Bayer ist mehr als die Roundup-Wette
Nach dem Supreme-Court-Erfolg liefern nun auch Crop Science, Schuldenabbau und die Pharma-Pipeline Argumente – doch der endgültige Befreiungsschlag steht noch aus
Bayer hat an der Börse lange fast nur über ein einziges Thema funktioniert: Glyphosat. Gute Pharmadaten, Agrarwachstum oder Sparprogramme wurden regelmäßig von neuen US-Rechtsrisiken überlagert. Im Sommer 2026 verändert sich dieses Muster. Der Supreme Court hat Bayer rechtlich deutlich entlastet, das zweite Quartal fiel besser aus als erwartet, und selbst die Verschuldung beginnt wieder weniger bedrohlich auszusehen. Damit muss der Markt den Konzern erstmals seit Langem wieder breiter bewerten.
Bayer AG (DE000BAY0017) meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 10,872 Mrd. Euro. Währungs- und portfoliobereinigt entsprach das einem Wachstum von 2,2 %. Das EBITDA vor Sondereinflüssen stieg um 1,9 % auf 2,144 Mrd. Euro und lag damit über den Markterwartungen. Das klingt nicht nach spektakulärem Wachstum. Für Bayer ist es dennoch wichtig, weil die operative Entwicklung nicht mehr gegen eine ständig größer werdende Rechtskrise anlaufen muss.
Auch der Aktienkurs erzählt inzwischen eine andere Geschichte. Nach dem starken Sprung infolge der Entscheidung des US Supreme Court konsolidierte der Titel zuletzt wieder. Am Freitag schloss Bayer auf Xetra bei 47,79 Euro. Damit bleibt die Aktie deutlich über den Tiefständen des vergangenen Jahres, ohne dass der Markt bereits einen vollständigen Schlussstrich unter die Altlasten zieht.
Crop Science liefert ausgerechnet jetzt
Der stärkste Ergebnisbeitrag kam im zweiten Quartal aus jenem Geschäft, das durch Monsanto zum größten strategischen Problem des Konzerns geworden war. Crop Science steigerte den Umsatz währungs- und portfoliobereinigt um 3,5 % auf 4,910 Mrd. Euro. Das EBITDA vor Sondereinflüssen sprang um 30,2 % auf 902 Mio. Euro, die entsprechende Marge verbesserte sich auf 18,4 %.
Hinter dem Ergebnis stehen nicht nur Kostensenkungen. Bayer profitierte unter anderem von höherem Geschäft mit Soja- und Baumwollsaatgut sowie von stärkeren Umsätzen mit glyphosatbasierten Herbiziden. Der aktuelle Halbjahresbericht zeigt damit einen wichtigen Gegensatz: Während Roundup juristisch jahrelang Milliarden vernichtete, bleibt Glyphosat operativ ein relevantes und profitables Agrarprodukt.
Genau deshalb bekommt die Verbesserung bei Crop Science zusätzliches Gewicht. CEO Bill Anderson braucht nicht nur eine juristische Begrenzung der Monsanto-Folgen. Er braucht ein Agrargeschäft, das wieder selbst ausreichend Rendite erwirtschaftet, um Investitionen und Schuldenabbau zu tragen. Das zweite Quartal war dafür ein gutes Signal.
Der Supreme Court hat die Ausgangslage verändert
Der größte Wendepunkt des Jahres kam dennoch aus Washington. Der US Supreme Court entschied Ende Juni mit 7 zu 2 Stimmen zugunsten von Bayer beziehungsweise Monsanto und begrenzte damit zentrale sogenannte Failure-to-Warn-Klagen. Weil die US-Umweltbehörde EPA für Glyphosat keine Krebswarnung auf dem Produktetikett verlangt, können Bundesstaaten nach der Entscheidung nicht ohne Weiteres zusätzliche Warnpflichten über ihr jeweiliges Recht durchsetzen.
Die Entscheidung beseitigt nicht sämtliche Rechtsrisiken. Sie schwächt aber einen zentralen juristischen Ansatz vieler Kläger erheblich. Reuters berichtete nach dem Urteil von einem der stärksten Bayer-Kurssprünge seit mehr als zwei Jahrzehnten. Der Markt hatte jahrelang einen hohen Risikoabschlag für potenziell immer neue Glyphosatforderungen angesetzt. Dieser Abschlag kann nun zumindest teilweise schrumpfen.
September bleibt trotzdem ein Gerichtstermin für die Börse
Ein endgültiger Schlussstrich ist noch nicht gezogen. Bayer will mit einem vorgeschlagenen Vergleich über 7,25 Mrd. US-Dollar einen großen Teil der bestehenden und künftigen Roundup-Fälle in den USA erledigen. Rund 65.000 Ansprüche stehen weiterhin im Raum. Gleichzeitig gibt es Klägeranwälte, die den Vergleich und insbesondere die Regeln für einen Austritt aus der Sammelvereinbarung kritisieren.
Die ursprünglich für August geplante abschließende Anhörung wurde inzwischen auf den 14. September verschoben. Bayer selbst dokumentiert den neuen Termin in seiner Übersicht zur Roundup-Litigation. Für die Aktie bleibt das wichtig: Der Supreme-Court-Erfolg hat die Verhandlungsposition verbessert, aber der Markt wird einen Teil des Risikoabschlags erst dann vollständig abbauen, wenn auch der Vergleich rechtlich belastbarer geworden ist.
Die Pharma-Sparte muss alte Blockbuster ersetzen
Während Crop Science positiv überraschte, bleibt Pharmaceuticals im Übergang. Der Umsatz lag mit 4,458 Mrd. Euro nahezu auf Vorjahresniveau. Das EBITDA vor Sondereinflüssen sank um 3,6 % auf 1,055 Mrd. Euro. Hauptproblem sind die erwarteten Rückgänge bei alten Umsatzträgern: Xarelto verlor währungs- und portfoliobereinigt 42,4 %, Eylea 32,8 %.
Dagegen wachsen die neuen Produkte schnell. Nubeqa legte um 63,9 % zu, Kerendia sogar um 82,9 %. Bayer investiert zugleich verstärkt in die Vermarktung von Nubeqa, Kerendia und dem Menopause-Medikament Lynkuet. Hinzu kommt Asundexian, das nach dem Rückschlag von 2023 mit positiven Phase-III-Daten zur Schlaganfallprävention wieder zu einem relevanten Pipelinewert geworden ist.
Die Pharmafrage ist deshalb keine Frage des fehlenden Wachstums, sondern des Timings. Die neuen Medikamente müssen schnell genug skalieren, um Patentverluste und rückläufige Altprodukte aufzufangen. Gelingt das, verliert Bayer neben dem Rechtsrisiko auch ein zweites Argument für den bisherigen Bewertungsabschlag.
Der Konzern muss dafür bewusst höhere Vertriebs- und Einführungskosten akzeptieren. Kurzfristig belastet das die Pharma-Marge. Strategisch wäre es gefährlicher, den Übergang zu den neuen Produkten zu langsam zu finanzieren. Bayer braucht derzeit Cashdisziplin, darf sich aber nicht in eine reine Spargeschichte verwandeln.
Beim Schuldenabbau gibt es erstmals wieder Luft
Der zweite große Fortschritt steckt in der Bilanz. Ende Juni lag die Nettofinanzverschuldung noch bei 33,647 Mrd. Euro. Bayer erwartet für das Jahresende inzwischen jedoch nur noch 29 bis 30 Mrd. Euro statt zuvor 32 bis 33 Mrd. Euro. Möglich wird das vor allem durch eine Transaktion mit von Apollo verwalteten Fonds, die für 3 Mrd. Euro eine nicht kontrollierende Minderheitsbeteiligung am Geschäft mit langwirksamen Verhütungsmitteln erhalten.
Das ist mehr als Bilanzkosmetik. Hohe Verschuldung, Rechtsrisiken und Patentverluste haben sich bei Bayer jahrelang gegenseitig verstärkt. Wenn wenigstens zwei dieser drei Belastungen deutlich kleiner werden, erhält das Management wieder strategischen Spielraum. Der Free Cashflow zeigt allerdings, dass der Weg noch nicht abgeschlossen ist: Im zweiten Quartal lag er auch wegen höherer Vergleichszahlungen bei minus 371 Mio. Euro.
Die Aktie handelt nicht mehr nur Schadensbegrenzung
Bayer ist damit noch keine saubere Turnaround-Geschichte. Der Roundup-Vergleich braucht weitere juristische Absicherung, Pharma befindet sich mitten im Produktwechsel und die Verschuldung bleibt hoch. Aber der Bewertungsrahmen hat sich verändert. Zum ersten Mal seit Jahren können Anleger wieder mehrere positive Entwicklungen gleichzeitig erkennen, statt jede operative Verbesserung sofort gegen eine neue Monsanto-Belastung aufzurechnen.
Genau darin liegt die Chance der Aktie. Wenn Crop Science seine Margenerholung bestätigt, Nubeqa und Kerendia weiter wachsen, die neuen Pharma-Produkte nachziehen und die Nettofinanzverschuldung tatsächlich Richtung 30 Mrd. Euro fällt, könnte aus der bisherigen Erholungsbewegung eine fundamental besser unterlegte Neubewertung werden. Der nächste große Termin dafür liegt nicht in einem Quartalsbericht, sondern vorerst am 14. September in Missouri.
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17.08.2026 - Christian Teitscheid

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