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US-Börsen im Wochenrückblick: Der Freitag reißt die KI-Rally aus dem Takt

Erst treiben KI-Werte die Indizes auf neue Hochs, dann treffen Arbeitsmarkt, Anleiherenditen und ein Chip-Ausverkauf die Nasdaq mit voller Wucht

NTG24 - US-Börsen im Wochenrückblick: Der Freitag reißt die KI-Rally aus dem Takt

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Zwei sehr unterschiedliche Märkte passten in diese Handelswoche: Bis Dienstag dominierte an der Wall Street noch der Glaube, dass die KI-Rally nahezu jede Belastung überrollen kann. Am Freitag wirkte derselbe Markt plötzlich überdehnt, nervös und zinssensibel. Aus einer Rekordwoche wurde ein Warnsignal, weil starke Konjunkturdaten nicht als Stärke, sondern als Risiko für die Geldpolitik gelesen wurden.

Broadcom (US11135F1012) wurde dabei zum Auslöser einer Kettenreaktion, die weit über einen einzelnen Quartalsbericht hinausging. Der Konzern meldete für das zweite Geschäftsquartal einen Rekordumsatz von 22,2 Mrd. US-Dollar, ein Plus von 48 % gegenüber dem Vorjahr. Besonders auffällig blieb das KI-Geschäft: Der KI-bezogene Halbleiterumsatz stieg um 143 % auf 10,8 Mrd. US-Dollar, für das dritte Quartal stellte das Unternehmen sogar 16,0 Mrd. US-Dollar in Aussicht. Die offiziellen Quartalsangaben von Broadcom lieferten also durchaus starke operative Daten.

Gerade deshalb war die Marktreaktion so aufschlussreich. Wenn ein Unternehmen Rekordumsätze, hohe Cashflows und weiter steigende KI-Erlöse meldet, der Aktienkurs aber dennoch unter Druck gerät, verschiebt sich die Frage. Dann geht es nicht mehr nur darum, ob KI wächst. Es geht darum, ob die Erwartungen inzwischen schneller gestiegen sind als die tatsächlichen Geschäftszahlen. Diese Woche lieferte darauf eine unangenehme Antwort.

 

Der Markt war schon vor dem Freitag angespannter, als die Rekorde vermuten ließen

 

Am Dienstag sah die Oberfläche noch glänzend aus. Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq schlossen auf frischen Rekordständen, während Marvell Technology (BMG5876H1051) und Hewlett Packard Enterprise (US42824C1099) mit KI-Fantasie zu den auffälligsten Gewinnern gehörten. Investopedia berichtete, dass Marvell um rund ein Drittel zulegte und HPE nach starken Zahlen sowie einem angehobenen Ausblick deutlich stieg. Gleichzeitig fiel Alphabet (US02079K3059), nachdem der Konzern eine große Aktienemission zur Finanzierung von KI-Infrastruktur angekündigt hatte. Damit lag der Widerspruch der Woche früh offen: Anleger kauften KI-Wachstum, begannen aber zugleich, die Finanzierung dieses Wachstums kritischer zu betrachten.

Am Mittwoch kam ein anderer Störfaktor hinzu. Die Nahost-Lage rückte wieder stärker in den Vordergrund, Ölpreise zogen an, und die Wall Street nahm nach der Rekordserie Gewinne mit. Reuters meldete für diesen Handelstag Verluste von 1,21 % beim Dow, 0,74 % beim S&P 500 und 0,89 % beim Nasdaq. Der Rückgang war noch keine Panik, aber er zeigte, wie wenig Puffer ein Markt besitzt, der zuvor über mehrere Sitzungen hinweg fast störungsfrei aufwärtsgelaufen war.

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Der Donnerstag brachte dann noch einmal ein Gegensignal. Fortschrittshoffnungen im Iran-Konflikt, fallende Ölpreise und eine Erholung zyklischer Werte halfen dem Dow Jones auf ein neues Rekordhoch. Der S&P 500 legte ebenfalls zu, während der Nasdaq bereits durch den Broadcom-Schock gebremst wurde. Genau diese auseinanderlaufende Marktreaktion war wichtiger als der Rekord selbst: klassische Blue Chips profitierten von Entspannungssignalen, während der KI-Komplex erste Risse zeigte.

 

Ein Arbeitsmarktbericht drehte die Logik der Woche

 

Am Freitag reichte eine einzige Datenveröffentlichung, um die Interpretation der gesamten Woche zu kippen. Das US-Arbeitsministerium meldete für Mai 172.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft, während die Arbeitslosenquote unverändert bei 4,3 % lag. In normalen Phasen wäre ein robuster Arbeitsmarkt ein Argument für Konjunkturzuversicht. In dieser Woche wurde er zum Problem, weil er die Hoffnung auf eine baldige Entlastung durch die US-Notenbank schwächte. Der offizielle Arbeitsmarktbericht des Bureau of Labor Statistics kam damit genau in dem Moment, in dem hoch bewertete Technologiewerte ohnehin anfällig waren.

Die Reaktion an den Anleihemärkten verschärfte den Druck. Reuters verwies auf steigende Renditen und eine deutlich verschobene Zinserwartung, während Anleger nach dem starken Beschäftigungsbericht wieder stärker mit einem restriktiveren Kurs der Federal Reserve rechneten. Für den Aktienmarkt war das die ungünstigste Kombination: robuste Konjunktur, aber weniger Aussicht auf niedrigere Finanzierungskosten.

Kurz gesagt: Wachstum blieb vorhanden. Der Preis für dieses Wachstum stieg.

 

Der S&P 500 verlor am Freitag 2,64 % und beendete damit seine Serie von neun positiven Wochen. Der Dow Jones gab 1,35 % nach, der Nasdaq Composite rutschte um 4,18 % ab. Auf Wochensicht standen laut Associated Press Verluste von 2,6 % beim S&P 500, 0,3 % beim Dow, 4,7 % beim Nasdaq und 2,9 % beim Russell 2000. Besonders der Abstand zwischen Dow und Nasdaq zeigte, dass nicht der gesamte Aktienmarkt gleich getroffen wurde. Der Schlag richtete sich vor allem gegen die zuvor teuersten und beliebtesten Gewinner der KI-Rally.

 

 

 

Der Chipsektor verlor nicht seine Fantasie, sondern seine Sonderbehandlung

 

Am härtesten traf es die Halbleiterwerte. Der PHLX Semiconductor Index verlor am Freitag 10,3 % und verbuchte damit den stärksten Tagesrückgang seit März 2020. Reuters bezifferte den vernichteten Börsenwert bei US-gehandelten Chipwerten auf rund 1,3 Bio. US-Dollar. Nvidia (US67066G1040) gab 6,2 % nach, Micron Technology (US5951121038), AMD (US0079031078), Intel (US4581401001) und Broadcom verloren laut Reuters zwischen 7,9 % und 13,3 %. Das war kein normaler Branchenrücksetzer, sondern eine schnelle Neubewertung eines extrem stark gelaufenen Segments.

Dennoch wäre es zu einfach, daraus das Ende der KI-Rally abzuleiten. Die Investitionen in Rechenzentren, KI-Beschleuniger und Netzwerktechnik laufen weiter. Aber der Markt verlangte in dieser Woche erstmals wieder sichtbarer nach Beweisen, dass aus hohen Investitionen auch dauerhaft hohe Renditen entstehen. Diese Frage trifft nicht nur Chipproduzenten, sondern auch die großen Plattformkonzerne, die ihre KI-Infrastruktur finanzieren müssen.

 

Politik, Öl und Zinsen wirkten nicht nacheinander, sondern gleichzeitig

 

Der geopolitische Hintergrund blieb dabei mehr als nur Begleitmusik. Die Aussicht auf Fortschritte im Iran-Konflikt half dem Dow am Donnerstag, während spätere Zweifel an einer dauerhaften Entspannung die Inflationsdebatte wieder verschärften. Reuters verwies am Freitag erneut auf die Bedeutung des Nahost-Konflikts und der Straße von Hormus für die Energiepreise. Für die Wall Street ergibt sich daraus eine heikle Kette: Politische Risiken können Öl verteuern, höhere Ölpreise können Inflationserwartungen stützen, und hartnäckige Inflation nimmt der Fed den Spielraum für Zinssenkungen.

Genau deshalb war die Woche nicht nur eine Geschichte über Technologieaktien. Sie war ein Stresstest für das gesamte Marktnarrativ. Anleger mussten gleichzeitig entscheiden, ob KI-Bewertungen noch tragfähig sind, ob die Fed wirklich wieder lockerer werden kann und ob die geopolitische Risikoprämie im Ölmarkt dauerhaft zurückgeht. Am Freitag lautete die Antwort: nicht zu jedem Preis.

Für die nächste Woche rücken damit nicht nur die üblichen Indexmarken in den Vordergrund. Entscheidend wird, ob Käufer in den Halbleitersektor zurückkehren oder ob die Kursverluste weitere Positionsbereinigungen erzwingen. Ebenso wichtig bleibt die Reaktion der Anleihemärkte: Stabilisieren sich die Renditen, kann die Korrektur schnell als überfällige Abkühlung gelesen werden. Steigen sie weiter, dürfte der Bewertungsdruck bei Wachstumswerten nicht verschwinden.

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Der interessanteste Punkt liegt aber vielleicht woanders: Die Wall Street hat in dieser Woche gezeigt, dass sie Rekorde noch erreichen kann, aber nicht mehr bereit ist, jede gute Nachricht automatisch positiv zu interpretieren. Ein starker Arbeitsmarkt wurde zur Belastung, starke Broadcom-Zahlen reichten nicht aus, und geopolitische Entspannung musste erst über Öl und Renditen in Aktienargumente übersetzt werden. Das ist ein anderer Markt als noch vor wenigen Wochen. Nicht zwingend schwächer, aber anspruchsvoller.

 

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06.06.2026 - Clara Meier-Walker

Unterschrift - Clara Meier-Walker

 

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