schützt nur dann zuverlässig vor Handelsbarrieren, wenn Zulieferketten und lokale Wertschöpfungsquoten zur jeweils geltenden politischen Definition von „amerikanisch“ passen.

Operativ ist die Situation nicht makellos. Der Auftragseingang blieb im zweiten Quartal hinter den Markterwartungen zurück, obwohl er gegenüber dem schwachen Vorjahreszeitraum zulegte. Reuters berichtete zugleich von einer Erholung des nordamerikanischen Frachtmarktes. Für Daimler Truck entsteht damit eine interessante Kombination: konjunkturell bessert sich das Umfeld, während politisch ein Teil des Zollrisikos zunächst sinkt.

Das macht Nordamerika wieder zum möglichen Ergebnismotor. Gleichzeitig wäre es gefährlich, aus der aktuellen Entlastung dauerhafte Sicherheit abzuleiten. Handelsregeln sind unter der gegenwärtigen US-Industriepolitik selbst zu einem beweglichen Wettbewerbsfaktor geworden.

 

Siemens sitzt dort, wo geopolitische Investitionen tatsächlich stattfinden

 

Bei Siemens (DE0007236101) sieht die politische Ausgangslage anders aus. Der Konzern verkauft keine Ware, deren wirtschaftlicher Erfolg an einer einzigen Zollentscheidung hängt. Siemens liefert vielmehr einen Teil der Infrastruktur, die Staaten und Unternehmen gerade aus strategischen Gründen massiv ausbauen: Stromverteilung, Gebäudeautomation, industrielle Digitalisierung, Fabriktechnik und Rechenzentrumsinfrastruktur.

Das dritte Geschäftsquartal machte diese Position sichtbar. Der Auftragseingang erreichte 27,9 Mrd. Euro und stieg auf vergleichbarer Basis um 14 %. Der Umsatz legte auf 20,8 Mrd. Euro zu, das Ergebnis des industriellen Geschäfts sprang um 25 % auf den Rekordwert von 3,5 Mrd. Euro. Der Free Cashflow auf Konzernebene erreichte 4,1 Mrd. Euro.

Besonders auffällig ist Smart Infrastructure. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres meldete Siemens im Rechenzentrumsgeschäft ein dreistelliges Auftragswachstum. Der Q3-Bericht des Konzerns zeigt damit, dass der KI-Investitionszyklus längst über Halbleiter hinausgeht.

Rechenzentren brauchen Netzanbindung, Schalttechnik, Gebäudemanagement, Kühlung und enorme Mengen verlässlich verfügbarer elektrischer Leistung. Genau an dieser Schnittstelle wird Siemens zu einem indirekten Gewinner der technologischen Rivalität zwischen den USA, China und Europa. Wer digitale Souveränität, KI-Kapazitäten und neue industrielle Produktionsstätten aufbauen will, benötigt physische Infrastruktur.

 

Der KI-Boom verschiebt industrielle Macht

 

Reuters beschrieb zuletzt, wie stark die amerikanische Rechenzentrumswelle inzwischen in klassische industrielle Lieferketten hineinwirkt. Siemens investiert selbst weiter in zusätzliche US-Kapazitäten. Das ist mehr als die Begleiterscheinung eines Technologiebooms. Rechenzentren werden zunehmend als strategische Infrastruktur behandelt – ähnlich wie Energieversorgung, Häfen oder Telekommunikationsnetze.

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Für Siemens ist diese Entwicklung besonders wertvoll, weil sie einen Teil der Schwäche traditioneller Industriezyklen kompensieren kann. Die Fabrikautomation bleibt beispielsweise stärker von Investitionsbereitschaft in China und vom globalen Maschinenbau abhängig. Smart Infrastructure wird dagegen von Elektrifizierung, Netzmodernisierung und Datenzentren getragen.

Die geopolitische Qualität des Siemens-Modells liegt somit in seiner Breite. Protektionismus kann einzelne Lieferketten verteuern, gleichzeitig aber neue Fabriken, Stromnetze und lokale Produktionskapazitäten erzwingen. Was für einen exportorientierten Hersteller zunächst Risiko ist, kann für einen Anbieter industrieller Infrastruktur zum zusätzlichen Auftrag werden.

 

 

 

Plug Power erlebt die andere Seite der amerikanischen Energiepolitik

 

Während Daimler Truck durch eine Entscheidung Washingtons Rückenwind erhält, muss Plug Power (US72919P2020) lernen, weniger abhängig von politisch gestütztem Kapital zu werden. Das Unternehmen hatte Anfang 2025 noch eine Kreditgarantie des US-Energieministeriums von bis zu 1,66 Mrd. US-Dollar für den Aufbau mehrerer Wasserstoffproduktionsanlagen abgeschlossen. Ende 2025 setzte Plug die Aktivitäten im Zusammenhang mit diesem Programm jedoch aus.

Der politische Kontext hat sich deutlich verändert. Das US-Energieministerium überprüfte unter der neuen Administration umfangreiche Finanzierungszusagen aus der vorherigen Regierungsperiode und richtete seine Prioritäten stärker auf Energiesicherheit und klassische amerikanische Energieproduktion aus. Plug erklärte in seinen SEC-Unterlagen, weiterhin Gespräche über eine mögliche neue Ausgestaltung des Programms zu führen. Deren Ausgang bleibt aber unsicher.

Genau deshalb sind die jüngsten Q2-Zahlen für die Aktie wichtiger als jede Förderankündigung. Plug erzielte rund 178 Mio. US-Dollar Umsatz und brachte die Bruttomarge nahezu an die Nulllinie. Im Vorjahresquartal hatte sie noch bei etwa minus 31 % gelegen. Die operativen Kosten gingen deutlich zurück, und der Netto-Cashverbrauch sank gegenüber dem ersten Quartal erheblich auf rund 61 Mio. US-Dollar.

Die Q2-Zahlen von Plug Power enthalten damit erstmals seit längerer Zeit mehrere Verbesserungen gleichzeitig. Das Unternehmen hob seine Umsatzwachstumsprognose für 2026 auf 15 bis 16 % an und hält am Ziel fest, im vierten Quartal ein positives EBITDAS zu erreichen.

Das ist allerdings noch kein positiver Cashflow. Zum Quartalsende standen rund 162 Mio. US-Dollar uneingeschränkte Zahlungsmittel zur Verfügung. Zusätzliche Liquidität soll unter anderem durch Verkäufe und Monetarisierung von Vermögenswerten entstehen. Für Anleger bleibt deshalb die Kapitalfrage zentral.

 

Wasserstoff verschiebt sich von Washington nach Europa und in reale Industrieprojekte

 

Geopolitisch interessant ist, wo Plug derzeit neue Elektrolyseprojekte findet. In Europa laufen Projekte unter anderem mit Galp in Portugal sowie Iberdrola und BP in Spanien. In Großbritannien erreichte ein 30-MW-Projekt von Carlton Power die finale Investitionsentscheidung. Hinzu kam ein 50-MW-Auftrag für Oricas Hunter Valley Hydrogen Hub in Australien.

Das verändert die Wasserstoffstory. Der relevante Unterschied verläuft nicht mehr zwischen Ländern, die Wasserstoff politisch mögen oder ablehnen. Entscheidend ist, wo Stromversorgung, Förderung, Abnehmer und Finanzierung gleichzeitig ausreichen, damit ein Projekt die finale Investitionsentscheidung erreicht.

Für Plug ist diese Verschiebung überlebenswichtig. Das Unternehmen kann nicht mehr darauf setzen, dass ein einzelnes großes amerikanisches Förderprogramm den Ausbau des eigenen Produktionsnetzes finanziert. Es braucht Kundenprojekte, die unabhängig davon wirtschaftlich genug sind, tatsächlich gebaut zu werden.

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Nel bekommt mehr Bestellungen – aber noch keinen funktionierenden Massenmarkt

 

Ähnlich ist die Lage bei Nel ASA (NO0010081235), allerdings mit einer anderen Bilanzstruktur. Der norwegische Elektrolyseurspezialist meldete für das zweite Quartal Auftragseingänge von 230 Mio. norwegischen Kronen. Gegenüber dem sehr schwachen Vorquartal war das ein deutlicher Sprung. Der Auftragsbestand erhöhte sich auf 1,213 Mrd. Kronen.

96 % des neuen Auftragseingangs entfielen auf das PEM-Geschäft. Das ist kommerziell ermutigend, zeigt aber zugleich die ungleichmäßige Nachfrage. Im alkalischen Elektrolysegeschäft kamen im Quartal lediglich Aufträge von 8 Mio. Kronen hinzu.

Die Ergebnisse selbst bleiben schwach. Der Umsatz aus Kundenverträgen sank gegenüber dem Vorjahr auf 153 Mio. Kronen. Das EBITDA lag bei minus 155 Mio. Kronen, wobei eine Belastung von 70 Mio. Kronen aus der Einigung mit Iwatani enthalten war. Ende Juni verfügte Nel über Zahlungsmittel von 1,328 Mrd. Kronen.

Der Q2-Bericht von Nel macht deshalb ein Problem sichtbar, das den gesamten europäischen Wasserstoffsektor beschäftigt: Es fehlt nicht an politischer Strategie oder angekündigten Projekten, sondern häufig an Geschwindigkeit zwischen Planung, Finanzierung und verbindlicher Bestellung.

 

Energiesicherheit gibt Wasserstoff ein neues Argument

 

Nel selbst hat seine politische Argumentation bereits erweitert. Wasserstoff wird nicht mehr ausschließlich als Klimainstrument betrachtet. Das Management verwies zuletzt stärker auf Resilienz, lokale Energieproduktion und geringere Abhängigkeit von zentralisierten beziehungsweise volatilen Energiequellen.

Dieser Gedanke ist angesichts geopolitischer Spannungen nachvollziehbar. Europa hat seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erfahren, welchen Preis eine hohe Abhängigkeit von einzelnen Energiequellen haben kann. Lokal produzierter Wasserstoff könnte für Raffinerien, Chemie, Stahl oder bestimmte strategische Anwendungen deshalb zusätzlich einen Sicherheitswert bekommen.

Nur darf daraus kein alter Wasserstofffehler entstehen. Strategische Relevanz bedeutet nicht automatisch wirtschaftliche Rentabilität. Ein Elektrolyseur braucht günstigen Strom, hohe Auslastung, Infrastruktur und einen Abnehmer, der den höheren Preis für erneuerbaren Wasserstoff dauerhaft tragen kann. Genau deshalb sind Auftragseingang und Projektqualität für Nel inzwischen wichtiger als jede neue nationale Wasserstoffstrategie.

Der Führungswechsel erhöht die Aufmerksamkeit zusätzlich. Håkon Volldal kündigte im Juni seinen Rücktritt als CEO an. Der Verwaltungsrat betonte, Strategie und Prioritäten nicht verändern zu wollen. In einer Branche, deren Markthochlauf ohnehin länger dauert als ursprünglich erwartet, wird Kontinuität wichtig.

 

Vier Unternehmen, aber zwei völlig verschiedene Arten politischer Macht

 

Daimler Truck und Siemens zeigen, wie geopolitische Veränderungen bei etablierten Industriekonzernen wirken können. Eine veränderte Zollbehandlung lässt sich bei Daimler Truck unmittelbar in eine höhere Ergebnisprognose übersetzen. Zusätzliche Rechenzentren, Elektrifizierung und regionale Produktionsinvestitionen landen bei Siemens in einem Rekordauftragsbestand und starkem Cashflow.

Plug Power und Nel befinden sich eine Stufe davor. Beide Unternehmen operieren in einem Markt, dessen strategische Bedeutung kaum bestritten wird. Doch politische Bedeutung schafft noch keinen profitablen Absatzmarkt. Erst wenn Fördermechanismen, Energiepreise und industrielle Abnahmeverträge genügend Projekte durch die finale Investitionsentscheidung bringen, wird aus geopolitischem Rückenwind eine belastbare industrielle Nachfrage.

Das erklärt auch den unterschiedlichen Charakter der vier Aktien. Siemens und Daimler Truck können politische Verschiebungen aus einer bestehenden Ertragsbasis heraus nutzen. Plug Power muss parallel Kosten, Liquidität und Projektfinanzierung stabilisieren. Nel verfügt noch über einen vergleichsweise soliden Cashpuffer, benötigt aber deutlich mehr große und wiederholbare Bestellungen.

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Geopolitik ist damit nicht automatisch ein Kurstreiber. Sie verteilt vielmehr industrielle Chancen neu. Besonders attraktiv werden jene Unternehmen, die politische Prioritäten nicht nur in Präsentationen erwähnen, sondern in Aufträge, Margen und freien Cashflow verwandeln können. An diesem Maßstab liegt Siemens derzeit vorne, Daimler Truck bekommt neuen Rückenwind – und die beiden Wasserstoffwerte müssen noch zeigen, wie viel wirtschaftliche Substanz hinter Europas und der Welt neuer Energiesicherheitslogik tatsächlich steckt.

 

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24.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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