Gold gerät zwischen Iran-Risiko und Inflationsfalle
Washington kündigt eine massive Verschärfung der Iran-Sanktionen an, während Angriffe auf Energieinfrastruktur in Russland einen zweiten geopolitischen Preiskanal öffnen – für Gold ist das nicht automatisch bullish
Die geopolitische Risikoprämie ist zurück, doch sie wirkt anders als in klassischen Krisenphasen. Washington erhöht den wirtschaftlichen Druck auf Teheran, der Verkehr durch die Straße von Hormus bleibt gestört und ukrainische Angriffe treffen erneut russische Energieanlagen. Statt Gold uneingeschränkt nach oben zu ziehen, treibt diese Gemengelage zugleich Ölpreise und Inflationssorgen – und damit genau jene Zinsrisiken, die dem Edelmetall am Donnerstag einen Teil seiner jüngsten Gewinne nahmen.
Diese gegenläufige Reaktion prägt den Handel mit Gold (TVC:GOLD). Nach dem kräftigen Anstieg vom Mittwoch setzte am Donnerstag Gewinnmitnahme ein. Reuters bezifferte den Spotpreis um 09:53 Uhr New Yorker Zeit beziehungsweise 15:53 Uhr MESZ auf 4.484,95 US-Dollar je Feinunze, 0,8 Prozent unter dem Vortagesniveau. Die US-Gold-Futures notierten zu diesem Zeitpunkt bei 4.539,50 US-Dollar und damit 0,1 Prozent schwächer. Am Dienstag hatte Reuters für den maßgeblichen Dezember-Kontrakt noch 4.420,60 US-Dollar ausgewiesen. Die starke Bewegung der vergangenen beiden Sitzungen zeigt damit zugleich, wie schnell geopolitische und geldpolitische Signale derzeit neu bewertet werden.
Washington verlagert den Iran-Konflikt auf die wirtschaftliche Front
Der wichtigste neue geopolitische Impuls kam am Donnerstag aus Washington. US-Finanzminister Scott Bessent kündigte nach einem Reuters-Bericht die nach seinen Worten bislang härtesten Sanktionen gegen Iran an. Details sollen am Montag folgen. Gleichzeitig forderte er China zur Kooperation auf. Damit verbreitert sich der Konflikt: Es geht nicht mehr ausschließlich um militärische Eskalation und die Blockade Irans, sondern zunehmend um die Frage, welche Staaten weiterhin Handel mit Teheran treiben und welche Sekundärfolgen Washington daraus ableitet.
Für den Goldmarkt ist diese Verschiebung wesentlich. China ist nicht nur ein zentraler Akteur im weltweiten Goldmarkt, sondern zugleich ein bedeutender Abnehmer iranischer Energie. Sollten die angekündigten US-Maßnahmen den Handel mit Iran stärker auf Drittstaaten ausweiten, entsteht neben dem militärischen Risiko ein neues Sanktions- und Handelsrisiko. Dieses kann sichere Häfen stützen, gleichzeitig aber auch Lieferketten, Energiepreise und Inflation belasten. Die klassische Gleichung „mehr Geopolitik gleich höherer Goldpreis“ wird dadurch deutlich komplizierter.
Hinzu kommt, dass die diplomatische Entspannung am Golf erneut weiter entfernt erscheint. Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten nach einem Raketenalarm sämtliche Handelsaktivitäten und Finanztransaktionen mit Iran bis auf Weiteres ausgesetzt. Bereits am Mittwoch wurden dadurch die Ölpreise nach oben gezogen. Am Donnerstag erreichten sie laut Reuters-Energiemarktbericht neue Dreiwochenhochs. Gleichzeitig bleibt der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus beeinträchtigt. Für Gold entsteht daraus eine paradoxe Situation: Die geopolitische Unsicherheit erhöht grundsätzlich den Absicherungsbedarf, doch dieselbe Unsicherheit verteuert Energie und hält die Gefahr hartnäckiger Inflation hoch.
Zwei Kriege treffen denselben Inflationskanal
Der Nahe Osten ist dabei nicht die einzige geopolitische Quelle höherer Energiepreise. Die ukrainischen Streitkräfte meldeten am Donnerstag Angriffe auf die russische TANECO-Raffinerie in Tatarstan und das Ölterminal Tamanneftegaz in der Region Krasnodar. Nach Angaben des Berichts zu den Angriffen auf russische Energieanlagen entstanden an beiden Standorten Brände. Damit richtet sich der wirtschaftliche Teil des Ukraine-Krieges weiterhin gezielt gegen Verarbeitung und Transport russischer Energieträger.
Für den Edelmetallmarkt überlagern sich dadurch zwei geografisch getrennte Konflikte in einem gemeinsamen Übertragungskanal. Im Persischen Golf geht es um die Verfügbarkeit von Rohöl und sichere Transportwege, in Russland zunehmend um Raffinerien, Terminals und die Versorgung mit Produkten. Je stärker sich solche Störungen in Energie- und Transportkosten niederschlagen, desto schwieriger wird die geldpolitische Reaktion. Gold profitiert zwar von politischer Unsicherheit, verliert jedoch einen Teil dieses Vorteils, wenn die Konsequenz höhere nominale oder reale Renditen sind.
Genau dieser Mechanismus erklärt, warum der Goldpreis trotz der Verschärfung gegenüber Iran am Donnerstag nicht einfach weiterlief. Die am Mittwoch veröffentlichten Protokolle der Juli-Sitzung der Federal Reserve zeigten, dass mehrere Mitglieder für weitere Zinserhöhungen offen waren, falls die Inflation nicht ausreichend zurückgeht. Der Anstieg der Ölpreise macht dieses Risiko für den Markt wieder greifbarer. Die geopolitische Prämie konkurriert deshalb unmittelbar mit einer geldpolitischen Risikoprämie.
Der sichere Hafen wird zum Preis der Energie bewertet
Hinzu kommt die außergewöhnliche Vorgeschichte des Donnerstags. Einen Tag zuvor hatte die überraschende Ausweitung der US-Treasury-Buybacks für langlaufende Staatsanleihen einen starken Renditerückgang und einen schwächeren Dollar ausgelöst. Spot-Gold stieg dabei laut Marktbericht vom Mittwoch zeitweise auf 4.499,20 US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit Anfang Juni. Die heutige Abgabe unterhalb dieses Hochs ist deshalb auch als Konsolidierung nach einem außergewöhnlich kräftigen Vortagesimpuls zu lesen.
Der Dollar blieb am Donnerstag vergleichsweise schwach und hatte zwischenzeitlich gegenüber dem Euro ein Dreimonatstief erreicht. Normalerweise wäre dies ein weiterer Vorteil für Gold. Dass der Preis dennoch nachgab, zeigt, wie stark die Öl- und Zinsperspektive derzeit gegen diesen Währungseffekt arbeitet. Die Marktreaktion ist damit weniger ein Rückzug aus dem sicheren Hafen als eine Neubewertung dessen, wie teuer dieser Hafen in einem Umfeld möglicherweise länger hoher Zinsen gehalten werden muss.
Geopolitisch verschiebt sich die Beobachtung nun weg von einzelnen militärischen Zwischenfällen hin zur wirtschaftlichen Eskalationskette. Entscheidend für die Preisbildung ist nicht allein, ob Washington oder Teheran ihre Rhetorik verschärfen. Relevanter wird, ob neue US-Sanktionen weitere Staaten erfassen, wie China darauf reagiert und ob der Druck den Verkehr durch Hormus zusätzlich beeinträchtigt. Ein Konflikt, der über Sanktionen und Energieversorgung ausgetragen wird, kann Gold zugleich absichern und über höhere Zinsen belasten.
Das erklärt auch die ungewöhnliche Widerstandsfähigkeit des Preises nach der Mittwochsrally. Trotz Gewinnmitnahmen hielt sich der Spotmarkt am Nachmittag nur wenig unter 4.500 US-Dollar. Solange der Iran-Konflikt keinen belastbaren diplomatischen Ausweg findet und gleichzeitig russische Energieinfrastruktur Ziel des Ukraine-Krieges bleibt, verschwindet der geopolitische Unterbau des Goldpreises nicht. Seine Wirkung wird jedoch davon abhängen, ob daraus vor allem Flucht in sichere Vermögenswerte oder ein neuer Inflationsschub entsteht.
Stand: Donnerstagabend, 20.08.2026, europäische Abendphase. Die zuletzt belastbar verifizierten Spot- und Future-Angaben stammen aus dem laufenden US-Handel. Der US-Terminhandel war zum Zeitpunkt der Erstellung noch nicht abgeschlossen; ein endgültiger COMEX-Schlusskurs beziehungsweise ein offizielles Settlement lag noch nicht vor.
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20.08.2026 - Jörg Möller

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