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Lufthansa fliegt gegen ein politisches Kostenproblem

Der Nahostkonflikt trifft den Konzern über Kerosinpreise, Flugausfälle und veränderte Verkehrsströme – während starke Nachfrage und Lufthansa Cargo einen Teil der Belastungen auffangen

NTG24 - Lufthansa fliegt gegen ein politisches Kostenproblem

 

Für Fluggesellschaften ist Geopolitik selten abstrakt. Ein gesperrter Luftraum verändert Routen, ein militärischer Konflikt verschiebt Passagierströme und ein steigender Ölpreis landet mit Verzögerung direkt in der Kostenrechnung. Lufthansa erlebt 2026 genau diese Kombination. Der Konzern hat Nachfrage, gut gefüllte Flugzeuge und starke Frachtmärkte – doch über der Ergebnisrechnung hängt inzwischen eine Variable, die das Management kaum kontrollieren kann: der weitere Verlauf des Nahostkonflikts.

Deutsche Lufthansa (DE0008232125) hat diese politische Unsicherheit Anfang August selbst in Zahlen übersetzt. Statt wie zuvor ein deutlich höheres Adjusted EBIT als im Vorjahr in Aussicht zu stellen, erwartet der Konzern für 2026 nun 1,7 bis 2,2 Mrd. Euro. Entscheidend für die Spanne ist ausdrücklich, wie stark höhere Treibstoffkosten durch höhere Erlöse ausgeglichen werden können.

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Damit hat sich die Lufthansa-Story verändert. Noch zu Jahresbeginn konnte die Börse vor allem über Nachfrage, Flottenmodernisierung, ITA Airways und die Verbesserung des Kerngeschäfts diskutieren. Inzwischen bestimmt ein politischer Konflikt mit, wie profitabel ein zusätzlicher Passagier überhaupt ist. Das ist für eine Airline besonders unangenehm: Nachfrage kann hervorragend sein und das Ergebnis trotzdem unter Druck geraten.

Dass diese Belastung nicht kurzfristig verschwunden ist, zeigt auch die aktuelle Nachrichtenlage. Der Flugverkehr im Nahen Osten bleibt gestört, internationale Airlines halten Verbindungen teilweise weiter aus ihren Flugplänen heraus. Reuters berichtete am Mittwoch, dass auch Lufthansa weiterhin Strecken in der Golfregion ausgesetzt hat. Gleichzeitig führen Konflikt und Umwege zu Veränderungen der globalen Verkehrs- und Frachtströme.

 

Kerosin macht aus Außenpolitik eine Gewinnwarnung

 

Die wichtigste Verbindung zwischen Krieg und Lufthansa-Bilanz läuft derzeit über den Treibstoff. Das Unternehmen spricht von deutlich gestiegenen Kerosinpreisen infolge der Krise im Nahen Osten. Zwar sind rund 86 % des für 2026 benötigten Kerosinvolumens über Derivate auf verschiedene Ölprodukte abgesichert. Vollständig isolieren kann sich Lufthansa damit aber nicht.

Der Halbjahresbericht der Lufthansa Group macht das ungewöhnlich deutlich. Als wesentlichen Einflussfaktor für die Jahresprognose nennt der Konzern ausdrücklich den weiteren Verlauf des Nahostkonflikts und dessen Auswirkungen auf die Kerosinpreise.

Das ist eine andere Risikostruktur als ein klassischer Nachfragerückgang. Lufthansa kann Preise anheben, Kapazitäten verschieben oder Prozesse effizienter gestalten. Einen geopolitisch ausgelösten Energieschock kann der Konzern dagegen nur abfedern. Genau deshalb ist die neue Prognosespanne relativ breit.

 

Die Passagiere sind nicht das Problem

 

Paradoxerweise trifft die geopolitische Belastung Lufthansa nicht in einer schwachen Nachfragephase. Im ersten Halbjahr transportierten die Netzwerk- und Punkt-zu-Punkt-Airlines zusammen mehr als 60 Mio. Passagiere. Die Kapazität sank gegenüber dem Vorjahr um 2 %, gleichzeitig stieg der Sitzladefaktor um 1,9 Prozentpunkte auf 82,4 %.

Vor allem Verbindungen nach Asien und Afrika profitierten von veränderten Verkehrsströmen. Wenn Reisende bestimmte Golf-Drehkreuze meiden oder Verbindungen ausfallen, können europäische Hubs einen Teil dieses Verkehrs übernehmen. Lufthansa wird damit gleichzeitig Opfer und Profiteur derselben geopolitischen Verschiebung.

Auch die Durchschnittserlöse helfen. Das Unternehmen verweist auf Ticketpreiserhöhungen und eine weiter hohe Nachfrage auf wichtigen Langstrecken. Das gibt Lufthansa die Möglichkeit, einen Teil der höheren Treibstoffrechnung an Kunden weiterzugeben. Wie weit diese Preissetzungsmacht reicht, dürfte für das zweite Halbjahr wichtiger werden als reines Passagierwachstum.

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Im zweiten Quartal wurde die Belastungsgrenze sichtbar

 

Die Halbjahreszahlen zeigen, wie schnell dieser Mechanismus die Ergebnisrechnung verändert. Der Konzernumsatz stieg in den ersten sechs Monaten um 8 % auf 19,887 Mrd. Euro. Das Adjusted EBIT lag trotzdem bei minus 229 Mio. Euro und damit 378 Mio. Euro unter dem Vorjahreswert.

Allein im zweiten Quartal erreichte Lufthansa ein positives Adjusted EBIT von 383 Mio. Euro. Das war jedoch erheblich weniger, als ohne den starken Kostendruck zu erwarten gewesen wäre. Neben den Treibstoffpreisen belasteten auch Streiks das Ergebnis.

In der Mitteilung zu den Halbjahreszahlen beschreibt Finanzvorstand Till Streichert die Lage entsprechend: robuste Nachfrage und steigende Durchschnittserlöse stehen außergewöhnlich hohen Treibstoffkosten und erhöhter geopolitischer Unsicherheit gegenüber.

 

Die Börse hat den neuen Risikopreis schnell gefunden

 

Der Kurs reagierte auf die Anfang August veröffentlichte Prognose deutlich negativ. Das ist nachvollziehbar. Lufthansa war im ersten Halbjahr an der Börse zunächst einer der stärkeren europäischen Airline-Werte gewesen und hatte zum 30. Juni bei 10,01 Euro rund 19 % über dem Schlusskurs von Ende 2025 gelegen. Mit der neuen Ergebnisunsicherheit wurde ein Teil dieser Neubewertung wieder zurückgenommen.

Die Bewegung zeigt vor allem, wie empfindlich Airline-Bewertungen auf externe Kostenfaktoren reagieren. Ein höherer Ölpreis wirkt unmittelbar auf die Marge, während höhere Ticketpreise erst durchgesetzt werden müssen und bei zu großer Belastung irgendwann die Nachfrage beeinträchtigen können. Der Markt bewertet deshalb nicht nur das aktuelle Ergebnis, sondern die politische Dauer des Kostenproblems.

 

 

 

Ausgerechnet Cargo profitiert von der Unordnung

 

Geopolitik ist für Lufthansa nicht ausschließlich Belastung. Lufthansa Cargo profitierte im ersten Halbjahr von veränderten Frachtwegen und Logistikströmen und erzielte ein Ergebnis über dem Vorjahresniveau. Wenn traditionelle Lieferketten unterbrochen werden, Transportwege länger werden oder Kapazitäten auf bestimmten Relationen knapper sind, steigt der Wert verfügbarer Luftfrachtkapazität.

Damit besitzt Lufthansa einen Puffer, den reine Passagierairlines in dieser Form nicht haben. Auch Lufthansa Technik entwickelte sich im ersten Halbjahr positiv. Beide Bereiche können Verluste im Passagiergeschäft nicht beliebig kompensieren, sie machen den Konzern aber widerstandsfähiger gegen regionale Störungen.

Das ist geopolitisch relevant. Ein Netzwerkcarrier mit Fracht-, Wartungs- und mehreren Airline-Geschäften kann Verkehrsströme verschieben und unterschiedliche Nachfrageeffekte nutzen. Trotzdem bleibt das Kerngeschäft stark vom Preis des Fliegens abhängig.

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Werbebanner EMH PM TradeEin aktuelles Beispiel für die Fragilität globaler Luftverkehrsnetze kommt sogar außerhalb des unmittelbaren Konfliktgebiets. Wegen eines vorübergehenden Mangels an geeignetem Flugtreibstoff in Namibia musste Discover Airlines Flüge aus Windhoek über Angola führen, um dort aufzutanken. Der Vorgang hängt nicht direkt mit dem Iran-Konflikt zusammen, zeigt aber, wie schnell Treibstoffversorgung selbst auf einzelnen Strecken zu operativen Eingriffen zwingt.

 

Golfregion bleibt ein Sicherheits- und Netzwerkproblem

 

Der Luftverkehr im Nahen Osten normalisiert sich nur ungleichmäßig. Während einige Fluggesellschaften Kapazitäten wieder hochfahren, bleiben internationale Anbieter auf Teilen ihres Netzes vorsichtig. Ein aktueller Reuters-Bericht zum Luftverkehr in Dubai verweist darauf, dass Lufthansa weiterhin Verbindungen in der Region ausgesetzt hat.

Für einen Netzwerkcarrier geht es dabei nicht allein um den Umsatz einer gestrichenen Strecke. Langstreckenflüge speisen Anschlussverbindungen, beeinflussen Flugzeugrotationen und wirken auf Crews sowie die gesamte Hubplanung. Eine geopolitische Störung an wenigen Punkten kann deshalb weit mehr Teile des Netzes erfassen, als die Zahl der direkt gestrichenen Flüge vermuten lässt.

Gleichzeitig verschiebt sich der Wettbewerb. Wenn Golf-Airlines Kapazitäten schneller zurückbringen als europäische Wettbewerber, können Marktanteile wandern. Bleibt die Region dagegen langfristig gestört, gewinnen europäische Hubs auf manchen Verbindungen zwischen Asien, Afrika und Nordamerika relativ an Bedeutung. Für Lufthansa ist die politische Entwicklung deshalb gleichzeitig Kosten-, Sicherheits- und Wettbewerbsfrage.

 

Die Bilanz gibt Lufthansa Zeit für die Anpassung

 

Eine akute Finanzierungsfrage ergibt sich aus der Belastung bislang nicht. Ende Juni verfügte der Konzern über Liquidität von 10,7 Mrd. Euro. Die Netto-Kreditverschuldung einschließlich Netto-Pensionsverpflichtungen lag bei 8,3 Mrd. Euro und damit etwa auf dem Niveau vom Jahresende.

Der erwartete Adjusted Free Cashflow für 2026 liegt nach aktueller Prognose bei rund 0,9 Mrd. Euro. Gleichzeitig wurden die geplanten Nettoinvestitionen ohne Beteiligungskäufe auf rund 2,5 Mrd. Euro reduziert, vor allem weil weniger neue Flugzeuge ausgeliefert werden als ursprünglich vorgesehen.

Auch daraus entsteht ein geopolitisches Paradox. Lufthansa braucht neue, effizientere Flugzeuge, um den Treibstoffverbrauch strukturell zu senken. Verzögerte Auslieferungen verlängern jedoch den Einsatz älterer Muster. Der Konzern reagiert inzwischen mit beschleunigten Maßnahmen zur Flotten- und Kostenoptimierung.

 

Lufthansa muss keinen Frieden prognostizieren – aber mit Unsicherheit verdienen können

 

Die entscheidende Qualität der Lufthansa-Aktie liegt 2026 deshalb nicht in einer besonders optimistischen Verkehrsprognose. Nachfrage ist vorhanden. Die strategische Herausforderung besteht darin, ein globales Netzwerk auch dann profitabel zu betreiben, wenn Ölpreise, Lufträume und Verkehrsströme von politischen Entscheidungen verändert werden.

Die Prognosespanne von 1,7 bis 2,2 Mrd. Euro Adjusted EBIT beschreibt diesen Zustand treffend. Am oberen Ende könnte Lufthansa trotz Krise sogar deutlich über dem Vorjahresergebnis liegen. Am unteren Ende würden die externen Belastungen einen erheblichen Teil der operativen Fortschritte auffressen.

Für die Aktie ist damit weniger entscheidend, wann der nächste geopolitische Konflikt endet. Wichtiger ist, wie viel Ergebnis Lufthansa trotz solcher Konflikte halten kann. Starke Langstreckennachfrage, höhere Ticketpreise, Cargo und eine solide Liquiditätsposition liefern Argumente. Der Kerosinpreis und die fortbestehenden Netzstörungen erinnern allerdings daran, dass bei einer internationalen Airline die Außenpolitik jederzeit mit im Cockpit sitzt.

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26.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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