Kering bekommt die Kurve – Gucci noch nicht ganz
Der Luxuskonzern wächst wieder, baut Schulden massiv ab und stabilisiert die Margen – doch die entscheidende Marke bleibt trotz klarer Fortschritte im Minus
Kering hat an der Börse etwas geschafft, das vor wenigen Monaten noch schwierig wirkte: Aus einer fast ausschließlich defensiven Sanierungsstory ist wieder eine Aktie mit Wachstumsfantasie geworden. Das zweite Quartal brachte erstmals seit rund zwei Jahren wieder organisches Wachstum auf Konzernebene, Gucci enttäuschte weniger stark und CEO Luca de Meo zeigt, dass sein Umbau nicht nur aus Strategiepräsentationen besteht. Für eine echte Entwarnung reicht das trotzdem noch nicht.
Kering (FR0000121485) erzielte im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von 3,652 Mrd. Euro. Vergleichbar entsprach das einem Plus von 2 %. Nach einer langen Phase rückläufiger Erlöse war schon diese kleine positive Zahl wichtig, denn sie verändert die Richtung der Diskussion: Anleger müssen nicht mehr ausschließlich darüber sprechen, wie tief Kering noch fallen könnte, sondern können erstmals wieder über die Geschwindigkeit einer Erholung diskutieren.
Die Euphorie nach den Halbjahreszahlen war entsprechend deutlich. Ende Juli sprang die Aktie nach der Veröffentlichung zeitweise zweistellig nach oben und verbuchte laut Reuters den stärksten Tagesgewinn seit vielen Jahren. Inzwischen hat sich ein Teil dieser Begeisterung wieder abgekühlt. Das passt zur Lage: Der Turnaround ist sichtbar geworden, abgeschlossen ist er nicht.
Gucci ist noch schwach – aber plötzlich weniger schwach
Die wichtigste Zahl steckt weiterhin bei Gucci. Im zweiten Quartal sank der Umsatz der Marke vergleichbar um 2 % auf 1,410 Mrd. Euro. Ein Rückgang bleibt ein Rückgang. Entscheidend war jedoch die Veränderung gegenüber dem Jahresauftakt: Die Verkäufe der direkt betriebenen Geschäfte verbesserten sich gegenüber dem ersten Quartal um sieben Prozentpunkte. Kering spricht von der stärksten sequenziellen Verbesserung seit mehreren Quartalen.
Genau darauf reagierte die Börse. Der Markt hatte sich an zweistellige Einbrüche und immer neue Zweifel an der Attraktivität der Marke gewöhnt. Nun gewinnen neue Produkte offenbar wieder etwas mehr Resonanz, insbesondere in Nordamerika. China bleibt dagegen schwierig und verhindert, dass aus der Stabilisierung bereits ein sauberer Wachstumspfad wird.
Die Halbjahreszahlen von Kering zeigen deshalb einen ungewöhnlichen Zwischenstand: Gucci setzte im ersten Halbjahr 2,757 Mrd. Euro um, vergleichbar 5 % weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die wiederkehrende operative Marge der Marke auf 17,0 %. Kostenkontrolle federt also einen Teil der Umsatzschwäche bereits ab.
Luca de Meo versucht damit, zwei Probleme gleichzeitig zu lösen. Gucci muss wieder begehrenswerter werden, während Kering insgesamt schlanker und profitabler werden soll. Das ist schwieriger als gewöhnliches Sparen: Wer bei Produktentwicklung, Marketing und Markenaufbau zu stark kürzt, kann genau jene Erholung beschädigen, die später höhere Margen ermöglichen soll.
Der Schuldenabbau verändert die Qualität des Turnarounds
Fast noch wichtiger als das kleine Umsatzplus ist deshalb die Bilanz. Die Nettoverschuldung sank von 8,0 Mrd. Euro Ende 2025 auf nur noch 3,3 Mrd. Euro zum Ende des ersten Halbjahres. Dazu trugen unter anderem Verkäufe von Vermögenswerten und die Transaktion rund um Kering Beauté und L'Oréal bei.
Der operative Free Cashflow erreichte 2,6 Mrd. Euro. Selbst ohne Immobilienerlöse und einen Zahlungseffekt aus der Gucci-Beauty-Vereinbarung nennt Kering noch 1,8 Mrd. Euro. Für einen Konzern, dessen hohe Verschuldung zeitweise selbst zu einem Teil der Investmentdebatte geworden war, ist das eine wichtige Entlastung.
De Meo gewinnt damit etwas, das bei einer Luxusmarkensanierung besonders wertvoll ist: Zeit. Kering muss Gucci nicht unter unmittelbarem Bilanzdruck reparieren und kann gleichzeitig das Filialnetz bereinigen. Nach 75 Nettoschließungen im vergangenen Jahr wurden allein im ersten Halbjahr weitere 84 Standorte geschlossen. Für das Gesamtjahr sind rund 100 vorgesehen.
Kering wird interessanter, weil nicht mehr alles an Gucci hängt
Der Umbau bekommt zusätzlich Unterstützung aus Bereichen, die früher im Schatten von Gucci standen. Das Schmuckgeschäft steigerte den Halbjahresumsatz vergleichbar um 20 % auf 521 Mio. Euro. Boucheron lieferte neue Rekordwerte, auch Pomellato entwickelte sich stark. Kering Eyewear wuchs vergleichbar um 8 % auf 965 Mio. Euro und erreichte eine operative Marge von 23 %.
Das passt zum langfristigen ReconKering-Plan. De Meo will den Konzern weniger abhängig von den starken Ausschlägen einzelner Modetrends machen und unter anderem Schmuck deutlich stärker gewichten. Reuters zufolge soll sich die operative Marge des Konzerns langfristig gegenüber dem schwachen Ausgangsniveau mehr als verdoppeln.
Das ist ambitioniert. Aber erstmals lässt sich erkennen, aus welchen Bausteinen dieses Ziel entstehen könnte: kleineres Filialnetz, weniger Lagerbestand, höhere Produktivität, stärkeres Lederwarengeschäft, mehr Schmuck und eine breitere Ertragsbasis.
Die Aktie handelt inzwischen mehr als Schadensbegrenzung
Genau darin liegt nun auch das Risiko. Nach den überraschend guten Q2-Signalen belohnt die Börse Kering nicht mehr nur für Kostensenkungen und Schuldenabbau. Im Kurs steckt zunehmend die Erwartung, dass Gucci tatsächlich wieder wächst. Ende Juli reichte bereits ein vergleichbarer Umsatzrückgang von nur noch 2 %, um eine massive Kursreaktion auszulösen.
Das zeigt, wie niedrig die Erwartungen zuvor waren – und wie schnell sie nun steigen können. Gucci bleibt der wichtigste Ergebnishebel des Konzerns. Eine stabile Marge bei weiter sinkendem Umsatz kann für einige Quartale überzeugen, aber nicht dauerhaft. Kreative Erneuerung ist im Luxusgeschäft zudem schwerer planbar als ein industrielles Effizienzprogramm. Eine Handtasche wird nicht deshalb zum Verkaufsschlager, weil ein Restrukturierungsplan eingehalten wird.
Hinzu kommt die regionale Abhängigkeit. Nordamerika lieferte zuletzt wichtigen Rückenwind, während der chinesische Luxusmarkt noch nicht mit derselben Kraft zurückgekehrt ist. Damit bleibt die Erholung anfällig für Konsumstimmung, Vermögenseffekte und wechselnde Modetrends.
Kering muss deshalb nicht sofort wieder der alte Luxuskonzern werden. Schon eine Phase mit leichtem Wachstum, steigender Produktivität und stabilisierenden Gucci-Margen könnte die Sanierung erheblich glaubwürdiger machen. Die Halbjahreszahlen haben dafür erstmals eine operative Grundlage geliefert.
Aus dem Problemfall wird eine kontrollierte Wette
Kering ist heute interessanter als zu Beginn des Jahres, gerade weil der Turnaround nicht mehr ausschließlich auf Hoffnung beruht. Die Verschuldung ist deutlich gefallen, das Filialnetz wird konsequent verkleinert, Schmuck und Eyewear wachsen und Gucci verliert deutlich weniger Umsatz als zuvor. Damit hat Luca de Meo die einfacheren Teile der Sanierung schneller vorangebracht als viele Anleger erwartet hatten.
Der schwierigste Teil beginnt allerdings genau jetzt. Gucci muss aus besseren Trends wieder nachhaltiges Wachstum machen. Gelingt das, besitzt Kering wegen der weiterhin deutlich niedrigeren Ertragsbasis erheblichen operativen Hebel. Bleibt die Marke dagegen über längere Zeit nur knapp unter Vorjahresniveau, dürfte der jüngste Bewertungsoptimismus schnell an Grenzen stoßen.
Für Anleger ist Kering damit keine klassische Luxus-Sicherheitsposition wie ein besonders stabiler Branchenführer. Die Aktie bleibt eine Turnaround-Wette – nur inzwischen eine, bei der Bilanz, Cashflow und erste Umsatzsignale deutlich besser zusammenpassen als noch vor wenigen Quartalen.
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19.08.2026 - Christian Teitscheid

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