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Siemens liefert Substanz, Siemens Energy handelt Beschleunigung

Automatisierung, Stromnetze, Rechenzentren und Schienenverkehr treiben beide Konzerne – während Siemens operativ breiter aufgestellt ist, muss Siemens Energy eine sehr viel höhere Erwartung rechtfertigen

NTG24 - Siemens liefert Substanz, Siemens Energy handelt Beschleunigung

 

Der gemeinsame Name verdeckt inzwischen mehr, als er erklärt. Siemens und Siemens Energy profitieren beide von einem Investitionszyklus, in dem Elektrifizierung, künstliche Intelligenz, alternde Stromnetze und eine stärkere industrielle Unabhängigkeit zusammenlaufen. An der Börse werden daraus jedoch zwei deutlich verschiedene Geschichten: Siemens steht für die breite technologische Infrastruktur einer digitalisierten Wirtschaft. Siemens Energy ist zur konzentrierten Wette auf den weltweiten Hunger nach Stromerzeugung, Übertragungskapazität und Netzstabilität geworden.

Siemens (DE0007236101) und Siemens Energy (DE000ENER6Y0) verbindet heute vor allem die industrielle Herkunft. Operativ sind die Konzerne längst getrennte Unternehmen mit unterschiedlichen Risikoprofilen. Siemens verkauft Automatisierung, Industriesoftware, Gebäudetechnik, Bahnsysteme und über seine Beteiligung an Siemens Healthineers auch Medizintechnik. Siemens Energy konzentriert sich dagegen auf Gasturbinen, Stromnetze, Transformatoren, industrielle Energietechnik und das noch immer schwierige Windkraftgeschäft von Siemens Gamesa.

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Diese Trennung ist für Anleger entscheidend. Beim früheren Mutterkonzern verteilt sich der Erfolg auf mehrere Geschäftsfelder. Schwächen in der diskreten Automatisierung können durch intelligente Infrastruktur, Software oder Mobilität abgefedert werden. Siemens Energy besitzt den direkteren Hebel auf den Ausbau des Energiesystems. Das bringt gegenwärtig außergewöhnliches Wachstum, einen Rekordauftragsbestand und hohe Mittelzuflüsse – macht die Aktie aber zugleich empfindlicher gegenüber jeder Verlangsamung.

Am 27. Juli zeigte sich dieser Unterschied auch im Kursbild. Siemens beendete den Xetra-Handel im Bereich von rund 273 Euro und blieb damit in der Nähe seiner jüngsten Höchststände. Siemens Energy erholte sich nach vorherigen Gewinnmitnahmen im Bereich um rund 154 Euro, notierte aber deutlicher unter dem im Jahresverlauf erreichten Hoch. Solche Tagesstände sind nur Momentaufnahmen. Aussagekräftiger ist die Wahrnehmung dahinter: Siemens wird derzeit als Qualitätskonzern mit steigender Wachstumsbreite bewertet, Siemens Energy als einer der spektakulärsten europäischen Profiteure des Strombooms.

 

Der Engpass der KI-Wirtschaft liegt nicht nur im Chip

 

Die Börse hat den Ausbau künstlicher Intelligenz lange vor allem über Halbleiter, Cloudanbieter und Rechenzentren gespielt. Inzwischen verschiebt sich der Blick auf die physische Infrastruktur darunter. Hochleistungsrechner benötigen Strom, Netzanschlüsse, Kühlung, Schalttechnik, Transformatoren, Gasturbinen zur Absicherung und leistungsfähige industrielle Automatisierung. Genau an dieser Schnittstelle begegnen sich Siemens und Siemens Energy.

Siemens profitiert eher indirekt und breit. Der Konzern liefert Technik zur Steuerung von Fabriken, elektrifiziert Gebäude und Produktionsstandorte, verbindet reale Anlagen mit digitalen Modellen und integriert Software in industrielle Abläufe. Siemens Energy bedient dagegen die vorgelagerte Energiefrage: Woher kommt die zusätzliche Leistung, wie wird sie übertragen und wie bleibt ein zunehmend komplexes Stromsystem stabil?

Der Unterschied klingt technisch, ist für die Bewertung aber fundamental. Siemens kann am KI-Zyklus verdienen, ohne vom Bau einzelner Rechenzentren vollständig abhängig zu sein. Siemens Energy besitzt den größeren unmittelbaren Hebel auf den steigenden Strombedarf. Entsprechend explosiver war die Neubewertung der Energieaktie – und entsprechend höher ist dort die Gefahr, dass ein außergewöhnlicher Investitionszyklus zu dauerhaft fortgeschrieben wird.

Gerade deshalb sollte der Vergleich nicht auf die Frage verkürzt werden, welche Aktie zuletzt stärker gestiegen ist. Entscheidend ist, welche Art von Wachstum Anleger kaufen. Bei Siemens geht es um die Fähigkeit, Hardware, Automatisierung und Software in einem technologischen System zusammenzuführen. Bei Siemens Energy geht es um die industrielle Knappheit von Turbinen, Netztechnik und Übertragungskapazität.

 

Siemens wächst wieder breiter als die alte Automatisierungsdebatte

 

Das zweite Geschäftsquartal zeigte, warum Siemens inzwischen mehr als eine zyklische Automatisierungsaktie ist. Der Auftragseingang stieg auf vergleichbarer Basis um 18 %. Die Umsatzerlöse legten vergleichbar um 6 % zu. Das industrielle Geschäft erwirtschaftete einen Gewinn von rund 3,0 Mrd. Euro und erreichte eine Marge von 15,4 %.

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Der Q2-Bericht von Siemens zeigt dabei eine wichtige Verschiebung. Digital Industries erholt sich, doch die Konzernstory hängt nicht mehr allein an den Lagerbeständen chinesischer Maschinenbauer oder am kurzfristigen Automatisierungszyklus. Smart Infrastructure wächst mit der Nachfrage nach Elektrifizierung, effizienteren Gebäuden und Netzkomponenten. Mobility verfügt über einen langfristigen Auftragsbestand, der weit über einzelne Konjunkturquartale hinausreicht.

Diese Breite nimmt Siemens einen Teil des früheren Zyklusrisikos. Sie beseitigt es nicht. Digital Industries bleibt sensibel für die Investitionsbereitschaft von Maschinenbauern, Elektronikproduzenten und Automobilzulieferern. Doch der Konzern kann eine schwächere Nachfrage in einzelnen Industriezweigen zunehmend mit Infrastruktur- und Softwaregeschäften ausgleichen.

Das ist ein Qualitätsmerkmal, aber auch ein Bewertungsargument, das bereits im Kurs angekommen ist. Siemens notiert nahe den Höchstständen. Der Markt bezahlt nicht nur die aktuellen Zahlen, sondern die Annahme, dass der Konzern aus seinem Portfolio dauerhaft höhere Wachstumsraten und stabilere Margen herausholen kann.

 

Mobility zeigt die Stärke und das Problem langfristiger Aufträge

 

Ein besonders anschauliches Beispiel ist der jüngste Großauftrag aus dem europäischen Schienenverkehr. Die italienische Bahngesellschaft Italo vereinbarte mit Siemens die Lieferung von 26 Hochgeschwindigkeitszügen für den geplanten Eintritt in den deutschen Markt. Weitere 14 Züge sind als Option vorgesehen. Das Vertragsvolumen wurde mit rund 3 Mrd. Euro beziffert.

Der Italo-Auftrag für Siemens Mobility ist strategisch wertvoll. Er bestätigt die starke Marktstellung im europäischen Hochgeschwindigkeitsverkehr und schafft eine langfristige Umsatzbasis. Zugleich macht er sichtbar, warum Auftragseingang und Ergebnis nicht gleichzeitig steigen müssen. Große Bahnprojekte benötigen Entwicklung, Vorleistungen, Fertigungskapazität und Working Capital, bevor sie sich vollständig in Umsatz und Cashflow niederschlagen.

Im zweiten Quartal lag die Mobility-Marge bei 6,9 % und damit unter dem Vorjahresniveau. Siemens reduzierte die für das Geschäftsjahr erwartete vergleichbare Wachstumsrate des Bereichs auf 5 % bis 7 %, bestätigte aber die erwartete Ergebnismarge von 8 % bis 10 %. Der Auftragsboom ist deshalb real, doch die operative Aufgabe lautet, die Projekte ohne Kostenüberschreitungen und Margenverwässerung abzuarbeiten.

 

Siemens Energy verkauft inzwischen industrielle Knappheit

 

Bei Siemens Energy ist die Dynamik unmittelbarer. Im zweiten Geschäftsquartal erreichte der Auftragseingang mit 17,7 Mrd. Euro einen neuen Höchstwert. Der Auftragsbestand wuchs auf rund 154 Mrd. Euro. Besonders stark waren Gas Services und Grid Technologies – ausgerechnet jene Bereiche, die über Jahre als weniger spektakulär galten als erneuerbare Energien.

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Werbebanner Großbritannien GoldDiese Neubewertung folgt einer einfachen industriellen Realität. Stromnetze können nicht kurzfristig erweitert werden, Transformatoren und Schaltanlagen besitzen lange Lieferzeiten, und der weltweite Bedarf an verlässlicher Kraftwerksleistung steigt schneller als über Jahre angenommen. Der Bau von Rechenzentren verstärkt diesen Druck. Gleichzeitig müssen Staaten ihre Netze modernisieren, zusätzliche erneuerbare Erzeugung integrieren und die Versorgung gegen Schwankungen absichern.

Siemens Energy steht damit an einem Engpass, den sich Kunden nicht einfach wegverhandeln können. Das stärkt die Preissetzung, erhöht Vorauszahlungen und verbessert die Auslastung. Im Quartal stieg das Ergebnis vor Sondereffekten auf 1,164 Mrd. Euro. Der Konzern erhöhte seine Prognose für das Gesamtjahr deutlich.

 

 

 

Acht Milliarden Euro Cashflow verändern die Erzählung

 

Die wichtigste Zahl der angehobenen Prognose ist möglicherweise nicht das Umsatzwachstum. Siemens Energy erwartet für 2026 nun einen Free Cashflow vor Steuern von rund 8 Mrd. Euro. Zuvor hatte die Spanne lediglich bei 4 Mrd. bis 5 Mrd. Euro gelegen. Der prognostizierte Nettogewinn wurde auf rund 4 Mrd. Euro konkretisiert.

Laut der angehobenen Jahresprognose soll der vergleichbare Umsatz nun um 14 % bis 16 % wachsen. Für die Marge vor Sondereffekten werden 10 % bis 12 % erwartet. Das ist weit entfernt von jener Phase, in der Garantien, Windkraftverluste und Sorgen um die Bilanz das Unternehmen bestimmten.

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Ein Teil des starken Cashflows entsteht allerdings durch Kundenvorauszahlungen im Zuge des hohen Auftragseingangs. Das ist positiv, weil es Vertrauen und eine starke Verhandlungsposition signalisiert. Es bedeutet aber auch, dass Cashflow und periodischer Gewinn nicht mechanisch gleichgesetzt werden sollten. Siemens Energy erhält heute Geld für Anlagen, die zum Teil erst über mehrere Jahre produziert und ausgeliefert werden.

Das Management nutzt den finanziellen Spielraum offensiv. Das Aktienrückkaufvolumen für 2026 wurde auf bis zu 3 Mrd. Euro beschleunigt. Nach den staatlich gestützten Garantielösungen der Krisenphase besitzt dieser Schritt hohe symbolische Wirkung: Aus einem Unternehmen, das seine finanzielle Stabilität verteidigen musste, ist ein Konzern geworden, der Kapital an die Aktionäre zurückgibt.

 

Gas und Netze tragen, Wind bleibt der Störfaktor

 

Die operative Qualität ist innerhalb des Konzerns weiterhin ungleich verteilt. Gas Services erzielte im zweiten Quartal 3,478 Mrd. Euro Umsatz und eine Marge vor Sondereffekten von 15,9 %. Grid Technologies kam auf 3,067 Mrd. Euro Umsatz und eine Marge von 17,1 %. Beide Bereiche profitieren von hoher Nachfrage, knappen Produktionskapazitäten und langfristigen Servicegeschäften.

Siemens Gamesa schrieb dagegen erneut rote Zahlen. Die Marge vor Sondereffekten lag im Quartal bei minus 1,7 %. Das war eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, aber noch kein abgeschlossener Turnaround. Qualitätsprobleme bei Onshore-Plattformen, Projektselektion, Hochlaufkosten und die schwierige Wirtschaftlichkeit im Offshoregeschäft bleiben Belastungen.

Der Windbereich ist damit nicht mehr das existenzielle Problem früherer Jahre, aber weiterhin der schwächste Teil des Konzerns. Solange Gas Services und Grid Technologies außergewöhnlich hohe Ergebnisse liefern, kann Siemens Energy den Umbau finanzieren. Schwächt sich dieser Rückenwind ab, würde die Geduld des Marktes mit Gamesa vermutlich schneller sinken.

Hinzu kommt die strategische Diskussion über das Portfolio. Berichte über eine mögliche Abspaltung des Bereichs Transformation of Industry zeigen, dass das Management den Konzernwert auch strukturell prüft. Eine Trennung könnte das Profil schärfen, wäre aber kein Selbstzweck. Industrielle Verbundvorteile, Servicebeziehungen und gemeinsame Kunden müssen gegen eine möglicherweise höhere Bewertung einzelner Geschäfte abgewogen werden.

Auch der angekündigte Wechsel zum neuen Markennamen Omterra verändert operativ zunächst wenig. Er markiert aber das Ende der Übergangsphase nach der Abspaltung von Siemens. Für Anleger wird die Verwechslungsgefahr kleiner: Siemens Energy muss künftig noch klarer aus eigener Kraft erklären, wofür das Unternehmen steht.

 

Die Bewertungen spiegeln unterschiedliche Arten von Sicherheit

 

Siemens bietet die größere geschäftliche Diversifikation. Automatisierung, Gebäudetechnik, Bahninfrastruktur, Software und die Beteiligung an Siemens Healthineers verteilen das Risiko. Das macht den Konzern nicht immun gegen Industriezyklen, schafft aber mehrere Ergebnisquellen. Besonders wertvoll ist die Kombination aus installierter Hardware und wachsender Softwarebasis, weil sie Kunden langfristiger bindet und wiederkehrende Erlöse ermöglicht.

Bei Siemens Energy stammt die Sicherheit weniger aus Diversifikation als aus Sichtbarkeit. Ein Auftragsbestand von rund 154 Mrd. Euro reicht über mehrere Jahre. Kunden können Netzanschlüsse, Transformatoren oder Turbinenprojekte nicht beliebig verschieben, wenn neue Erzeugungskapazitäten und Rechenzentren ans Stromsystem angeschlossen werden sollen. Die hohe Visibilität ist real.

Sie darf jedoch nicht mit einem risikolosen Geschäftsmodell verwechselt werden. Lang laufende Aufträge können durch Materialkosten, Projektverzögerungen und technologische Probleme belastet werden. Zugleich hat die Aktie bereits einen großen Teil des Turnarounds vorweggenommen. Der Konzern muss nicht nur gute Ergebnisse liefern, sondern außergewöhnliche Ergebnisse lange genug aufrechterhalten, um die Bewertung zu tragen.

Bei Siemens ist der Bewertungsdruck weniger dramatisch, aber ebenfalls vorhanden. Die Aktie handelt nahe dem oberen Ende ihrer Jahresspanne. Damit erwartet der Markt, dass die Erholung von Digital Industries an Fahrt gewinnt, Smart Infrastructure seine hohe Profitabilität verteidigt und Mobility große Aufträge kontrolliert abarbeitet. Ein breit aufgestellter Konzern kann Enttäuschungen ausgleichen – er kann sie aber nicht dauerhaft verstecken.

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Zwei Gewinner, aber keine austauschbaren Aktien

 

Siemens und Siemens Energy sind beide Gewinner desselben Investitionszeitalters. Die Wirtschaft wird elektrischer, digitaler und kapitalintensiver. Fabriken benötigen Automatisierung, Gebäude eine intelligente Energieverwaltung, Bahnnetze neue Fahrzeuge und Stromsysteme mehr Erzeugungs- sowie Übertragungskapazität. Beide Konzerne besitzen Technologien, die in diesem Umbau schwer zu ersetzen sind.

Für Siemens spricht die größere Balance. Der Konzern kann vom KI- und Elektrifizierungszyklus profitieren, ohne auf einen einzelnen Engpass reduziert zu sein. Seine operative Aufgabe liegt darin, die Portfoliobreite in dauerhaft höheres profitables Wachstum zu verwandeln und die Softwarestrategie nicht nur technologisch, sondern auch finanziell sichtbar zu machen.

Siemens Energy bietet den stärkeren Hebel. Gas Services und Grid Technologies arbeiten in Märkten, in denen Nachfrage, Kapazitätsknappheit und Vorauszahlungen gleichzeitig für Rückenwind sorgen. Der hohe Auftragsbestand und die angehobene Cashflow-Prognose geben dieser Story Substanz. Doch je stärker die Aktie den Ausnahmezustand im Energiesystem bewertet, desto wichtiger werden Lieferfähigkeit, Margendisziplin und der weitere Fortschritt bei Siemens Gamesa.

Damit liegt die Trennlinie nicht zwischen einem guten und einem schlechten Unternehmen. Siemens ist die breitere Technologiewette mit höherer operativer Ausgleichskraft. Siemens Energy ist die konzentriertere Infrastrukturwette mit größerer Dynamik und höherer Fallhöhe. Anleger kaufen in beiden Fällen deutsche Ingenieurkompetenz – aber sie kaufen zwei sehr verschiedene Formen von Zukunft.

 

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27.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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