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Chancen und Risiken der neuen deutschen Rohstoffstrategie

Zur neuen deutschen Rohstoffstrategie

 

Am 15.01.2020 beschloss das Bundeskabinett die neue Rohstoffstrategie der Bundesregierung. Mit der Fortschreibung der ersten Rohstoffstrategie aus dem Jahr 2010 soll die Rohstoffversorgung der Wirtschaft langfristig sichergestellt, ökologisch nachhaltig gestaltet und damit die industrielle Wertschöpfung gestärkt werden.

 

Ziel der ersten Rohstoffstrategie von 2010

 

Im Jahr 2010 hatte die Bundesregierung mit der ersten Rohstoffstrategie den Handlungsrahmen gesetzt, um Unternehmen bei einem verantwortungsvollen, der Nachhaltigkeit verpflichteten Bezug von mineralischen Rohstoffen zu unterstützen. Die Strategie stand unter dem Leitmotiv, dass in erster Linie die Unternehmen verantwortlich sind, ihre Rohstoffversorgung sicherzustellen. Hauptaufgabe der Bundesregierung war die politische Flankierung. Heute sind Nachfrageveränderungen, Handelsstreitigkeiten, hohe Marktmacht Einzelner, gestiegene Anforderungen, sozial- und umweltgerechte Lieferketten sowie Garantie und Achtung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten beherrschendes Thema.

 

Und wie erfolgreich war diese Strategie?

 

Strategisch besteht die Herausforderung für Deutschland, dass vor allem der Ausbau neuer Technologien die Abhängigkeit von strategischen Rohstoffen erhöht. Denn so werden etwa für den Ausbau der Elektromobilität und für die Produktion von Windrädern und Solaranlagen große Mengen an Rohstoffen wie Kobalt, Lithium und Seltenen Erden benötigt.

Die Sicherung dieser Ressourcen in einem Konkurrenzverhältnis oder in einem Kooperationsverhältnis zu sichern ist die eigentliche Aufgabe der Rohstoffpolitik vieler großer Staaten wie der China, der USA, Indien und Japan. Eine deutsche Rohstoffstrategie braucht deshalb Antworten auf genau diese Ausgangslage. Und zwar nicht nur auf ein kooperatives Umfeld. Ein Blick auf die chinesische Strategie in Afrika und Lateinamerika zeigt, dass dabei eine Schwerpunktsetzung auf Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit und Demokratie nicht ausreicht, denn es hatte bislang auch nicht die gewünschte Wirkung.

Und ob der Verweis auf eine europäische Rohstoffpolitik innerhalb der EU dafür ausreicht, darf ebenfalls bezweifelt werden. Ein guter strategischer Mosaikstein ist allerdings die Förderung inländischer Lagerstätten. Spätestens, wenn die Hemmschwelle weiter sinkt, zum Schutz inländischer Produzenten und Verbraucher den Export kritischer Rohstoffe zu beschränken, wird es für Deutschland eng. Die Entwicklung einheimischer Raffineriekapazitäten bei Palladium durch Russland oder die Exportbeschränkungen Indonesiens bei Nickel zur Förderung der eigenen Verarbeitungskapazitäten sind hierfür nur zwei Beispiele.

Die Abhängigkeit Deutschlands ist jedoch weiterhin viel zu hoch, als dass man dieses Risiko weiter vor sich her schieben könnte. Denn je schneller der technologische Wandel vonstattengeht, umso schneller steigt die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen und umso schwerer wird eine entsprechende Sicherung der Lieferketten. Denn ein Blick auf die geografische Verteilung der Lagerstätten lässt die Konflikte erahnen, denen sich Deutschland gegenüber sieht.

Die hohe Bedeutung nicht nur von kritischen Rohstoffen für das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand Deutschlands ergibt sich schnell bei einem Blick auf die Zahlen. Denn die überdurchschnittlich hohe Bedeutung von Rohstoffen für die Bundesrepublik resultiert aus der starken Stellung der deutschen Industrie. Der Anteil der Industrie am BIP der Bundesrepublik lag 2018 nach Angaben der Weltbank bei 28 %. Damit zähle Deutschland zu den am stärksten von Rohstoffen abhängigen Ländern weltweit.

Dies geschieht in großem Maße über Importe, und es gilt nicht nur für Energie-, sondern auch für metallische sowie für diverse weitere Rohstoffe wie Seltene Erden. Das jährliche Importvolumen belief sich zuletzt auf um die 410 Millionen Tonnen beziehungsweise, gemessen am Preis, auf 181,5 Milliarden Euro – rund 16,6 % der deutschen Gesamteinfuhr. Hierbei ist aber bereits berücksichtigt, dass bei einigen Metallen hohe Recyclingquoten den Einfuhrbedarf verringern. So stammen aktuell 41 % des in Deutschland verbrauchten Kupfers, 44 % des Rohstahls sowie 59 % des Aluminiums aus recyceltem Schrott. Eine weitere deutliche Erhöhung der Rückgewinnung dürfte nicht nur kurzfristig schwierig werden, es würden zudem auch überproportional hohe Kosten anfallen.

 

Stahl

Bildnachweis: © Schmolz + Bickenbach AG

 

Die sich verschärfende globale Staatenkonkurrenz, die mittlerweile in offenen Wirtschaftskriegen eskaliert, lässt aber nicht nur folgenreiche Einschränkungen im Rohstoffhandel als denkbar erscheinen.

Die deutsche Rohstoffstrategie muss darauf konkrete Antworten geben. Denn die Einführung neuer Technologien schafft nicht nur einen beträchtlich veränderten Rohstoffbedarf.

Mit dem Ausbau der Elektromobilität wird die Nachfrage nach einigen mineralischen Rohstoffen stark zunehmen, so etwa nach Lithium, Kobalt, Nickel und Graphit. Mit dem raschen Ausbau erneuerbarer Energien werde zudem der Bedarf an Seltenen Erden deutlich steigen, daneben aber auch die Nachfrage nach besonderen Metallen, etwa nach ­Indium und Gallium. Laut Schätzungen wird sich etwa der globale Bedarf an ­Kobalt von 2016 bis 2026 annähernd verdoppeln. Der Weltverbrauch von Lithium könnte im selben Zeitraum sogar auf das Vier- bis Sechsfache steigen.

Ob es dafür ausreicht, die Primärgewinnung innerhalb der EU anzukurbeln, wird sich weisen. Aber immerhin: Spätestens ab nächstem Jahr soll Lithiumerz in Zinnwald nahe der Grenze zu Tschechien gefördert werden.

 

Fazit

 

Bereits im Jahr 2012 stellte das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag in einer Studie fest, dass Indium, Wolfram, Metalle der Seltenen Erden, Gallium, Palladium, Silber, Zinn, Niob, Chrom und Bismut eine hohe Kritikalität für die Versorgungslage Deutschlands erlangt haben.

Ein Blick zurück wäre für die Optimierung der Strategie wohl mit Sicherheit sehr hilfreich. Denn die Resonanz auf die ersten Maßnahmen war gemischt, was wohl auch daran lag, dass die Regierung die Rohstoffversorgung, anders als China, Indonesien oder die USA, eben nicht priorisierte. Das Programm zur Förderung einer eigenständigen Rohstofferkundung im Ausland wurde etwa kaum genutzt und 2015 eingestellt. Und die deutsche Rohstoffpartnerschaft mit der Mongolei gilt ebenfalls als gescheitert.

Es bleibt das drängende Problem, Lieferketten strategisch wichtiger Rohstoffe resilient zu machen. Sie müssen auch dem politischen Druck in einem konfliktgeladenen erpresserischen Konkurrenzumfeld standhalten. Dieser Stresstest steht für die neue Rohstoffstrategie der deutschen Regierung erst noch aus. Derweil geht der technologische Wandel ungebremst weiter, und mit ihm steigt der Bedarf an kritischen und anderen Rohstoffen.

 

 07.02.2020 - Arndt Kümpel - ak@ntg24.de

 






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Bewertungen, Kommentare und Fragen an den Redakteur

 

  • Michael Hlobil - 09.02.2020 19:40:15 Uhr

    Sehr gelungener Artikel! Zeigt das Versäumnis der Bundesregierung mit aller Deutlichkeit auf