Anderon: Die 2 Mrd.-Dollar Wette auf den Quanten-Sektor
IBM gründet mit US-Handelsministerium die erste reine Quanten-Foundry der USA
IBM und das US-Handelsministerium haben die Absichtserklärung für Anderon unterzeichnet - eine eigenständige Tochtergesellschaft, die als erste reine Quanten-Wafer-Foundry der USA aufgebaut werden soll. Der Deal ist einfach: 1 Mrd. Dollar aus dem CHIPS Act, 1 Mrd. Dollar von IBM. Im Hintergrund schwelt allerdings die Consulting-Schwäche aus dem Q1-Bericht weiter.
IBM (US4592001014) hat gemeinsam mit dem US-Handelsministerium die Absichtserklärung für Anderon unterzeichnet - eine eigenständige Tochtergesellschaft, die als erste reine Quanten-Wafer-Foundry der USA aufgebaut werden soll. Ein Novum und das Ergebnis jahrelanger Forschung bei IBM. Der Standort ist der Albany NanoTech Complex im Bundesstaat New York, wo IBM ohnehin schon seit Jahren mit dem SUNY Polytechnic Institute und GlobalFoundries an fortgeschrittenen Halbleitertechnologien arbeitet. Das Budget liest sich auf den ersten Blick beeindruckend:
1 Mrd. Dollar an CHIPS-Act-Mitteln, die das Department of Commerce in Aussicht stellt, dazu 1 Mrd. Dollar in bar plus geistiges Eigentum, Anlagen und Personal von IBM. Anderon startet auf klassischen 300-mm-Wafern und produziert zunächst supraleitende Qubit-Chips sowie die dazugehörige Steuerelektronik. Spätere Ausbaustufen sollen weitere Quantenmodalitäten umfassen - womit auch neutrale Atome, wie sie Infleqtion (US45676K1034) verfolgt, theoretisch ins Bild passen würden. Die Beschäftigungswirkung soll „in die Tausende“ gehen, so die euphemistische Meldung aus Washington.
Hinter den Vorhang geschaut, ist Anderon kleiner und gleichzeitig grösser, als die Schlagzeile suggeriert. Kleiner, weil das CHIPS-Geld bislang nur ein „proposed award“ ist - die definitiven Verträge müssen erst noch ausgehandelt und unterzeichnet werden, und politisch ist der CHIPS Act in Washington kein Selbstläufer mehr. Wer sich an die Auseinandersetzungen um die Intel-Förderung erinnert, weiss, wie schnell sich Bedingungen ändern können. Grösser ist die Bedeutung in der Lieferkette: IBMs Quanten-Roadmap zielt auf das System „Starling“ für 2029 - rund 200 logische Qubits, 100 Millionen Quanten-Gates, fehlertolerant. Ohne eine dedizierte Foundry für supraleitende Transmon-Qubits geht das nicht, denn kommerzielle Fabs wie TSMC (US8740391003) oder Samsung (KR7005930003) sind auf diese Spezialprozesse nicht ausgelegt. Dass IBM die Foundry aber als separate Gesellschaft ausgliedert statt sie intern hochzuziehen, schafft die Option, später externe Investoren hineinzuholen oder die Einheit eines Tages an die Börse zu bringen. Und da wird es interessant. Anderon ist damit gleichzeitig Versicherung gegen Lieferketten-Risiken und ein potenzielles strategisches Asset, das man monetarisieren kann, ohne IBM selbst zu zerlegen.
Q1 2026: Solider Abschluss, aber Consulting fängt an zu wackeln
Im operativen Geschäft hat IBM einen soliden Bericht zum 1. Quartal abgeliefert, den die Börse Ende April dennoch mit einem -6 bis -9 %-Kursrücksetzer quittiert hat. Der Umsatz stieg um +9,5 % auf 15,92 Mrd. US-Dollar und schlug den Konsens von 15,65 Mrd. US-Dollar, der „bereinigte“ Gewinn je Aktie lag mit 1,91 US-Dollar ebenfalls über der Schätzung von 1,81 US-Dollar. Software wuchs um +11 % auf 7,05 Mrd. Dollar, Red Hat um +13 %, das Data-Segment sogar um +19 %. Die Infrastruktur-Sparte explodierte regelrecht um +15 % auf 3,33 Mrd. Dollar - getrieben von einem Sprung um +51 % bei IBM Z, weil die z17-Generation den stärksten Mainframe-Refresh seit Jahren auslöst. Der freie Cashflow von 2,22 Mrd. Dollar ist zudem der höchste Wert in einem 1. Quartal seit über einem Jahrzehnt. Der Pferdefuss steckt im Consulting: Nur +4 %, bereinigt um Wechselkurseffekte sogar nur +1 %. Genau dort sitzen aber rund 80 % des hochgejubelten 12,5 Mrd. Dollar schweren GenAI-Auftragsbuchs, und genau dort wird sichtbar, dass AI-native Wettbewerber die klassische IBM-Beratung angreifen. Oder anders gesagt: Die AI, die IBM dem Kunden verkauft, frisst gleichzeitig den Beratungsumsatz, mit dem IBM diese AI ausrollt.
Im Quartalsvergleich verdichtet sich der Eindruck, dass IBM mit zwei sehr ungleichen Wachstumshebeln operiert. Im 4. Quartal 2025 hatte man mit 19,7 Mrd. Dollar Umsatz und zweistelligem AI-Momentum noch geglänzt, das Software-Wachstum hat sich von damals marginal von 14 % auf nun 11,3 % verlangsamt, das Consulting hat sein Wachstum im sequenziellen Vergleich praktisch verloren. Demgegenüber steht der z17-Effekt: vier Quartale in Folge mehr als +100 % Wachstum bei den neu ausgelieferten MIPS, und der Erstplatzierungswert der z17 liegt über 1 Mrd. Dollar über dem Vorzyklus. Das ist aber ein einmaliger Schub - historisch folgten auf solche Mainframe-Spitzen vier bis sechs Quartale rückläufiger Vergleichsbasen. Die Jahresprognose (>5 % Umsatzwachstum bei konstanten Wechselkursen, +1 Mrd. Dollar zusätzlicher freier Cashflow) wurde nicht angehoben, obwohl der 11 Mrd. US-Dollar Confluent Deal bereits Mitte März geschlossen wurde und eigentlich unmittelbar zur Gewinn- und Verlustrechnung hätte beitragen sollen - das ist sehr konservativ und verringert die Wahrscheinlichkeit einer positiven Überraschung im weiteren Jahresverlauf. Für Anderon gilt: Die Foundry ist kein Cashflow-Treiber für 2026 oder 2027, sondern ein Asset, das frühestens im Zuge der Starling-Vorbereitung 2028/2029 in der Gewinn- und Verlustrechnung sichtbar wird. Bis dahin bleibt sie eine Equity-Story - und eine Wette darauf, dass Quantencomputing den Sprung in den kommerziellen Betrieb tatsächlich schafft.
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23.05.2026 - Mikey Fritz

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