Thyssenkrupp wird zur Wette auf seine Einzelteile
Vor der Abstimmung über tk accelis gewinnt der Umbau zur Finanzholding an Kontur – doch Stahl, Cashflow und schwache Industriemärkte bleiben die Gegengewichte
Bei Thyssenkrupp verschiebt sich die Investmentstory erneut. Nicht ein neues Stahlhoch und auch keine überraschend starken Konzernzahlen bestimmen Anfang August die Wahrnehmung, sondern die Frage, was von dem früheren Industriekonglomerat künftig überhaupt noch zusammengehören soll. Nach TKMS steht mit tk accelis bereits der nächste große Unternehmensteil vor einer stärkeren Eigenständigkeit. Die Börse bewertet damit zunehmend nicht mehr den Konzern als Ganzes, sondern seine zerlegbaren Einzelwerte.
Thyssenkrupp (DE0007500001) steht unmittelbar vor einem wichtigen Termin. Auf der außerordentlichen Hauptversammlung am 7. August sollen die Aktionäre über die geplante Abspaltung eines Minderheitsanteils am bisherigen Materials-Services-Geschäft entscheiden. Die neue Gesellschaft tk accelis soll anschließend noch 2026 an die Börse gebracht werden. Thyssenkrupp würde die Mehrheit behalten und damit zunächst weiterhin konsolidieren.
Damit nimmt die unter dem Strategieprogramm ACES 2030 angestrebte Finanzholding immer klarere Konturen an. Anleger bekommen perspektivisch einzelne Beteiligungen, deren Wert transparenter am Kapitalmarkt sichtbar werden soll. Das kann Bewertungsabschläge abbauen. Es macht aber zugleich sichtbarer, welche Geschäfte tatsächlich attraktive Renditen liefern und welche weiterhin Restrukturierungskapital benötigen.
tk accelis ist mehr als der nächste Börsengang
Materials Services war lange eines jener Thyssenkrupp-Geschäfte, die wegen ihrer Größe zwar wichtig waren, an der Börse aber kaum eine eigene Geschichte erhielten. Genau das soll sich ändern. Unter dem Namen tk accelis positioniert sich das Geschäft zunehmend als Werkstoff- und Supply-Chain-Dienstleister statt als klassischer Stahlhändler.
Die Dimension ist beträchtlich. Im Geschäftsjahr 2024/2025 erzielte der Bereich 11,4 Mrd. Euro Umsatz. Auf dem Kapitalmarkttag im Juli stellte das Management mittelfristig ein jährliches Umsatzwachstum von mehr als 4 % sowie eine bereinigte EBITDA-Marge von 4 bis 5 % in Aussicht. Die neuen Ziele von tk accelis geben Investoren damit erstmals einen deutlich eigenständigeren Bewertungsrahmen.
Für Thyssenkrupp ist das entscheidend. Je mehr Geschäftsteile separat bewertet werden können, desto weniger muss die Aktie ausschließlich als schwer durchschaubarer Mischkonzern gehandelt werden. Die Strategie lebt deshalb inzwischen stark von der Hoffnung, dass die Summe der Teile mehr wert ist als die bisherige Konzernstruktur.
Das birgt allerdings einen wichtigen Unterschied zu einer klassischen Wachstumsgeschichte. Wert entsteht hier nicht allein durch höhere Umsätze oder Margen, sondern auch durch Strukturmaßnahmen. Der Kurs kann deshalb zeitweise stärker auf Abspaltungsfantasie reagieren als auf die operative Entwicklung des verbliebenen Konzerns.
TKMS zeigt bereits, warum der Ansatz funktioniert
Die Marinebeteiligung liefert derzeit das stärkste Argument für diese Strategie. TKMS wurde bereits verselbstständigt, Thyssenkrupp hält aber weiterhin eine Mehrheitsbeteiligung. Anfang Juli kam ein potenziell großer Auftrag hinzu: Kanada wählte das Team rund um den U-Boot-Typ 212CD als bevorzugten Lieferanten für sein neues U-Boot-Programm aus.
Im Raum stehen bis zu zwölf Boote. TKMS erklärte, dass ein entsprechender Auftrag den bestehenden Auftragsbestand um mehr als 50 % erhöhen könnte. Das erste Boot soll nach den derzeitigen Planungen bis 2033 geliefert werden. Die Auswahl durch Kanada stärkt damit nicht nur TKMS, sondern indirekt auch den Beteiligungswert innerhalb von Thyssenkrupp.
Genau darin steckt der Charme der Holdingidee: Rüstung wird nicht mehr von Stahl, Automobilzulieferung oder schwächeren grünen Technologien im selben Bewertungsmodell verdeckt. Gleichzeitig bleibt Thyssenkrupp über seine Beteiligung am möglichen Wertzuwachs beteiligt.
Operativ bleibt der Konzern deutlich weniger glamourös
Wer nur auf die Portfoliofantasie schaut, übersieht allerdings die laufenden Zahlen. Im zweiten Geschäftsquartal 2025/2026 stieg der Auftragseingang dank Marine Systems um 32 % auf 10,6 Mrd. Euro. Der Umsatz sank dagegen leicht auf 8,4 Mrd. Euro. Das bereinigte EBIT verbesserte sich deutlich von 19 Mio. auf 198 Mio. Euro.
Diese Verbesserung ist wichtig. Sie zeigt, dass das APEX-Effizienzprogramm Wirkung entfaltet. Gleichzeitig bleibt der Cashflow ein Warnhinweis. Der Free Cashflow vor M&A lag im Quartal bei minus 327 Mio. Euro. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern weiterhin zwischen minus 600 Mio. und minus 300 Mio. Euro. Ein erheblicher Teil hängt mit Restrukturierungen bei Automotive Technology und Steel Europe zusammen.
Auch die Umsatzprognose wurde bereits vorsichtiger. Thyssenkrupp rechnet für 2025/2026 mit einem Rückgang um bis zu 3 % beziehungsweise bestenfalls einem stabilen Umsatz. Das bereinigte EBIT soll zwischen 500 und 900 Mio. Euro liegen. Die aktuelle Konzernprognose zeigt deshalb eine Gesellschaft im Umbau, nicht einen klassischen konjunkturellen Wachstumswert.
Stahl wird kleiner, aber noch lange nicht einfach
Die härteste Restrukturierungsaufgabe bleibt Steel Europe. Im Juli wurde ein weiterer Knoten gelöst: Salzgitter übernahm die bislang von Thyssenkrupp Steel und Vallourec gehaltenen Anteile an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann und damit die vollständige Verantwortung für HKM.
Für Thyssenkrupp ist der Schritt strategisch wichtiger als sein unmittelbarer Ergebniseffekt. Die Stahlproduktion soll stärker auf den nördlichen Duisburger Standort konzentriert werden, Kapazitäten und Kosten müssen sinken. Der bestehende Liefervertrag zwischen HKM und Thyssenkrupp Steel soll nun bereits Ende 2028 statt 2032 auslaufen. Die HKM-Lösung mit Salzgitter räumt damit ein lange offenes Strukturproblem aus dem Weg.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Stahl plötzlich zum Selbstläufer wird. Nachfrage aus Automobil-, Maschinenbau- und Bauindustrie bleibt schwach, während Energie- und Transformationskosten hoch sind. Die zwischenzeitlich geführten Gespräche mit Jindal über einen Einstieg bei Steel Europe wurden im Mai pausiert. Die angestrebte Eigenständigkeit des Stahlgeschäfts bleibt dennoch das erklärte Ziel.
Vor den Zahlen zählt zunächst die Strukturentscheidung
Der Kalender sorgt nun für eine ungewöhnliche Reihenfolge. Am 7. August entscheiden die Aktionäre über tk accelis, erst am 13. August folgen die Zahlen für das dritte Geschäftsquartal. Damit kann zunächst die Portfoliostrategie den Ton angeben, bevor der Blick wieder auf Umsatz, Ergebnis und Cashflow fällt.
Gerade für Thyssenkrupp ist diese Trennung wichtig. Die Aktie enthält inzwischen mehrere Geschichten gleichzeitig: den Beteiligungswert von TKMS, die mögliche Verselbstständigung von tk accelis, die Sanierung von Stahl und Automobilzulieferung sowie die Frage, ob Decarbon Technologies aus langfristiger Energiewende-Fantasie endlich bessere operative Ergebnisse machen kann.
Der alte Konzern verschwindet dadurch Stück für Stück. Das kann Wert freilegen, löst aber nicht automatisch die wirtschaftlichen Probleme der einzelnen Geschäfte.
Thyssenkrupp muss weniger Konzern und mehr Kapitalallokator werden
Die Richtung des Umbaus ist inzwischen deutlich glaubwürdiger als noch vor einigen Jahren. TKMS besitzt eine eigene Kapitalmarktstory, tk accelis soll folgen, HKM ist aus dem Portfolio herausgelöst und Steel Europe wird kleiner aufgestellt. Thyssenkrupp nähert sich damit tatsächlich einer Holdingstruktur.
Für die Aktie verändert sich dadurch der Maßstab. Künftig reicht es nicht, schwierige Geschäftsbereiche nur zu restrukturieren. Das Management muss zeigen, dass es Beteiligungen sinnvoll entwickeln, Kapital diszipliniert verteilen und attraktive Zeitpunkte für weitere Verselbstständigungen finden kann. Gleichzeitig darf der laufende Cashverbrauch den Wert der Beteiligungen nicht wieder auffressen.
Damit bleibt Thyssenkrupp eine ungewöhnliche Börsengeschichte: Der wichtigste Wachstumstreiber des Konzerns könnte darin bestehen, dass der Konzern selbst immer kleiner wird. Ob daraus dauerhaft mehr Wert für Aktionäre entsteht, entscheidet sich nun weniger an der Größe von Thyssenkrupp als an der Qualität dessen, was nach jeder Abspaltung übrig bleibt.
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03.08.2026 - Christian Teitscheid

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