Eurostärke, Dollarschwäche oder beides?
Der Euroanstieg und die steigenden Boote in der Flut
Die Corona-Krise ist in vielerlei Hinsicht ein Brandbeschleuniger. Nicht nur auf den Straßen New Yorks und Washington.
Corona-Pandemie hat die öffentlichen Haushalte der Staaten weltweit unter einen gewaltigen Schock gesetzt, der aber derzeit von der Angst überlagert wird, dass sich die derzeitige Rezession in eine ausgewachsene Depression entwickelt.
Da die zuvor bestehende strukturelle Überschuldung bereits zu einer extremen Niedrig- und Negativzins-Politik aller großen Zentralbanken geführt hat, ist die Toolbox konventioneller Geldpolitik schon lange leer. Prof. Draghi flüchtete, unter dem Druck der vor ihrer Verantwortung fliehenden Politiker, in die nebeligen Gemächer unkonventioneller Geldpolitik, um den Urknall einer europäischen Bankenkrise zu vermeiden.
Nun ist aber auch Europa dort, wo Japan schon länger verharrt. Man darf dabei gespannt sein, was Draghis Nachfolgerin, die smarte Madame Lagarde, noch für weiße Hasen der Geldpolitik aus dem Hut zaubert.
Aber nachdem der Lockdown in den USA zu einer weitgehenden Zerrüttung der Konjunktur geführt hat, muss der Realismus-Gehalt offenbleiben, den die Äußerungen von FED-Chef Powell haben, auf Negativzinsen als Mittel der US-Geldpolitik zu verzichten.
Der Glaube daran und die bessere Konjunktur hat den US-Dollar bislang relativ stark gehalten. Hinzu kommt, dass der Rest der Welt weiterhin rund 13 Billionen US-Dollar ,,short‘‘ ist, sich also in US-Dollar verschuldet, diese aber nur durch Exporte in die USA oder Kapitalgewinne in den USA erwirtschaften kann. Abgesehen von einer neuen Verschuldung mittels eines ,,Roll-over‘‘ bei Fälligkeit.
Die Charttechnik des Euro
Ein Blick auf Chart 1 zeigt, dass sich der Euro gegenüber dem US-Dollar in einem langjährigen Abwärtstrend befindet, zwischenzeitliche Erholungen inklusive.
In dem großen Keil, der von einer unteren Trendlinie seit dem Jahr 2000 und einer oberen seit dem Jahr 2008 getragen wird, ist dafür ausreichend Platz.
Wie die gelben Rechtecke in der steigenden Keillinie zeigen, verletzte der Euro im März 2020 diese Trendlinie, auch signifikant. Wir wiesen damals darauf hin und skizzierten ein mittelfristiges Kursziel von 1,03522 Dollar je Euro, was dem Zyklustief vom Dezember 2016 (mittleres Rechteck) entspricht. Wann dies eintritt, ließen wir offen.
Inmitten der Turbulenzen scheint nun aber mit der innenpolitischen Verschärfung in den USA und dem zunehmend fiebrigen Vorwahlkampf zur US-Präsidentschaftswahl im November 2020 ein neuer belastender Faktor aufzukommen, der zu einer relativen Schwäche des US-Dollars nicht nur gegen den Euro führt.
Aus charttechnischer Sicht ist eine Erholung des Euro bis an seine obere Keillinie, die aktuell bei rund 1,19 Dollar je Euro verläuft, jederzeit möglich, ohne, dass die Grundaussage des Abwärtstrends aufgegeben werden müsste. Denn dafür läuft in der Eurozone schlicht zu viel schief. Diese Schiefe ist vielgestaltig und der Grund für die seit Jahren andauernde Kapitalflucht aus dem Euro – in den US-Dollar, in Gold und in Immobilien.
In Chart 2 sind die Zielzonen einer Euroerholung markiert, die sich insbesondere aus einem möglichen Doppelboden ergeben. Dabei wäre die Struktur der Zeitspanne nach dem Euroabsturz 2015 und der Erholung ab 2017 der erste Teilboden, das Zwischenhoch läge Anfang 2018 und der zweite Teilboden hätte sich gerade im Corona-Schock gebildet.
Chart 2 zeigt auch die Trendverletzung des Aufwärtstrends bei sehr hohen Umsätzen. Es besteht wie bei jedem Indikator die Möglichkeit einer Signifikanz-Illusion, wonach im aktuellen Fall dies zwar technisch ein Break war, dies aber aufgrund des neuen Faktors US-Dollar-Schwäche derzeit nicht zu einem weiteren Absacken des Euro, sondern zu einer temporären Erholung des Euro führt.
Fazit
Die relative Schwäche des US-Dollar, der sich aktuell in vielen Währungen weltweit spiegelt, spült auch den flügellahmen Euro nach oben. Es kann derzeit dahinstehen, ob der Euro mittelfristig Bestand hat, es in der Eurozone zu einer Bankenkrise kommt oder nicht, und ob die hier oft erwähnten konstitutionellen Schwächen der Europäischen Union zu einer Krise der Eurozone führen.
Nach der langen Phase seiner Schwäche gegen den US-Dollar hat der Euro charttechnisch die Chance, mindestens bis an seine erste Widerstandszone, die bei rund 1,15 Dollar je Euro verläuft, heranzulaufen. Ein Überwinden würde den Weg bis zur oberen Begrenzung des Keils bei aktuell rund 1,19 Dollar öffnen. Will man sich mit viel Fantasie noch einen Bruck der Nackenlinie des Doppelbodens bei rund 1,25 Dollar vorstellen, was einem Absturz des US-Dollars entspräche, wären mittelfristig aus charttechnischer Sicht auch Kurse von knapp 1,40 Dollar möglich. Dies ist auf der Basis der aktuellen Situation in der EU und der Eurozone aber nicht mehr als ein ,,Pipedream‘‘ der Eurobullen. Einstweilen bleibt es bei der unübersichtlichen politischen und wirtschaftlichen Gemengelage beiderseits des Atlantiks und dem charttechnischen Erholungspotenzial des Euro, verbunden mit der Möglichkeit, dass sich dies wie auch bisherige Erholungssignale eben auch als ,,Pipedream‘‘ herausstellten.
03.06.2020 - Arndt Kümpel - ak@ntg24.de
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