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Siemens Energy verdient plötzlich an fast allen Fronten

Rechenzentren, Gasturbinen und Stromnetze treiben die Bestellungen auf Rekordniveau – selbst Siemens Gamesa liefert erstmals seit Jahren wieder einen operativen Gewinn

NTG24 - Siemens Energy verdient plötzlich an fast allen Fronten

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Der bemerkenswerteste Teil der neuen Siemens-Energy-Zahlen ist nicht der nächste Rekord. Es ist die Breite, mit der der Konzern inzwischen verdient. Gasturbinen profitieren vom Stromhunger der Rechenzentren, Netztechnik wird weltweit zum Engpassprodukt und selbst das lange problematische Windgeschäft hat im dritten Quartal operativ schwarze Zahlen geschrieben. Aus einer Sanierungsgeschichte ist damit ein Energiekapazitätsboom geworden.

Siemens Energy (DE000ENER6Y0) meldete für das dritte Geschäftsquartal einen Umsatz von 11,45 Mrd. Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem kräftigen Anstieg. Noch deutlicher fiel die Ergebnisentwicklung aus: Der Gewinn vor Sondereffekten erhöhte sich auf rund 1,62 Mrd. Euro, nachdem ein Jahr zuvor lediglich 497 Mio. Euro erreicht worden waren.

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Der Auftragseingang von rund 17,9 Mrd. Euro setzt zugleich einen neuen Rekord. Dahinter steckt keine einzelne Großbestellung, sondern ein fundamentaler Investitionszyklus. Die Welt braucht mehr Stromerzeugung, leistungsfähigere Netze und zusätzliche Reservekapazitäten – und Siemens Energy sitzt an mehreren dieser Engpässe gleichzeitig.

Dass die Börse darauf nicht mehr mit derselben Überraschung reagiert wie vor zwei Jahren, ist verständlich. Der Konzern hat sich vom Krisenfall zu einem der größten Gewinner im DAX entwickelt. Nach diesem Kursanstieg werden Rekordzahlen inzwischen eher erwartet als bestaunt.

 

KI braucht nicht nur Chips, sondern Kraftwerke

 

Der ungewöhnlichste Wachstumstreiber steckt derzeit im Gasturbinengeschäft. Rechenzentren für künstliche Intelligenz benötigen enorme Mengen verlässlicher elektrischer Leistung. Besonders in den USA reicht es deshalb nicht, zusätzliche Serverhallen zu bauen. Auch die Stromversorgung muss erweitert werden.

Gas Services profitierte im dritten Quartal entsprechend von großen Aufträgen. Nach veröffentlichten Zahlen erreichten die Bestellungen im Segment knapp 10 Mrd. Euro. Rund die Hälfte der neuen Gasturbinenaufträge kam aus den USA und dem Nahen Osten. Ein Bericht zu den jüngsten Quartalszahlen verweist dabei ausdrücklich auf den Boom bei KI-Rechenzentren sowie neue Kraftwerksprojekte im Nahen Osten.

Damit bekommt der KI-Investitionszyklus eine zweite Ebene. Halbleiterproduzenten und Serveranbieter stehen zwar im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung. Ohne zusätzliche Kraftwerksleistung und Netzinfrastruktur kann der Ausbau jedoch nicht beliebig weitergehen. Siemens Energy verdient genau an diesem physischen Flaschenhals.

Hinzu kommt der Nahe Osten. Dort treffen steigender Strombedarf, industrielle Großprojekte und der Wunsch nach höherer Versorgungssicherheit aufeinander. Für Siemens Energy ist diese Kombination besonders lukrativ, weil der Konzern Turbinen, Generatoren, Netztechnik und Service aus einem breiten Portfolio anbieten kann.

 

Gamesa nimmt der Aktie ein altes Argument gegen sich

 

Fast noch wichtiger für die Qualität des Quartals ist Siemens Gamesa. Die Windkrafttochter war über Jahre der größte Belastungsfaktor im Konzern und zeitweise der Grund dafür, dass die gesamte Siemens-Energy-Story infrage gestellt wurde.

Nun erzielte Gamesa im dritten Quartal erstmals seit fast vier Jahren wieder einen operativen Gewinn vor Sondereffekten. Dieser lag bei 56 Mio. Euro, nachdem im entsprechenden Vorjahresquartal noch ein Verlust von 425 Mio. Euro angefallen war. Kostenmaßnahmen und eine bessere Auslastung zeigen damit erstmals deutlich im Ergebnis Wirkung.

Von einem vollständig gelösten Windproblem sollte trotzdem noch nicht gesprochen werden. Der Auftragseingang im Segment fiel im Quartal deutlich geringer aus als im starken Vorjahreszeitraum. Gamesa muss beweisen, dass die Verbesserung nicht nur aus Restrukturierung und Projektmix entsteht, sondern dauerhaft aus einem wettbewerbsfähigen Onshore- und Offshoregeschäft.

Für Siemens Energy verändert sich dennoch die Rechnung. Solange Gamesa Milliardenverluste produzierte, mussten Gas- und Netzgeschäft zunächst die Probleme der Windtochter ausgleichen. Ein profitables Gamesa würde dagegen zusätzlichen Konzernwert schaffen.

 

 

 

Die Prognose bleibt stehen – und genau das erhöht den Anspruch

 

Nach der Anhebung im Mai verzichtete das Management auf einen weiteren großen Prognosesprung. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet Siemens Energy weiterhin ein vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 % sowie eine Ergebnismarge vor Sondereffekten zwischen 10 und 12 %. Nach dem starken dritten Quartal rechnet das Management allerdings mit einem Ergebnis am oberen Ende der Margenspanne.

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Beim Nettogewinn stehen weiterhin rund 4 Mrd. Euro im Raum, beim Free Cashflow vor Steuern rund 8 Mrd. Euro. Schon die im Mai angehobene Jahresprognose hatte gezeigt, wie stark insbesondere Gas Services und Grid Technologies von Auftragseingängen und Kundenzahlungen profitieren.

Damit verschiebt sich die Bewertungsfrage. Operativ liefert Siemens Energy derzeit kaum Angriffsfläche. Das Problem für die Aktie liegt eher darin, dass der Markt inzwischen viel davon vorweggenommen hat. Nach der enormen Neubewertung der vergangenen Jahre genügt Wachstum allein nicht mehr. Siemens Energy muss außergewöhnlich profitables Wachstum liefern.

 

162 Milliarden Euro sind mehr als nur ein Auftragsbestand

 

Der Konzern sitzt inzwischen auf einem Auftragsbestand von rund 162 Mrd. Euro. Diese Größe sorgt für ungewöhnlich hohe Visibilität, ist aber zugleich eine industrielle Herausforderung. Turbinen, Transformatoren und Netztechnik lassen sich nicht beliebig schnell produzieren.

Kapazitätsausbau wird deshalb zum zentralen Thema. Siemens Energy muss Lieferketten, Werke und Personal so erweitern, dass der Auftragsschub tatsächlich in Umsatz und Cashflow umgewandelt werden kann. Gerade bei Grid Technologies ist der weltweite Ausbau der Stromnetze inzwischen so dynamisch, dass Produktionskapazität selbst zum begrenzenden Faktor wird.

Das unterscheidet Siemens Energy von vielen klassischen Industriezyklen. Der Konzern wartet momentan nicht auf Nachfrage. Er muss entscheiden, wie schnell er die vorhandene Nachfrage bedienen kann, ohne bei Kosten, Qualität oder Projektabwicklung zurückzufallen.

 

Ein möglicher Konzernumbau bringt eine neue Variable

 

Neben den Zahlen tauchte diese Woche noch ein strategisches Thema auf. Nach einem Reuters-Bericht soll sich der Aufsichtsrat am 25. August mit der möglichen Zukunft des Geschäftsbereichs Transformation of Industry befassen. Diskutiert wird demnach auch eine mögliche Verselbstständigung. Eine Entscheidung ist bislang nicht gefallen.

Der Bereich ist keineswegs ein Sanierungsfall. Im dritten Quartal erreichte Transformation of Industry bei rund 1,5 Mrd. Euro Umsatz eine Ergebnismarge vor Sondereffekten von 14 %. Gerade deshalb wäre eine mögliche Abspaltung keine Notmaßnahme, sondern Portfolioarbeit. Der Bericht über die laufenden Überlegungen eröffnet damit eine zusätzliche Bewertungsdimension.

Siemens Energy könnte sich langfristig stärker auf zwei strukturelle Engpassmärkte konzentrieren: Stromerzeugung und Stromnetze. Gleichzeitig müsste ein solcher Schritt wirtschaftlich besser sein als der Verbleib eines profitablen Industriegeschäfts im Konzern.

 

Aus dem Turnaround wird ein Kapazitätstest

 

Die entscheidende Veränderung bei Siemens Energy ist inzwischen vollzogen. Anleger müssen nicht mehr darauf wetten, dass der Konzern seine Krise überlebt. Sie wetten darauf, wie groß das Geschäft mit dem weltweiten Stromhunger noch werden kann.

Rechenzentren erhöhen den Bedarf an Kraftwerksleistung, Elektrifizierung treibt den Netzausbau und Siemens Gamesa beginnt, seinen alten Verlustcharakter abzulegen. Mit Rekordaufträgen und deutlich höheren Margen liefert Siemens Energy dafür derzeit außergewöhnlich starke Argumente.

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Die nächste Herausforderung entsteht gerade aus diesem Erfolg. Ein Auftragsbestand von mehr als 160 Mrd. Euro muss produziert, ausgeliefert und profitabel abgearbeitet werden. Wenn Siemens Energy diesen Takt hält, bleibt die Neubewertung fundamental unterfüttert. Der Konzern ist nicht mehr die Wette auf eine Rettung. Er ist inzwischen eine Wette darauf, wie teuer der weltweite Mangel an Energieinfrastruktur noch wird.

 

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06.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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