Volkswagen verdient noch zu wenig an seiner Größe
Der Cashflow erholt sich deutlich, doch China, Preisdruck und eine Konzernmarge von nur 3,8 Prozent zeigen, warum die Aktie trotz niedriger Bewertung nicht automatisch günstig ist
Volkswagen verkauft weiterhin Millionen Fahrzeuge, bewegt dreistellige Milliardenumsätze und verfügt über eine enorme industrielle Substanz. Genau darin liegt aber das Problem der aktuellen Börsenstory: Größe allein schafft noch keinen attraktiven Ertrag. Nach dem ersten Halbjahr 2026 wird deutlicher, dass der Konzern beim Cashflow Fortschritte macht, während die Profitabilität weiterhin erheblich hinter dem eigenen Anspruch zurückbleibt.
Volkswagen (DE0007664039) setzte im ersten Halbjahr 158,1 Mrd. Euro um und blieb damit nahezu auf Vorjahresniveau. Das operative Ergebnis sank jedoch um 11,6 % auf 5,9 Mrd. Euro. Eine operative Umsatzrendite von 3,8 % ist für einen Konzern mit Volkswagen, Audi, Porsche, Škoda und weiteren starken Marken schlicht zu niedrig.
Interessanter ist deshalb die Bewegung unterhalb der Gewinnrechnung. Der Netto-Cashflow der Autosparte verbesserte sich von minus 1,4 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum auf plus 3,2 Mrd. Euro. Niedrigere Investitionsausgaben, weniger Working-Capital-Belastung und geringere Steuerzahlungen zeigen, dass Volkswagen finanziell disziplinierter arbeitet. Das ist ein wichtiger Fortschritt – nur löst er das strukturelle Margenproblem noch nicht.
Auch der Kurs spiegelt diese Ambivalenz wider. Die Vorzugsaktie bewegte sich zuletzt nur im Bereich um 73 Euro und damit weit entfernt von früheren Bewertungsniveaus. Das wirkt optisch günstig. Doch der Abschlag ist nicht zufällig: Anleger kalkulieren hohe Restrukturierungskosten, politische Risiken, chinesischen Wettbewerbsdruck und die Frage ein, wie schnell Volkswagen seine Kostenbasis tatsächlich anpassen kann.
Das zweite Quartal stabilisiert – aber auf niedrigem Niveau
Im zweiten Quartal erzielte Volkswagen 82,4 Mrd. Euro Umsatz und 3,47 Mrd. Euro operatives Ergebnis. Die operative Marge lag bei 4,2 %. Das war besser als der schwache Jahresauftakt und erklärt, warum das Management für das zweite Halbjahr eine weitere Margenverbesserung erwartet.
Der Halbjahresbericht von Volkswagen zeigt aber auch, wie weit der Weg bleibt. Selbst bereinigt um Sondereffekte erreichte die operative Marge im ersten Halbjahr lediglich 4,3 %. Kostenmaßnahmen helfen bereits, doch sie müssen wesentlich tiefer greifen, wenn der Konzern dauerhaft wieder deutlich profitabler werden soll.
Die Unterschiede innerhalb des Konzerns sind dabei erheblich. Die Core Brand Group verbesserte ihr operatives Ergebnis im ersten Halbjahr auf 3,6 Mrd. Euro und erreichte 4,9 % Marge. Cariad reduzierte seinen operativen Verlust deutlich auf 855 Mio. Euro. Gleichzeitig bleiben Audi, das China-Geschäft und Teile des Nutzfahrzeuggeschäfts unter Druck. Volkswagen ist deshalb weniger eine einzelne Sanierung als eine Sammlung mehrerer paralleler Umbauten.
China ist nicht mehr die Gewinnmaschine von früher
Am deutlichsten wird der Strukturbruch in China. Die Fahrzeugverkäufe der dort einbezogenen Gemeinschaftsunternehmen gingen im ersten Halbjahr deutlich zurück. Noch problematischer ist die Ergebnisqualität: Der Volkswagen zugerechnete operative Gewinn der chinesischen Joint Ventures sank von 506 Mio. auf nur noch 184 Mio. Euro.
Damit verliert ein Markt an Bedeutung, der Volkswagen jahrzehntelang hohe Stückzahlen und attraktive Gewinne geliefert hat. Lokale Hersteller entwickeln Elektroautos schneller, setzen Software stärker ins Zentrum und greifen inzwischen auch auf dem europäischen Heimatmarkt an. Ein Reuters-Bericht zu Volkswagens Umbau beschreibt genau diesen Druck: Der Konzern muss seine Kosten stärker senken, während BYD, Geely und andere chinesische Wettbewerber ihre Präsenz in Europa ausbauen.
Die Antwort von Volkswagen lautet zunehmend Regionalisierung. Produkte und Technologien sollen stärker an einzelne Märkte angepasst werden, während Plattformen, Varianten und Konzernstrukturen vereinfacht werden. Das ist strategisch plausibel. Entscheidend wird jedoch sein, ob daraus auch niedrigere Entwicklungskosten und schnellere Modellzyklen entstehen.
Elektroautos liefern Nachfrage – noch nicht automatisch Marge
Ausgerechnet bei Elektroautos gibt es inzwischen auch positive Signale. Der europäische BEV-Auftragsbestand lag Ende Juni mehr als 50 % über dem Stand vom Jahresende 2025. Für die neue Electric Urban Car Family rund um den ID. Polo meldete Volkswagen bereits mehr als 70.000 Bestellungen.
Das ist strategisch wichtig, weil Volkswagen im europäischen Volumensegment wieder stärker gegen chinesische Hersteller antreten will. Für Aktionäre zählt jedoch nicht nur, wie viele Elektroautos bestellt werden. Entscheidend sind Herstellkosten, Batteriekosten, Preisdisziplin und Skaleneffekte. Mehr BEV-Volumen ist nur dann wertsteigernd, wenn Volkswagen daran auch ausreichend verdient.
Die Prognose verrät, wie fragil die Erholung bleibt
Volkswagen hat die Umsatzprognose für 2026 inzwischen zurückgenommen. Statt eines Wachstums von bis zu 3 % erwartet der Konzern nun eine Entwicklung zwischen minus 3 % und unverändertem Umsatz. Die Zielspanne für die operative Marge bleibt dagegen bei 4,0 bis 5,5 %. Der Netto-Cashflow der Autosparte soll zwischen 3 und 6 Mrd. Euro erreichen.
Damit liegt die wichtigste Kennzahl für die Aktie nicht beim Absatz. Volkswagen muss beweisen, dass auch ohne nennenswertes Umsatzwachstum mehr Marge entstehen kann. Genau dafür werden Komplexität reduziert, Investitionen begrenzt, Werke überprüft und Personalstrukturen angepasst. Gelingt dieser Hebel, kann die niedrige Bewertung interessanter werden. Bleiben die Margen dagegen dauerhaft nahe 4 %, wäre der Bewertungsabschlag weiterhin nachvollziehbar.
Volkswagen ist deshalb derzeit keine einfache Turnaround-Wette. Der Konzern verfügt über starke Marken, hohe Liquidität und einen deutlich besseren Cashflow, kämpft aber gleichzeitig mit einem neuen Wettbewerbsmodell der Autoindustrie. Für Anleger wird weniger entscheidend sein, ob Volkswagen wieder mehr Autos verkauft. Wichtiger ist, ob aus jedem Euro Umsatz künftig wieder spürbar mehr Ergebnis und freier Cashflow entsteht.
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19.08.2026 - Christian Teitscheid

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