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Türkei – Zinserhöhung der Zentralbank verpufft

Absturz der Lira bringt Türkei neue Probleme

 

Man war im letzten Monat doch überrascht, als die türkische Notenbank die Leitzinsen deutlich anhob. Inzwischen aber scheint es, dass die Bemühungen der Notenbank mittlerweile ins Leere laufen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hat die türkische Lira seit Jahresbeginn gegen den US-Dollar rund ein Drittel an Wert verloren, in den letzten 10 Jahren mehr als 80 %.

Ein Blick auf die Wertentwicklung gegen Gold zeigt zudem, dass es für türkische Inlandssparer nochmals deutlich attraktiver war, Gold gegenüber US-Dollar zu bevorzugen, auch wenn Gold keine Zinsen zahlt!

 

 

Ein näherer Blick auf die Verschuldung der Türkei zeigt nun, dass die Staatsschulden insgesamt beherrschbar erscheinen. Deutlich anders sieht es aber bei den Unternehmen und Finanzinstituten des Landes aus. Viele haben in den vergangenen Jahren Kredite im Ausland aufgenommen, weil sie dort häufig niedrigere Zinsen zahlen müssen. Auf sie kommen allein in den kommenden zwei Monaten Rückzahlungen im Volumen von fast zehn Milliarden Dollar zu.

Dadurch würde eine weitere Abwertung der Lira die Bilanzen der Firmen weiter belasten und negative Auswirkungen auf die Investitionsaussichten haben. Das komme ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo vermehrte Investitionen nötig seien, um die Produktivität zu steigern, die Arbeitslosigkeit abzubauen, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und die Exporte in Schwung zu bekommen. Im Außenhandel allerdings kommt die schwächere Währung den Firmen zugute, weil sie ihre Produkte billiger im Ausland verkaufen können.

 

Inflation dürfte deutlich steigen

 

Die Schwäche der Währung macht sich in der Kaufkraft der türkischen Lira bemerkbar. Die Inflation ist ein wunder Punkt für die Türkei, die auf eine Geschichte sehr stark steigender Lebenshaltungskosten zurückblickt. Die Zeit der Hyperinflation wurde erst vor 17 Jahren überwunden. Im September ging die Teuerungsrate leicht zurück, liegt mit 11,75 % aber weit über der Zielmarke der Notenbank von 5 %.

Es ist deshalb zu erwarten, dass die Abwertung der Lira weiter der Haupttreiber der Inflation ist. Hinzu kommt, dass die Inflation zuletzt auch durch Steuersenkungen gedrosselt worden ist und der Preisdruck in der Kernrate weiterhin hoch sei.

Der Notenbank gelingt es kaum, die Teuerungsraten in den Griff zu bekommen. Der Zinssatz liegt auch nach der überraschenden Zinserhöhung mit 10,25 % unter der Teuerungsrate. Damit bietet er wenig Anreize für ausländisches Kapital und schwächt die Währung des Landes, das ohnehin unter einem Leistungsbilanzdefizit ächzt.

 

Wie weiter?

 

Ein wichtiger Grund, warum Investoren das Vertrauen in die Lira verlieren, ist die Frage nach der Unabhängigkeit der Notenbank. Der türkische Präsident Erdogan gilt als ein Verfechter niedriger Zinsen. Viele Investoren fürchten seinen Einfluss auf die Notenbank.

Umso überraschender kam die Zinserhöhung um 200 Basispunkte im September. Bei Experten stieß der Schritt auf Zustimmung, konnte jedoch den Kursrutsch der Lira kaum bremsen. Auch die höheren Obergrenzen für Devisentransaktionen mit ausländischen Kreditinstituten spiegeln den steigenden Realismus der Notenbank. Allerdings dürften weitere Zinsschritte nötig sein, denn der Zinssatz muss 100 oder 200 Basispunkte über der Inflationsrate liegen, damit sich die Lira stabilisieren kann.

Die Notenbank hatte sich bereits mit Eingriffen am Devisenmarkt gegen den Verfall der Landeswährung gestemmt. Als Ergebnis schwinden jedoch die Devisenreserven. Allein in diesem Jahr dürfte sie rund 80 Milliarden Dollar dafür ausgegeben haben. Jüngsten Daten zufolge sind weniger als 20 Milliarden Dollar an Reserven übrig.

 

Fazit

 

Die Türkei befindet sich auf dünnem Eis. Die außenwirtschaftlichen Risiken nehmen weiter zu, die zunehmende Verstrickung in außenpolitische Konflikte verringert das Vertrauen in die Währung zusätzlich. Dabei ist eine neue Corona-Pandemie wohl ebenfalls noch nicht eingepreist. Ein weiterer starker Rückgang der Devisenreserven der türkischen Notenbank in Verbindung mit weiter steigenden Zinsen dürfte die Binnenkonjunktur noch weiter schrumpfen lassen. Derzeit ist kaum erkennbar, wie die Türkei aus dieser Situation herauskommen will. Bis dahin empfehlen wir deshalb, die türkische Lira zu meiden.

 

12.10.2020 - Arndt Kümpel - ak@ntg24.de

 






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