Salesforce zwingt die KI-Skeptiker zum Nachrechnen
Stärkere Vertragsdynamik, wachsende Agentforce-Umsätze und eine höhere Prognose treiben die Aktie nachbörslich deutlich nach oben – doch nicht jede Gewinnzahl ist so stark, wie sie zunächst wirkt
Salesforce hatte an der Börse zuletzt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Während nahezu jeder große Softwarekonzern künstliche Intelligenz zum Wachstumsmotor erklärte, blieb die Frage offen, wie schnell sich Agentforce tatsächlich in messbares Geschäft verwandeln würde. Das zweite Quartal liefert darauf eine deutlich bessere Antwort als die vergangenen Monate. Plötzlich muss der Markt nicht mehr nur über KI-Fantasie diskutieren, sondern über eine beschleunigte Vertragsdynamik.
Salesforce (US79466L3024) meldete für das Ende Juli abgeschlossene zweite Geschäftsquartal einen Umsatz von rund 11,3 Mrd. US-Dollar. Das waren 11 % mehr als im Vorjahr. Noch wichtiger war die Entwicklung der kurzfristig ausstehenden Leistungsverpflichtungen: Die cRPO stiegen auf 33,5 Mrd. US-Dollar und damit währungsbereinigt um 14 %. Gerade diese Kennzahl liefert einen wichtigen Hinweis darauf, wie sich das vertraglich bereits gesicherte Geschäft entwickelt.
Die Börse reagierte entsprechend deutlich. Nach Veröffentlichung der Zahlen legte Salesforce im nachbörslichen US-Handel zeitweise um rund 14 % zu. Das ist noch kein regulärer Schlusskurs des folgenden Handelstags, zeigt aber, wie stark sich die Wahrnehmung verändert hat. Neben dem operativen Fortschritt trugen auch die höhere Jahresprognose und die vertiefte KI-Partnerschaft mit Anthropic zur positiven Reaktion bei.
Damit verschiebt sich die Diskussion. Salesforce musste bislang erklären, warum die Milliardeninvestitionen in KI noch nicht schneller zu neuem Wachstum führten. Nach diesem Quartal geht es stärker darum, wie belastbar die nun sichtbare Beschleunigung ist und welcher Anteil davon tatsächlich organisch entsteht.
Agentforce wird wirtschaftlich relevanter
Agentforce und Data 360 erreichten zusammen eine annualisierte wiederkehrende Umsatzbasis von fast 3,9 Mrd. US-Dollar. Das entspricht laut Salesforce einem Wachstum von mehr als 210 % gegenüber dem Vorjahr. Agentforce allein überschritt 1,5 Mrd. US-Dollar ARR und legte um mehr als 240 % zu.
Auch die Nutzung wächst. Salesforce meldete inzwischen insgesamt sieben Milliarden sogenannte Agentic Work Units, davon 3,2 Milliarden allein im zweiten Quartal. Das ist für die Einordnung wichtiger als eine weitere Produktankündigung. Die KI-Angebote werden offenbar zunehmend tatsächlich in Unternehmensprozesse eingebunden.
Ganz sauber vergleichbar ist die Agentforce-Kennzahl allerdings nicht mit früheren Quartalen. Salesforce hat die Definition erweitert und zählt inzwischen unter anderem Slackbot und weitere KI-Angebote hinzu. Das starke Wachstum bleibt damit relevant, sollte aber nicht ohne diese methodische Veränderung gelesen werden.
Die aktuellen Quartalszahlen von Salesforce zeigen trotzdem einen klaren Fortschritt: KI entwickelt sich innerhalb des CRM-, Daten- und Slack-Ökosystems zunehmend zu einem messbaren Geschäftsfaktor.
Zusätzliche Fantasie bringt die vertiefte Zusammenarbeit mit Anthropic. Unter dem Namen Claudeforce soll Claude direkt mit Daten, Workflows, Geschäftslogik und Governance-Strukturen von Salesforce verbunden werden. Zum Start enthält Salesforce in Claude 37 vorbereitete Funktionen für den Vertrieb. Damit positioniert sich Salesforce weniger als Anbieter eines einzigen dominierenden KI-Modells, sondern stärker als Daten- und Prozessplattform, auf der verschiedene Modelle arbeiten können.
Der Gewinnsprung braucht eine Fußnote
Die auffälligste Ergebniszahl des Quartals ist zugleich die am wenigsten geeignete für einen einfachen Vergleich. Der bereinigte Gewinn erreichte 5,90 US-Dollar je Aktie und lag damit mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. Darin steckte jedoch ein erheblicher Gewinn aus der Beteiligung an Anthropic.
Der operative Fortschritt fällt dennoch deutlich aus. Die Non-GAAP-Betriebsmarge erreichte 34,1 %. Der operative Cashflow stieg kräftig, ebenso der Free Cashflow. Salesforce verbessert damit nicht nur seine Wachstumserzählung, sondern hält gleichzeitig die Profitabilität auf hohem Niveau.
Ein weiterer Punkt darf ebenfalls nicht untergehen: Informatica steuerte einen erheblichen Teil zum Quartalsumsatz bei. Das zweistellige Wachstum des Konzerns ist deshalb nicht ausschließlich organisch. Für Anleger wird entscheidend, ob sich auch das Kerngeschäft ohne Zukäufe dauerhaft wieder stärker beschleunigen kann.
Die Prognose gibt der Erleichterungsrallye Substanz
Salesforce hob die Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr auf 46,1 bis 46,4 Mrd. US-Dollar an. Zuvor hatte die Spanne bei 45,9 bis 46,2 Mrd. US-Dollar gelegen. Für das dritte Quartal erwartet der Konzern 11,42 bis 11,50 Mrd. US-Dollar Umsatz und erneut rund 14 % Wachstum der cRPO.
Auch hier ist die Zusammensetzung wichtig. Ein Teil der höheren Jahresprognose stammt aus stärkerem organischem Wachstum, ein weiterer aus den geplanten Übernahmen von Contentful und Fin. Gegenläufig wirken Währungseffekte. Damit liefert Salesforce mehr als eine kosmetische Prognoseanhebung.
Gerade die bessere organische Entwicklung und die stabile cRPO-Erwartung für das nächste Quartal geben dem Kursanstieg ein stärkeres Fundament. Die Anleger reagieren nicht nur auf eine einzelne Gewinnzahl, sondern auf eine Kombination aus Auftragsdynamik, KI-Monetarisierung und höherer Planungssicherheit.
Claudeforce verändert die strategische Wette
Die erweiterte Partnerschaft mit Anthropic zeigt, wie Salesforce die nächste Softwaregeneration versteht. Claude soll nicht neben Salesforce laufen, sondern auf Unternehmensdaten, Berechtigungen, Workflows und Geschäftslogik zugreifen können.
Das ist strategisch entscheidend. Wenn KI-Assistenten künftig häufiger zur eigentlichen Bedienoberfläche von Unternehmenssoftware werden, könnte der Wert weniger in der klassischen Benutzeroberfläche liegen und stärker in den Daten und Prozessen darunter. Genau dort besitzt Salesforce eine große installierte Basis.
Nach Jahren, in denen die KI-Erzählung deutlich schneller wuchs als der Umsatz, liefert Salesforce nun überzeugendere Argumente dafür, dass beides zusammenfinden kann. Noch ist die Beschleunigung teilweise durch Akquisitionen geprägt und der spektakuläre Gewinn je Aktie durch Beteiligungseffekte verzerrt. Doch cRPO, Agentforce-Nutzung und die angehobene Prognose zeigen in dieselbe Richtung. Für eine Aktie, deren KI-Versprechen zuletzt zunehmend infrage gestellt wurde, ist das ein wichtiger Stimmungswechsel.
Salesforce.com Inc.-Aktie: Kaufen oder verkaufen?
Die neuesten Salesforce.com Inc.-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Salesforce.com Inc.-Aktionäre. Lohnt sich aktuell ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen?
Konkrete Empfehlungen zu Salesforce.com Inc. - hier weiterlesen...
27.08.2026 - Jörg Möller

Auf Twitter teilen Auf Facebook teilen
Informiert bleiben - Wenn Sie bei weiteren Nachrichten und Analysen zu einem in diesem Artikel genannten Wert oder Unternehmen informiert werden möchten, können Sie unsere kostenfreie Aktien-Watchlist nutzen.
Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren
Ihre Bewertung, Kommentar oder Frage an den Redakteur
Haftungsausschluss - Die EMH News AG übernimmt keine Haftung für die Richtigkeit der Empfehlungen sowie für Produktbeschreibungen, Preisangaben, Druckfehler und technische Änderungen. (Ausführlicher Disclaimer)







28.07.2026
06.07.2026
19.06.2026
16.06.2026