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Zwei Siemens-Aktien treffen auf eine nervösere Börse

Siemens Energy verliert nach einer Analystenabstufung deutlich, während Siemens nahe dem Rekordniveau mit Investitionen, Automatisierung und hohem Auftragseingang überzeugen muss

NTG24 - Zwei Siemens-Aktien treffen auf eine nervösere Börse

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Jahrelang war die Rollenverteilung eindeutig. Siemens galt als der berechenbare Industriekonzern, Siemens Energy als problematische Abspaltung mit einer kaum kontrollierbaren Windkraftbaustelle. Inzwischen hat sich das Bild verschoben. Beide Aktien sind zu Schwergewichten ihrer jeweiligen Börsenerzählung geworden – die eine als Profiteur des weltweiten Stromhungers, die andere als Plattform für Automatisierung, Infrastruktur, Software und Mobilität. Die jüngsten Handelstage erinnern jedoch daran, dass selbst überzeugende Geschäftsmodelle nicht vor Bewertungsrisiken schützen.

Siemens Energy (DE000ENER6Y0) erlebte am Dienstag einen abrupten Stimmungswechsel. Eine Verkaufsempfehlung von Barclays traf auf einen ohnehin nervösen Markt für hoch bewertete KI-, Rechenzentrums- und Infrastrukturprofiteure. Die Aktie verlor zeitweise annähernd 9 %. Bis Donnerstag folgte zwar eine teilweise Erholung, am Freitag blieb der Titel im Bereich um rund 154 Euro jedoch unter Druck. Solche Momentaufnahmen unterscheiden sich je nach Handelsplatz und Zeitpunkt. Entscheidend ist der Bruch mit der zuvor nahezu ungebremsten Aufwärtswahrnehmung.

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Auch Siemens (DE0007236101) kam zuletzt nicht mehr geradlinig voran. Die Aktie bewegte sich am Freitag im Bereich um rund 272 Euro und damit weiterhin nahe ihrer Jahreshöchststände, hatte aber mehrere schwächere Handelstage hinter sich. Anders als bei Siemens Energy stand kein einzelner Analystenkommentar im Mittelpunkt. Hier verarbeitet die Börse vielmehr die Frage, wie viel Automatisierungsaufschwung, KI-Fantasie und Infrastrukturwachstum nach dem starken Kurslauf bereits eingepreist sind.

 

Siemens Energy wurde nicht wegen schlechter Aufträge verkauft

 

Der scharfe Rückgang bei Siemens Energy entstand nicht aus einer neuen Gewinnwarnung oder einem operativen Einbruch. Barclays stufte die Aktie auf „Underweight“ ab, hob das Kursziel jedoch gleichzeitig von 110 auf 130 Euro an. Gerade diese ungewöhnliche Kombination zeigt, worum es dem Markt ging: weniger um eine schlechtere Geschäftslage als um das Verhältnis zwischen Qualität, Zukunftserwartung und Aktienkurs.

Die Abstufung traf einen ganzen Themenkomplex. Neben Siemens Energy gerieten auch andere Anbieter von Gasturbinen, Stromtechnik und Ausrüstung für Rechenzentren unter Druck. Der Strombedarf von KI-Rechenzentren gehört inzwischen zu den wichtigsten Argumenten für die Neubewertung der Branche. Sobald Zweifel aufkommen, ob das Investitionstempo seinen Höhepunkt erreichen könnte, reagieren hoch bewertete Ausrüster entsprechend empfindlich. Ein Reuters-Bericht zum europäischen Handel ordnete den Rückgang in eine breitere Rotation aus stark gelaufenen Technologie- und Infrastrukturwerten ein.

Operativ spricht bislang wenig für einen plötzlichen Nachfragebruch. Siemens Energy meldete für das zweite Geschäftsquartal einen Auftragseingang von 17,7 Mrd. Euro. Der Umsatz stieg auf vergleichbarer Basis um 9 % auf rund 10,3 Mrd. Euro. Das Management erhöhte daraufhin die Jahresprognose deutlich. Für das Geschäftsjahr 2026 werden nun 14 % bis 16 % vergleichbares Umsatzwachstum und eine Ergebnismarge vor Sondereffekten zwischen 10 % und 12 % erwartet.

Der Nettogewinn soll rund 4 Mrd. Euro erreichen, der Free Cashflow vor Steuern sogar rund 8 Mrd. Euro. Die angehobenen Ziele und die Entwicklung der einzelnen Geschäftsbereiche sind in der aktuellen Ergebnisveröffentlichung von Siemens Energy dokumentiert.

Damit hat die Kursreaktion einen paradoxen Kern. Siemens Energy wurde schwächer, obwohl Auftragseingang, Prognose und Cashflow-Erwartung stärker sind als noch zu Jahresbeginn. Der Markt stellt nicht das laufende Jahr infrage. Er prüft, ob das heutige Bewertungsniveau bereits mehrere Jahre außergewöhnlich hoher Nachfrage vorwegnimmt.

Genau darin unterscheidet sich die heutige Situation grundlegend von der Krise der Abspaltung. Damals zweifelten Anleger an der industriellen Kontrolle über Siemens Gamesa, an der Bilanz und an der Fähigkeit, Verluste zu begrenzen. Heute diskutiert die Börse darüber, wie lange Gasturbinen, Stromnetze, Transformatoren und Rechenzentren außergewöhnliche Wachstumsraten tragen können. Aus einer Sanierungsaktie ist eine Erwartungsaktie geworden.

 

Der Stromhunger ist real, aber nicht automatisch unbegrenzt

 

Siemens Energy befindet sich an mehreren Engpässen gleichzeitig. Energieversorger bestellen Gasturbinen, weil Strombedarf und Versorgungssicherheit wieder stärker gewichtet werden. Netzbetreiber investieren in Konverter, Transformatoren und Übertragungstechnik, weil erneuerbare Erzeugung und neue Großverbraucher leistungsfähigere Stromnetze benötigen. Hinzu kommen Rechenzentren, deren Anschlussleistung Dimensionen erreicht, die vor wenigen Jahren kaum erwartet wurden.

Neue Großaufträge unterstreichen diese Position. Im Juni erhielt ein Konsortium mit Siemens Energy den Auftrag für eine 2-GW-Offshore-Konverterplattform des deutschen Netzbetreibers 50Hertz. Ende Juni folgte ein Projekt, mit dem die Energieproduktion im Oman deutlich ausgebaut werden soll. Die jüngsten Projektmeldungen des Konzerns zeigen, dass die Nachfrage nicht allein von amerikanischen KI-Rechenzentren abhängt, sondern geografisch und technologisch breiter ist.

Dennoch ist die Debatte über den möglichen Zyklushöhepunkt nicht belanglos. Produktionskapazitäten für Turbinen und Netztechnik lassen sich nicht beliebig schnell erweitern. Gleichzeitig können außergewöhnlich lange Lieferzeiten Kunden dazu bringen, Projekte zu verschieben, Alternativen zu prüfen oder Bestellungen frühzeitig zu platzieren. Ein hoher Auftragseingang kann daher sowohl reale Endnachfrage als auch Vorsorge gegen knappe Kapazitäten enthalten.

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Für die nächsten Quartale zählt deshalb nicht nur die absolute Größe des Auftragsbuchs. Wichtig wird, ob Siemens Energy Preise, Vorauszahlungen und Lieferbedingungen weiter so gestalten kann, dass aus dem Boom dauerhaft zweistellige Margen und hoher Cashflow entstehen. Die operative Verbesserung ist real. Die Börse verlangt nach dem Kursanstieg aber zunehmend den Nachweis, dass sie strukturell und nicht nur zyklisch ist.

 

 

 

Siemens verkauft eine weniger spektakuläre, aber breitere Geschichte

 

Der frühere Mutterkonzern steht vor einer anderen Aufgabe. Siemens profitiert ebenfalls von Elektrifizierung, Rechenzentren und wachsender Netzinfrastruktur. Darüber hinaus hängen die Ergebnisse aber an Fabrikautomatisierung, Industriesoftware, Gebäudetechnik und dem Bahngeschäft. Diese Breite begrenzt die Abhängigkeit von einem einzelnen Investitionszyklus, macht den Konzern jedoch sensibler für die schwache Industriekonjunktur in Europa und China.

Im zweiten Geschäftsquartal stiegen die Bestellungen auf vergleichbarer Basis um 18 % auf 24,1 Mrd. Euro. Der Umsatz erreichte 19,8 Mrd. Euro und legte vergleichbar um 6 % zu. Mit einem Book-to-Bill-Verhältnis von 1,22 gingen deutlich mehr Aufträge ein, als im Quartal als Umsatz abgearbeitet wurden. Der Free Cashflow auf Konzernebene verbesserte sich auf 1,7 Mrd. Euro. Der Nettogewinn lag bei 2,2 Mrd. Euro.

Weniger eindeutig war das Bild beim industriellen Ergebnis. Der Gewinn des Industriegeschäfts sank auf 3,0 Mrd. Euro, nachdem der Vorjahreswert allerdings von einem Veräußerungsgewinn profitiert hatte. Die industrielle Ergebnismarge ging von 16,9 % auf 15,4 % zurück. Das ist kein operativer Bruch, verhindert aber eine zu einfache Erzählung, nach der höhere Aufträge automatisch sofort höhere Margen bedeuten.

Siemens bestätigte den Ausblick für das Geschäftsjahr. Der Konzern erwartet weiterhin ein vergleichbares Umsatzwachstum von 6 % bis 8 %, ein Book-to-Bill-Verhältnis von mehr als 1 sowie ein Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation zwischen 10,70 und 11,10 Euro. Die Zahlen und die Prognose sind in der Ergebnisveröffentlichung zum zweiten Quartal zusammengefasst.

Zusätzliche Unterstützung kommt von der Kapitalrückführung. Siemens kündigte ein neues Aktienrückkaufprogramm von bis zu 6 Mrd. Euro über maximal fünf Jahre an. Das schafft keinen zusätzlichen Auftrag und verbessert keine Fabrikmarge. Es signalisiert aber, dass der Konzern neben Akquisitionen und Investitionen ausreichend finanziellen Spielraum für Aktionäre sieht.

 

In Frankfurt entsteht die materielle Seite der KI-Welle

 

Eine aktuelle Investitionsentscheidung macht greifbar, wie Siemens die Verbindung zwischen KI und Industrie interpretiert. Anfang Juli kündigte der Konzern Investitionen von 300 Mio. Euro in Deutschland an. Die Produktion von Stromverteilungssystemen in Frankfurt soll ausgebaut werden, ergänzt durch einen neuen Standort für Vorfertigung in Offenbach. Bis Ende 2030 könnten dadurch bis zu 700 neue Arbeitsplätze entstehen.

Die Technik ist wenig spektakulär, aber zentral. Rechenzentren, elektrifizierte Fabriken und Ladeinfrastruktur benötigen nicht nur Chips und Software, sondern Schaltanlagen, Stromverteilung, Schutztechnik und zuverlässige Energieversorgung. Siemens investiert damit in jene materielle Ebene, ohne die digitale Anwendungen nicht skalieren können. Die Investitionsankündigung für Frankfurt und Offenbach richtet sich ausdrücklich auf Rechenzentren, Elektromobilität und industrielle Automatisierung.

Damit wird die Trennlinie zwischen Siemens und Siemens Energy unschärfer, ohne dass beide Konzerne wieder zusammengehören müssten. Siemens Energy liefert große Erzeugungs- und Netztechnik. Siemens konzentriert sich stärker auf die Verteilung, Steuerung und digitale Optimierung innerhalb von Gebäuden, Fabriken und Verkehrssystemen. Beide profitieren vom gleichen Grundproblem: Die Welt benötigt deutlich mehr leistungsfähige elektrische Infrastruktur.

Der Unterschied liegt in der Börsenmechanik. Siemens Energy bündelt diesen Trend konzentrierter und erlebt dadurch stärkere Ausschläge. Siemens verteilt die Chancen auf mehrere Geschäfte. Das reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Märkten, begrenzt aber auch die Geschwindigkeit, mit der ein einzelner Boom das gesamte Ergebnis verändern kann.

 

Automatisierung bleibt bei Siemens der schwierigere Teil

 

Die überzeugende Auftragslage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Teile der klassischen Industrie weiterhin vorsichtig investieren. Nach dem Lagerabbau bei Automatisierungskomponenten muss Digital Industries zeigen, dass Softwarewachstum und industrielle KI den zyklischen Druck im Hardwaregeschäft ausgleichen können. Das erste Halbjahr lieferte mit einem deutlichen Wachstum der digitalen Geschäfte ein starkes Signal. Noch wichtiger wäre jedoch eine breitere Erholung der Nachfrage nach Steuerungen, Antrieben und Automatisierungstechnik.

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Werbebanner EMH PM Trade Die angekündigte organisatorische Neuordnung passt in diesen Zusammenhang. Siemens arbeitet an einer stärker integrierten „One Tech Company“, in der Infrastruktur, Automatisierung, Software und künstliche Intelligenz weniger stark in traditionellen Spartenlogiken voneinander getrennt werden sollen. Berichten zufolge könnten Digital Industries und Smart Infrastructure in kleinere, direkter geführte Einheiten aufgeteilt werden. Offizielle Details sind bislang begrenzt, weshalb die tatsächlichen finanziellen Folgen noch nicht belastbar einzuschätzen sind.

Strategisch ist die Richtung nachvollziehbar. Kunden kaufen eine neue Fabrik nicht als getrennte Sammlung aus Software, Steuerung, Energieverteilung und Datenanalyse. Sie erwarten ein integriertes System. Für Siemens besteht die Chance darin, mehr Bestandteile dieses Systems gleichzeitig zu liefern. Die Gefahr liegt darin, dass eine große Reorganisation zunächst Managementkapazität bindet und klare Ergebnisverantwortung verwischen kann.

 

Aus der alten Konzernfamilie sind zwei verschiedene Bewertungswetten geworden

 

Die aktuelle Börsenwoche stellt Siemens Energy und Siemens nicht grundsätzlich infrage. Sie verändert aber den Maßstab. Bei Siemens Energy reicht ein starker Auftragseingang nicht mehr automatisch für steigende Kurse, weil die Bewertung bereits sehr viel Wachstum enthält. Nach dem jüngsten Rückschlag muss der Konzern zeigen, dass Netztechnik und Gasturbinen nicht nur volle Bücher, sondern über Jahre hinweg hohe Margen und starken Cashflow liefern.

Siemens besitzt die breitere Absicherung. Rekordnahe Kurse, ein hoher Auftragseingang und der neue Aktienrückkauf zeigen, wie viel Vertrauen der Markt in den Industriekonzern aufgebaut hat. Dafür muss das Management den Aufschwung in Smart Infrastructure und Mobility mit einer nachhaltigen Erholung der Automatisierung verbinden. Auch hier ist Berechenbarkeit inzwischen kein ausreichendes Argument mehr, wenn sie bereits teuer bezahlt wird.

Die frühere Mutter und ihre Energieabspaltung stehen damit für zwei Seiten desselben Investitionszyklus. Siemens Energy handelt den Mangel an Erzeugungs- und Netzkapazität konzentriert und volatil. Siemens handelt die Elektrifizierung von Fabriken, Gebäuden und Verkehr breiter und ruhiger. Nach den starken Kursläufen ist jedoch bei beiden Titeln die Zeit vorbei, in der allein die richtige Megatrend-Zuordnung genügte. Die nächsten Kursimpulse müssen wieder stärker aus Umsetzung, Margen und Cashflow kommen.

 

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10.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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