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Amazon lässt die KI-Rechnung erstmals überzeugender aussehen

AWS beschleunigt deutlich und die Werbesparte wächst stark – doch 220 Mrd. Dollar Investitionen machen den freien Cashflow zum entscheidenden Gegenpol

NTG24 - Amazon lässt die KI-Rechnung erstmals überzeugender aussehen

 

Bei Amazon verschiebt sich die Diskussion. Noch vor wenigen Monaten stand vor allem die Frage im Raum, wie lange Anleger die enormen Ausgaben für Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur akzeptieren würden. Nach dem zweiten Quartal sieht die Rechnung deutlich freundlicher aus: AWS wächst so schnell wie seit Jahren nicht mehr und verdient dabei außergewöhnlich viel Geld. Gerade dieser Erfolg erlaubt Amazon allerdings, die Investitionen noch einmal zu erhöhen.

Amazon (US0231351067) hat im zweiten Quartal 2026 den Konzernumsatz um 20 % auf 200,6 Mrd. US-Dollar gesteigert. Das operative Ergebnis sprang von 19,2 Mrd. auf 27,5 Mrd. US-Dollar. Für die Börse war daran weniger der klassische Onlinehandel entscheidend als die Beschleunigung des Cloudgeschäfts. AWS legte beim Umsatz um 37 % auf 42,2 Mrd. US-Dollar zu – das höchste Wachstum seit 18 Quartalen.

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Die kräftige Reaktion der Aktie nach den Zahlen war deshalb nachvollziehbar. Amazon konnte erstmals seit längerer Zeit sehr deutlich zeigen, dass der massive Ausbau der KI-Infrastruktur nicht nur Kapital verschlingt, sondern zugleich neues hochprofitables Geschäft hervorbringt. Nach dem Ergebnissprung notierte der Titel zuletzt deutlich oberhalb früherer Sommerniveaus und bewegte sich im Bereich der jüngsten Rekordzone. Auf eine scheingenaue Intraday-Angabe wird angesichts unterschiedlicher Datenzeitpunkte bewusst verzichtet.

 

AWS verändert die Qualität des Wachstums

 

Die zentrale Zahl des Quartals lautet nicht 200,6 Mrd. US-Dollar Konzernumsatz, sondern 16,6 Mrd. US-Dollar operatives Ergebnis bei AWS. Ein Jahr zuvor waren es 10,2 Mrd. US-Dollar. Damit erreichte die operative Marge des Cloudsegments rund 39 %. AWS liefert inzwischen einen erheblichen Teil des Konzerngewinns und wächst gleichzeitig wesentlich schneller als noch 2025.

Der Q2-Bericht von Amazon zeigt, wie stark sich das Tempo verändert hat: Nach 17 % AWS-Wachstum im zweiten Quartal 2025 waren es im Schlussquartal bereits 24 %, im ersten Quartal 2026 28 % und nun 37 %. Genau diese Beschleunigung macht aus der KI-Erzählung ein operatives Argument.

Amazon profitiert dabei nicht nur vom allgemeinen Wechsel in die Cloud. KI-Training, Inferenz, eigene Chips und neue Rechenzentrumsleistungen erhöhen den Infrastrukturbedarf erheblich. Reuters berichtete zudem von einem stark gestiegenen Vertragsbestand und weiterhin begrenzter verfügbarer Kapazität. Ein Teil der neuen Rechenleistung ist damit nicht auf Verdacht gebaut, sondern trifft bereits auf konkrete Nachfrage.

 

220 Milliarden Dollar sind trotzdem keine Nebensache

 

Genau hier liegt das Spannungsfeld der Aktie. Amazon will die Investitionen 2026 auf rund 220 Mrd. US-Dollar erhöhen. Das ist selbst für einen Konzern dieser Größe eine enorme Summe. Rechenzentren, Netzwerkkomponenten und KI-Hardware werden damit zu einem immer größeren Kapitalblock.

Der Preis dafür ist bereits in der Cashflow-Rechnung sichtbar. Der operative Cashflow der zurückliegenden zwölf Monate stieg zwar um 33 % auf 161,4 Mrd. US-Dollar. Der freie Cashflow drehte aufgrund der stark gestiegenen Sachinvestitionen jedoch auf minus 7,6 Mrd. US-Dollar. Ein Jahr zuvor hatte Amazon noch 18,2 Mrd. US-Dollar positiven freien Cashflow ausgewiesen.

Das ist momentan kein klassisches Finanzierungsproblem. Amazon erzeugt enorme operative Mittelzuflüsse und AWS verdient deutlich mehr. Für die Bewertung bleibt der Unterschied aber wichtig: Operativer Gewinn und freier Cashflow laufen derzeit in entgegengesetzte Richtungen. Anleger akzeptieren das, solange AWS und KI-Umsätze schneller wachsen und die neu geschaffenen Kapazitäten ausgelastet werden.

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Auch außerhalb der Cloud wird Amazon profitabler

 

Die aktuelle Stärke lässt sich nicht ausschließlich mit AWS erklären. Das Nordamerikageschäft steigerte den Umsatz um 16 % auf 116,2 Mrd. US-Dollar und erzielte 9,1 Mrd. US-Dollar operativen Gewinn. Das internationale Geschäft kam auf 42,2 Mrd. US-Dollar Umsatz und blieb mit 1,7 Mrd. US-Dollar operativem Gewinn ebenfalls klar profitabel.

Besonders attraktiv bleibt die Werbung. Die Werbeerlöse stiegen im zweiten Quartal um 26 % auf 19,8 Mrd. US-Dollar. Amazon besitzt hier einen strukturellen Vorteil: Werbung wird direkt an Kaufabsichten und Produktsuchen gekoppelt. Der Konzern monetarisiert damit denselben Kundenverkehr mehrfach – über Handelsmargen, Händlergebühren, Prime und zunehmend Werbung.

Online-Stores wuchsen gleichzeitig um 15 %, die Dienstleistungen für Drittanbieter um 16 %. Das nimmt der Amazon-Story etwas von ihrer früheren Abhängigkeit vom reinen Handelsvolumen. Der Konzern verfügt heute über mehrere große Ertragspools, deren Margen deutlich unterschiedlich sind.

 

Der Chart handelt inzwischen mehr Cloud als Onlinehandel

 

Die Börse honorierte nach den Quartalszahlen vor allem die Kombination aus AWS-Beschleunigung und hoher Profitabilität. Der Kursanstieg war damit keine klassische Reaktion auf einen etwas besseren Quartalsgewinn. Anleger haben ihre Einschätzung darüber verändert, wie schnell Amazon die riesigen KI-Investitionen monetarisieren kann.

 

 

 

Der ausgewiesene Milliardengewinn braucht eine Fußnote

 

Das Nettoergebnis von 62,6 Mrd. US-Dollar wirkt spektakulär, eignet sich aber nur eingeschränkt als Maßstab für die operative Entwicklung. Darin steckt ein nicht operativer Vorsteuergewinn von 53,4 Mrd. US-Dollar, der vor allem auf die Bewertung der Amazon-Beteiligung an Anthropic zurückgeht.

Für die Einschätzung des Kerngeschäfts sind deshalb Umsatz, operatives Ergebnis und Segmententwicklung wesentlich aussagekräftiger als der ausgewiesene Nettogewinn je Aktie. Gerade bei Amazon zeigt dieses Quartal, wie stark Beteiligungsbewertungen das Periodenergebnis verzerren können, ohne dass entsprechend viel zusätzlicher Cashflow im operativen Geschäft entstanden ist.

 

Das dritte Quartal muss keine weitere Explosion liefern

 

Für das laufende dritte Quartal erwartet Amazon Umsätze zwischen 197 und 202 Mrd. US-Dollar. Das entspräche einem Wachstum von 9 bis 12 %. Das operative Ergebnis soll zwischen 22,5 und 26,5 Mrd. US-Dollar liegen, nach 17,4 Mrd. US-Dollar im Vorjahresquartal. Amazon weist zugleich darauf hin, dass die Verschiebung des Prime-Day-Effekts den direkten Umsatzvergleich verzerrt.

Damit liegt die Messlatte inzwischen an einer anderen Stelle. Amazon muss nicht jedes Quartal mit 20 % Konzernwachstum überraschen. Wichtiger ist, ob AWS sein hohes Tempo hält und die Milliardeninvestitionen genügend zusätzliche Cloud- und KI-Umsätze erzeugen.

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Genau deshalb wirkt Amazon derzeit stärker als noch zu Beginn des Jahres. Der Konzern investiert zwar aggressiver denn je, doch AWS liefert erstmals eine Beschleunigung, die diese Ausgaben überzeugender rechtfertigt. Solange dieser Zusammenhang hält, kann der Markt den schwachen freien Cashflow tolerieren. Sollte das Cloudwachstum jedoch nachlassen, während die Investitionsrechnung auf diesem Niveau bleibt, würde aus Amazons größter Stärke schnell wieder die zentrale Bewertungsfrage.

 

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20.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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