Nordex macht aus Aufträgen wieder Gewinne
Das zweite Quartal bringt mehr Umsatz, einen positiven freien Cashflow und eine Marge von über 10 Prozent – die Aktie reagiert deutlich
Nordex liefert der Börse genau jene Zahlen, die dem Windkraftanlagenbauer lange gefehlt haben. Der Auftragseingang wächst kräftig, die Profitabilität steigt schneller als erwartet und selbst der freie Cashflow ist positiv. Damit verändert sich die Geschichte hinter der Aktie: Aus dem langjährigen Sanierungs- und Hoffnungstitel wird zunehmend ein Industrieunternehmen, das hohe Nachfrage tatsächlich in Ergebnisse übersetzt.
Nordex (DE000A0D6554) steigerte den Umsatz im zweiten Quartal 2026 um 16,3 % auf rund 2,2 Mrd. Euro. Das EBITDA hat sich mit 223,8 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahresquartal mehr als verdoppelt. Die dazugehörige Marge sprang von 5,8 % auf 10,3 % und lag damit bereits innerhalb des mittelfristig angestrebten Korridors.
Die Börse nahm die Zahlen freundlich auf. Am Mittwochvormittag wurde die Aktie je nach Handelsplatz und Zeitpunkt im Bereich um 39 Euro und damit mehrere Prozent über dem vorherigen Xetra-Schluss gehandelt. Trotz dieser Reaktion bleibt der Titel deutlich unter dem im Frühjahr erreichten Jahreshoch. Die Zahlen lösen deshalb weniger eine neue Euphorie aus als eine erneute Prüfung der alten Hochbewertung.
Die Marge ist diesmal die eigentliche Nachricht
Ein hoher Auftragseingang ist bei Windkraftanlagenbauern allein noch kein Qualitätsmerkmal. Entscheidend sind Preise, Projektabwicklung, Lieferketten und Garantiekosten. Nordex hatte über Jahre darunter gelitten, dass steigende Material- und Transportkosten nur verzögert an Kunden weitergegeben werden konnten. Genau dieses Problem scheint inzwischen deutlich besser kontrolliert zu sein.
Der Blick in den Halbjahresbericht von Nordex zeigt eine klare Verbesserung. Der Quartalsüberschuss stieg von 31,0 Mio. Euro auf 111,5 Mio. Euro. Im gesamten ersten Halbjahr erreichte die EBITDA-Marge 9,4 %. Nach 8,2 % im Auftaktquartal hat sich die operative Entwicklung damit noch einmal beschleunigt.
Das ist für die Aktie wichtiger als ein einzelner Großauftrag. Nordex beweist zunehmend, dass die besseren Verkaufspreise und die stabilere Kostenstruktur auch in der Gewinnrechnung ankommen.
Auch der freie Cashflow liefert ein Signal. Im zweiten Quartal flossen Nordex 164,6 Mio. Euro zu. Damit wurde der negative Wert aus dem Jahresauftakt mehr als ausgeglichen. Der Mittelzufluss beruht laut Unternehmen vor allem auf der stärkeren operativen Leistung und nicht ausschließlich auf besonders günstigem Working Capital.
3,1 Gigawatt sichern die nächste Produktionsphase
Im Projektgeschäft gingen Bestellungen über 3.054 MW ein. Das waren 32,2 % mehr als im Vorjahresquartal. Der Wert der neuen Turbinenaufträge erhöhte sich von 2,2 Mrd. auf rund 3,0 Mrd. Euro. Gleichzeitig blieb der durchschnittliche Verkaufspreis mit 0,97 Mio. Euro je Megawatt stabil.
Diese Kombination ist bemerkenswert. Nordex verkauft mehr Leistung, ohne dafür sichtbar niedrigere Preise akzeptieren zu müssen. Einen wichtigen Beitrag leistete der US-Markt, auf den im Quartal rund 800 MW entfielen. Daneben bleibt Europa mit Märkten wie Deutschland ein zentraler Wachstumstreiber.
Der gesamte Auftragsbestand einschließlich Service erreichte 18,4 Mrd. Euro. Damit besitzt Nordex eine hohe Umsatzsichtbarkeit. Allerdings müssen die Projekte weiterhin termingerecht abgearbeitet werden. Ein großer Backlog ist nur dann wertvoll, wenn Genehmigungen, Netzanschlüsse und Lieferketten mit dem Auslieferungstempo Schritt halten.
Die bestätigte Prognose wirkt fast zurückhaltend
Für das Gesamtjahr erwartet Nordex weiterhin einen Umsatz zwischen 8,2 Mrd. und 9,0 Mrd. Euro sowie eine EBITDA-Marge von 8 % bis 11 %. Hinzu kommen geplante Investitionen von rund 200 Mio. Euro. Die Working-Capital-Quote soll zum Jahresende unter minus 9 % liegen.
Nach einer Halbjahresmarge von 9,4 % erscheint die Mitte der Ergebnisprognose gut erreichbar. Eine Anhebung blieb dennoch aus. Das Management verweist auf die weiterhin notwendige disziplinierte Umsetzung in der zweiten Jahreshälfte. Diese Vorsicht ist nachvollziehbar: Im Projektgeschäft können einzelne Verzögerungen, Währungseffekte oder Lieferprobleme schnell zwischen den Quartalen schwanken.
Gleichzeitig rückt das mittelfristige Margenziel von 10 % bis 12 % näher. Noch vor wenigen Jahren wirkte eine dauerhaft zweistellige EBITDA-Marge für Nordex ambitioniert. Nach 10,3 % im zweiten Quartal ist sie nun keine abstrakte Zukunftsmarke mehr.
Die Aktie handelt bereits mehr als den Turnaround
Fundamental hat Nordex einen wichtigen Schritt geschafft. Der Konzern wächst nicht mehr nur über Volumen, sondern verbessert Gewinn, Bilanz und Cashflow gleichzeitig. Die Eigenkapitalquote stieg zum Halbjahresende auf 20,6 % nach 19,0 % zum Ende des vergangenen Jahres. Damit wird auch die finanzielle Basis robuster.
Für Anleger bleibt dennoch eine Einschränkung. Die Aktie hatte den operativen Aufschwung bereits mit einer kräftigen Rallye vorweggenommen und im Frühjahr zeitweise Niveaus oberhalb von 50 Euro erreicht. Der anschließende Rückgang zeigt, dass gute Windkraftperspektiven allein nicht jede Bewertung tragen.
Die neuen Zahlen geben Nordex wieder stärkere Argumente. Besonders die zweistellige Quartalsmarge und der positive freie Cashflow heben den Bericht von früheren Auftragserfolgsmeldungen ab. Der Konzern wird nicht mehr nur für volle Bücher bezahlt. Er beginnt, aus diesen Büchern wieder verlässlich Geld zu verdienen.
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29.07.2026 - Christian Teitscheid

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