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Wachstum ist nicht gleich Qualität

Microsoft monetarisiert KI bereits im Kerngeschäft, Palantir beschleunigt mit ungewöhnlichen Margen, JD kämpft um profitables Wachstum – und SpaceX verlangt Anlegern nach dem Rekord-IPO einen besonders großen Vertrauensvorschuss ab

NTG24 - Wachstum ist nicht gleich Qualität

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

An der Börse werden derzeit sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle mit demselben Etikett versehen: Wachstum. Doch zwischen zusätzlichem Cloud-Umsatz, neuen Regierungsaufträgen, einem chinesischen Preiskampf und Milliardeninvestitionen in Satelliten, Raketen und KI-Rechenleistung liegen Welten. Microsoft, Palantir, JD.com und SpaceX zeigen deshalb gerade besonders deutlich, warum Anleger nicht nur auf die Geschwindigkeit des Wachstums achten sollten. Entscheidend ist, wie teuer dieses Wachstum erkauft wird – und wie viel davon bereits im Kurs steckt.

Microsoft (US5949181045) besitzt dabei die komfortabelste Ausgangslage. Der Konzern muss KI nicht erst als neues Geschäftsmodell erfinden. Er kann sie in Azure, Microsoft 365, GitHub, Sicherheitsprodukte und Unternehmenssoftware hineinverkaufen. Im vierten Geschäftsquartal 2025/2026 stieg der Umsatz um 18 % auf 90,0 Mrd. US-Dollar, der Nettogewinn erreichte auf GAAP-Basis 35,8 Mrd. US-Dollar.

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Das eigentlich beeindruckende Signal kam erneut aus der Cloud. Azure und andere Cloud-Dienste legten um 43 % zu, Microsoft Cloud insgesamt um 27 % auf 59,3 Mrd. US-Dollar. Gleichzeitig erreichten die noch nicht realisierten kommerziellen Leistungsverpflichtungen 678 Mrd. US-Dollar. Der jüngste Quartalsbericht von Microsoft liefert damit etwas, das im KI-Boom keineswegs selbstverständlich ist: sehr starkes Wachstum auf bereits enormer Umsatzbasis.

Genau darin liegt der Unterschied zu vielen jüngeren KI-Wetten. Microsoft muss nicht beweisen, dass Nachfrage existiert. Der Konzern muss beweisen, dass die dafür notwendigen Investitionen langfristig ausreichend hohe Renditen abwerfen. Das ist eine anspruchsvollere, aber deutlich bessere Ausgangslage.

 

Microsofts Risiko steckt inzwischen auf der anderen Seite der Erfolgsrechnung

 

Die Debatte hat sich deshalb verschoben. Lange fragten Anleger, ob generative KI tatsächlich genügend Umsatz erzeugen kann. Bei Microsoft lautet die Frage inzwischen eher, wie viel Kapital nötig ist, um diese Nachfrage zu bedienen. Das Unternehmen investiert massiv in Rechenzentren, GPUs, CPUs, Speicher und eigene KI-Infrastruktur. Schon im Frühjahr hatte das Management für das Kalenderjahr 2026 Investitionen in einer Größenordnung von rund 190 Mrd. US-Dollar in Aussicht gestellt.

Diese Beträge wären bei schwacher Nachfrage ein Warnsignal. Microsoft meldet jedoch weiter Kapazitätsengpässe. Genau das macht die Rechnung interessant: Die hohen Investitionen drücken auf den freien Cashflow und teilweise auf die Cloud-Marge, gleichzeitig begrenzt fehlende Infrastruktur noch immer die Umsatzmöglichkeiten. Anleger bezahlen damit weniger eine theoretische KI-Zukunft als die Fähigkeit des Konzerns, verfügbare Rechenleistung schnell in zahlende Nutzung umzuwandeln.

Nach den jüngsten Zahlen reagierte die Börse entsprechend stark. Der Markt akzeptiert die hohen Investitionen derzeit wieder eher, weil Azure schneller wächst und Microsoft zeigt, dass sich KI-Nachfrage durch mehrere bestehende Produktwelten monetarisieren lässt. Für die weitere Neubewertung dürfte deshalb nicht der nächste Copilot-Slogan entscheidend sein, sondern das Verhältnis zwischen zusätzlichem Capex, Cloud-Wachstum und Cashflow.

Microsoft steht damit für die vergleichsweise erwachsene Variante der KI-Wette. Die Technologie muss nicht mehr beweisen, dass sie Umsatz erzeugt. Sie muss beweisen, dass die enorme Infrastruktur dahinter einen dauerhaft attraktiven Kapitalertrag ermöglicht.

 

Palantir hat ein anderes Problem: Die Zahlen sind fast zu gut für eine normale Bewertung

 

Palantir Technologies (US69608A1088) befindet sich operativ in einer deutlich explosiveren Phase. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 93 % auf 1,94 Mrd. US-Dollar. Noch extremer entwickelte sich das US-Geschäft: Die Erlöse dort legten um 115 % auf 1,57 Mrd. US-Dollar zu.

Das US-Kommerzgeschäft wuchs um 149 % auf 764 Mio. US-Dollar, die Erlöse mit der US-Regierung um 90 % auf 809 Mio. US-Dollar. Palantir meldete zudem ein bereinigtes operatives Ergebnis von 1,19 Mrd. US-Dollar und einen bereinigten freien Cashflow von 1,22 Mrd. US-Dollar. Selbst für einen Softwarekonzern sind diese Relationen ungewöhnlich.

Die Q2-Unterlagen von Palantir zeigen außerdem, wie schnell größere Verträge hinzukommen. Im Quartal wurden 220 Abschlüsse mit einem Volumen von mindestens 1 Mio. US-Dollar gemeldet, darunter 73 Geschäfte über jeweils mindestens 10 Mio. US-Dollar. Die Jahresprognose wurde auf rund 8,15 bis 8,16 Mrd. US-Dollar Umsatz angehoben.

Damit ist Palantir längst keine Aktie mehr, bei der Anleger darüber streiten müssen, ob künstliche Intelligenz kommerziell relevant werden könnte. Die Nachfrage ist sichtbar. Die schwierigere Frage liegt in der Bewertung: Wie viele Jahre außergewöhnlichen Wachstums darf eine Aktie bereits heute vorwegnehmen?

 

Amerikas Stärke wird gleichzeitig zur geografischen Schwäche

 

Palantirs außergewöhnliches Wachstum hat eine auffällige geografische Schlagseite. Besonders US-Regierungsstellen und amerikanische Unternehmen treiben das Geschäft. Verteidigung, Nachrichtendienste, industrielle Anwendungen und AIP-Projekte verstärken sich gegenseitig. Gerade in einem Umfeld hoher Verteidigungsausgaben und zunehmender Bedeutung souveräner Datenplattformen ist das ein mächtiger Wachstumsmotor.

Außerhalb der USA ist die Dynamik schwächer. Das ist nicht nur ein Vertriebsthema. In Europa berührt Palantir politische Fragen rund um Datensouveränität, Geheimdienste, öffentliche Verwaltung und Abhängigkeit von US-Technologie. Ein aktueller Blick auf Palantirs internationale Position zeigt, dass gerade die enge Verbindung zur amerikanischen Sicherheits- und Regierungsinfrastruktur außerhalb des Heimatmarktes nicht überall als Vorteil verstanden wird.

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Werbebanner Zürcher Börsenbriefe Special 4 kleinFür die Aktie entsteht daraus ein interessanter Widerspruch. Palantir wächst derzeit genau dort am schnellsten, wo das Unternehmen strategisch am stärksten positioniert ist. Gleichzeitig erhöht diese Konzentration die Abhängigkeit von einem einzelnen politischen und wirtschaftlichen Raum. Solange das US-Geschäft dreistellig wächst, fällt das kaum ins Gewicht. Bei einer späteren Normalisierung könnte internationale Skalierbarkeit wesentlich wichtiger werden.

Die operative Qualität rechtfertigt deshalb einen Aufschlag. Sie rechtfertigt aber nicht automatisch jeden Preis. Palantir ist inzwischen eine Aktie, bei der selbst ausgezeichnete Geschäftszahlen enttäuschen können, wenn sie irgendwann nur noch ausgezeichnet statt außergewöhnlich sind.

 

JD.com erlebt das Gegenteil: Der Umsatz enttäuscht, die Gewinnrechnung verbessert sich

 

JD.com (US47215P1066) liefert derzeit eine wesentlich weniger glamouröse Analyse. Im zweiten Quartal sank der Umsatz um 2,9 % auf 346,4 Mrd. Yuan. Für einen Konzern, der seit seinem Börsengang jahrelang vor allem über Wachstum definiert wurde, ist ein Umsatzrückgang ein sichtbarer Einschnitt.

Unterhalb dieser Linie verbesserte sich das Bild jedoch deutlich. Das operative Ergebnis erreichte 4,5 Mrd. Yuan nach einem Verlust von 0,9 Mrd. Yuan im Vorjahresquartal. Der auf die Aktionäre entfallende Nettogewinn stieg auf 7,1 Mrd. Yuan. Das Kerngeschäft JD Retail erwirtschaftete eine operative Marge von 4,6 %.

Der Q2-Bericht von JD.com erklärt einen Teil der Verbesserung mit geringeren Marketingausgaben und sinkenden Belastungen aus neuen Geschäftsbereichen. Gerade der aggressive Einstieg in Essenslieferungen hatte zuvor viel Geld gekostet. Jetzt versucht JD, aus diesem Expansionsschritt ein kontrollierbareres Geschäftsmodell zu machen.

Für Anleger ist das fast das Gegenstück zu Palantir. Bei Palantir ist Wachstum reichlich vorhanden und die Frage lautet, was man dafür bezahlen darf. Bei JD ist die Bewertung wesentlich zurückhaltender, dafür muss der Konzern erst zeigen, dass Profitabilität nicht lediglich durch weniger aggressives Wachstum erkauft wird.

Hinzu kommt ein zweiter Konflikt, der inzwischen weit über den chinesischen Onlinehandel hinausreicht. JD will mit der geplanten Übernahme von Ceconomy deutlich stärker nach Europa expandieren. Dadurch würde der Konzern über MediaMarkt und Saturn einen großen stationären und digitalen Vertriebskanal erhalten. Doch genau dieses Vorhaben ist mittlerweile zu einem politischen und regulatorischen Thema geworden.

 

Ceconomy macht aus JD plötzlich auch eine geopolitische Aktie

 

Die EU prüft die Transaktion unter der Foreign Subsidies Regulation. Am heutigen Donnerstag wurde bekannt, dass JD.com Zugeständnisse eingereicht hat, um Bedenken der europäischen Wettbewerbshüter auszuräumen. Einen Tag zuvor hatte China wiederum heimische Unternehmen und Institutionen angewiesen, bestimmte Informationsanforderungen im Zusammenhang mit der EU-Prüfung nicht zu unterstützen.

Damit verändert sich die Risikostruktur. Der aktuelle Stand des Ceconomy-Verfahrens zeigt, dass JD nicht nur eine Übernahme finanzieren und integrieren muss. Der Konzern bewegt sich zwischen europäischer Subventionskontrolle und chinesischer Gegenwehr gegen ausländische Ermittlungsbefugnisse.

Operativ könnte Ceconomy JD einen interessanten europäischen Brückenkopf liefern. Strategisch erhöht der Deal aber die Komplexität genau in einer Phase, in der das chinesische Kerngeschäft nicht wächst. Für die Aktie ist deshalb nicht allein entscheidend, ob Brüssel zustimmt. Wichtiger ist, ob JD aus der internationalen Expansion tatsächlich zusätzliche Rendite ziehen kann, ohne die gerade verbesserte Ertragsdisziplin wieder zu verlieren.

 

SpaceX ist inzwischen börsennotiert – und damit messbarer als der Mythos

 

Die extremste Variante dieser vier Wachstumsmodelle liefert SpaceX. (US84615Q1031). Seit dem Börsengang im Juni kann der Kapitalmarkt erstmals täglich darüber abstimmen, welchen Preis er für Starlink, Raumfahrt, Starship und die inzwischen stark ausgebaute KI-Infrastruktur bezahlen will.

Der IPO wurde zu 135 US-Dollar je Aktie durchgeführt. Schon wenige Tage später schoss der Kurs zeitweise weit darüber, anschließend folgte eine ebenso heftige Korrektur. Im August bewegte sich der Titel erneut in der Nähe des Emissionsniveaus, wobei die starken Schwankungen deutlich machen, dass sich für eine so junge Börsenhistorie kaum belastbare technische Langfristmarken ableiten lassen.

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Operativ liefert SpaceX bemerkenswerte Wachstumsraten. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz auf rund 7,8 Mrd. US-Dollar und damit um 92 % gegenüber dem Vorjahr. Allein das Connectivity-Geschäft mit Starlink erreichte 4,29 Mrd. US-Dollar Umsatz. Die Zahl der Starlink-Kunden verdoppelte sich binnen eines Jahres auf 12 Mio.

Der erste Quartalsbericht von SpaceX als börsennotiertes Unternehmen zeigt allerdings auch, warum die Aktie so schwer zu bewerten ist. Neben Starlink fließen riesige Summen in Starship und inzwischen insbesondere in KI-Recheninfrastruktur. Allein die gesamten Investitionen des zweiten Quartals lagen in einer Größenordnung von mehr als 18 Mrd. US-Dollar.

 

 

 

Starlink verdient Geld, während SpaceX bereits die nächste Kapitalwette eingeht

 

Genau darin steckt die Besonderheit von SpaceX. Starlink ist nicht mehr nur Zukunftsmusik. Das Connectivity-Segment erzielte im zweiten Quartal ein operatives Ergebnis von rund 1,66 Mrd. US-Dollar und ein bereinigtes EBITDA von knapp 2,6 Mrd. US-Dollar. Das Satellitennetz beginnt damit tatsächlich, einen Teil der übrigen Expansionsprojekte zu finanzieren.

Gleichzeitig reicht SpaceX diese Cash-Maschine nicht aus. Der Konzern investiert parallel in Starship, neue Starlink-Generationen sowie massiv in KI-Rechenleistung. Genau dieser Schritt macht die Aktie inzwischen nicht mehr nur zu einer Raumfahrtwette. Sie verbindet Telekommunikation, staatliche Infrastruktur, Raketentechnik und KI-Capex in einem einzigen Bewertungsmodell.

Das kann enorme Skaleneffekte erzeugen. Es kann aber ebenso zu einem Kapitalbedarf führen, der selbst sehr schnell wachsende Starlink-Erträge überfordert. Die ersten öffentlichen Zahlen zeigen daher nicht nur die beeindruckende Wachstumsseite von SpaceX. Sie machen endlich auch sichtbar, wie teuer die Ambition ist.

Der Kapitalmarkt muss zudem erst lernen, mit der Aktie umzugehen. Der IPO-Preis lag bei 135 US-Dollar, danach erreichte der Titel innerhalb weniger Handelstage Kurse von mehr als 200 US-Dollar und fiel später zeitweise deutlich darunter. Solche Ausschläge sagen derzeit weniger über den fairen Wert aus als über die enorme Unsicherheit, welches Vielfache Anleger auf ein Konglomerat aus Satelliteninternet, Raumfahrt und KI anwenden sollen.

 

Die attraktivste Geschichte ist nicht automatisch die attraktivste Aktie

 

Genau hier laufen die vier Fälle zusammen. Microsoft besitzt die stärkste Kombination aus bestehender Profitabilität, KI-Nachfrage und diversifizierter Monetarisierung. Der Preis dafür ist ein enormer Investitionsbedarf, dessen Rendite zunehmend über den freien Cashflow beurteilt werden dürfte.

Palantir wächst deutlich schneller und liefert gleichzeitig Margen, die kaum noch zu einem klassischen Wachstumsunternehmen passen. Dafür verlangt die Bewertung, dass außergewöhnliche Wachstumsraten ungewöhnlich lange anhalten. JD.com ist wesentlich billiger bewertet, kämpft aber mit einer stagnierenden Umsatzbasis, chinesischem Wettbewerb und einer europäischen Expansion, die politisch komplizierter wird. SpaceX schließlich bietet womöglich das größte langfristige industrielle Potenzial – verbindet dieses aber mit extremem Kapitalbedarf und einer Börsenbewertung, für die es kaum historische Vergleichswerte gibt.

Damit ist ausgerechnet die spektakulärste Story nicht zwangsläufig die interessanteste Anlage. Microsoft kann mit weniger Wachstum mehr Qualität liefern, Palantir mit mehr Wachstum schneller in eine zu hohe Erwartung hineinlaufen, JD trotz schwacher Umsätze durch Margendisziplin überraschen und SpaceX gleichzeitig ein außergewöhnliches Unternehmen und eine schwer zu rechtfertigende Aktie sein. Für Anleger entscheidet deshalb nicht, welches Unternehmen die eindrucksvollste Zukunft erzählt. Entscheidend ist, wie viel dieser Zukunft heute bereits bezahlt werden muss.

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20.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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