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Wie hoch ist das Risiko einer Stagflation in Deutschland?

Höher Preise bei sinkendem Wachstum?

NTG24 - Wie hoch ist das Risiko einer Stagflation in Deutschland?

 

Die Deutsche Bundesbank wird bei ihrer erst im Juni angehobenen Wachstumsprognose für das deutsche BIP vorsichtiger. Unsicherheit stiftet insbesondere die Infektionsdynamik der Corona-Pandemie und die administrativen und politischen Reaktionen darauf. Gestützt wird das Wachstum durch eine anhaltend hohe Nachfrage, aber auch durch weiter extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik, was im Juli 2021 zum stärksten Anstieg der Produzentenpreise seit 1975 geführt hat. Gleichzeitig sprang Wachstumsrate der Konsumentenpreise im Juli auf 3,7 %. Auch wenn das Szenario stärkerer stagflationärer Tendenzen aktuell noch unwahrscheinlich erscheint, so wäre eine Fortschreibung von ,,Best Case‘‘-Szenarien fahrlässig.

Eigentlich müsste es bei der deutschen Konjunktur angesichts der Vielzahl geldpolitischer und fiskalpolitischer Stimuli rund laufen. Passend dazu hatte die Deutsche Bundesbank noch im Juni 2021 für das laufende Jahr einen kalenderbereinigten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,7 % prognostiziert. Und für 2022 wurde zur Jahreshälfte noch ein Anstieg des Wachstums auf 5,2 % erwartet. Schließlich sind die Auftragsbücher der deutschen Industrie gut gefüllt, und die wirtschaftlichen Folgen der Flutkatastrophe im Juli 2021 bewertet sie aktuell als überschaubar.

Allerdings ist sie sich Mitte August 2021 für das Wachstum in diesem Jahr nicht mehr so sicher, was vor allem an der Corona-Pandemie liegt, und zweifelt nun leise an ihrer im Frühsommer aufgestellten Prognose.

Denn die Ausbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus und eine nachlassende Dynamik beim Impfen könnten wieder zu schärferen Beschränkungen führen, betont die Bundesbank in ihrem Monatsbericht August.

Die Auswirkungen dürften aber erst im Herbst spürbar werden. Im Ergebnis könnte aber das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr ,,etwas geringer ausfallen als in der Juni-Projektion erwartet," schreibt die Notenbank.

Bei den Erzeugerpreisen sieht die Bundesbank allerdings Anzeichen für eine Entspannung. So sieht sie erste Indizien dafür, dass sich die Lieferengpässe bei bestimmten Vorprodukten und Rohstoffen nicht mehr so stark verschärfen wie noch im 2. Quartal.

Durch diese Verknappung war der Auftragsbestand in der Industrie weit überdurchschnittlich angestiegen.

Dieser Rückstau beim Auftragsbestand hat allerdings eine markante Schattenseite. Denn wie das Statistische Bundesamt mitteilte, sind die Erzeugerpreise so stark gestiegen wie seit 1975 nicht mehr!

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Werbebanner DenkworkUnd dies liegt eben gerade an einer Kombination aus Rohstoffmangel, Störungen internationaler Lieferketten und einer anhaltend stimulierten Nachfrage. Im Ergebnis haben deutsche Produzenten ihre Preise im Juli 2021 so stark erhöht wie zuletzt vor 46 Jahren. Um 10,4 % im Vergleich zum selben Vorjahresmonat stiegen die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte nach Angaben des Amtes vom Freitag.

Der Anstieg in den 1970er Jahren fiel mit der Ölkrise zusammen, welche im Anschluss an den israelisch-arabischen Konflikt ausbrach.

Im Juni 2021 hatte die entsprechende Erhöhung noch bei 8,5 % gelegen. Analysten hatten dann für den Juli 2021 einen Anstieg um 9,2 % im Vergleich zum Juli 2020 erwartet. Haupttreiber waren insbesondere neben Energie Vorprodukte wie Holz und Stahl.

Nadelschnittholz war beispielsweise 111 % teurer als noch 1 Jahr zuvor, und metallische Sekundärrohstoffe aus Eisen-, Stahl- und Aluminiumschrott legten um 100 % zu.

Das bislang gültige Narrativ der EZB und in der Regierung ist, dass es sich bei diesen Preissteigerungen um ein ,,vorübergehendes‘‘ (transitory) Phänomen handelt. Es bleibt allerdings zu hinterfragen, woher die EZB und die Regierung wissen wollen, dass dem so ist. Die Inflationsrate bei den Konsumentenpreisen war nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom 11.08.2021 bereits auf 3,8 % im Juli 2021 gestiegen.

Je länger die Steigerungen bei den Produzentenpreisen anhalten, umso wahrscheinlicher wird nun ein ,,Überschwappen‘‘ in die Konsumentenpreise.

 

Und was ist das Fazit?

 

Kurzfristig besteht aufgrund der massiven fiskal- und geldpolitischen Stimulation eine hohe Wachstumsdynamik, bei der die Differenz zwischen realer Wertschöpfung und dem mit Marktpreisen bewerteten realen Output ansteigt.

Sollten neue administrative Beschränkungen zu einer verlängerten Störung in den für das deutsche Exportmodell so wichtigen internationalen Produktions- und Logistikketten führen, könnte es bei sich abschwächender realer Produktion bei gleichzeitiger Überwälzung dadurch gestiegener Produktionskosten zu einem erhöhten Risiko stagflationärer Tendenzen kommen.

Das Ausmaß staatlicher Interventionen in der Corona-Pandemie ist aber eine ,,nicht-wirtschaftliche‘‘ Verhaltensfunktion, wie die ein Rückblick auf die Entwicklung seit Februar 2020 zeigt. Es ist deshalb aus der Perspektive des Risikomanagements angebracht, nicht von einem ökonomischen ,,Best Case‘‘ auszugehen.

Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten Kommentare der Deutschen Bundesbank, aber auch die neuesten Umfragen des DIHK kaum zu überschätzen. Das Risiko sich schnell verstärkender stagflationärer Tendenzen in der deutschen Wirtschaft ist dabei zwar immer noch niedrig, eine Fortschreibung dieser Einschätzung wäre allerdings aufgrund der hohen Änderungsraten und der Schätzrisiken fahrlässig.

 

23.08.2021 - Arndt Kümpel

Unterschrift - Arndt Kümpel

 






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