US-Börse: Die Rally lässt sich nicht vertreiben
Ceasefire-Hoffnungen, starke Unternehmenszahlen und neue KI-Fantasie tragen S&P 500 und Nasdaq auf Rekordschlussstände
Die Wall Street ging am Donnerstag nicht mit großer Lautstärke, aber mit bemerkenswerter Widerstandskraft aus dem Handel. Am Morgen hatten Inflations- und Wachstumsdaten noch für Stirnrunzeln gesorgt. Zum Schluss dominierten jedoch wieder Unternehmensgewinne, KI-Fantasie und die Hoffnung, dass sich die Lage rund um Iran zumindest vorübergehend beruhigen könnte.
Der auffälligste Einzelwert war Snowflake (US8334451098). Der Cloud-Datenspezialist sprang nach starken Zahlen, einem angehobenen Ausblick und einer umfangreichen Vereinbarung mit Amazon Web Services deutlich an. Nach Unternehmensangaben und Reuters handelt es sich dabei um eine mehrjährige Zusammenarbeit im Umfang von rund 6 Milliarden US-Dollar, die eng mit KI-Infrastruktur und AWS-Chips verbunden ist. Genau diese Mischung traf den Nerv des Marktes.
Der Markt las die Snowflake-Meldung nicht nur als starke Quartalsnachricht. Sie passte auch in eine größere Erzählung: KI braucht nicht nur Chips, sondern Datenplattformen, Rechenleistung, Cloudkapazität und belastbare Infrastruktur. Snowflake lieferte Anlegern damit ein Thema, das über den Tagesgewinn der Aktie hinausging.
Rekorde trotz Gegenwind
Bei den großen Indizes setzte sich am Ende die freundliche Lesart durch. Reuters und AP meldeten übereinstimmend Rekordschlussstände für S&P 500 und Nasdaq. Der S&P 500 legte laut beiden Quellen um rund 0,6 % zu, der Nasdaq um rund 0,9 %. Der Dow Jones Industrial Average schloss nur leicht fester, erreichte aber ebenfalls ein weiteres Schlussrekordniveau.
Bemerkenswert war dabei weniger die Höhe der Gewinne als der Weg dorthin. Am Vormittag schwankte der Markt noch zwischen kleinen Gewinnen und Verlusten. Später halfen Berichte über eine mögliche Verlängerung der Feuerpause zwischen den USA und Iran, den Ölpreis zu beruhigen und die Risikobereitschaft zu stützen. Die Vereinbarung war laut Reuters noch nicht endgültig bestätigt und bedurfte weiterhin politischer Zustimmung. Genau deshalb sollte die Nachricht nicht als abgeschlossene Entspannung gewertet werden. Für die Börse reichte die Aussicht darauf aber aus.
Dollar Tree passt in den Alltag der Verbraucher
Dollar Tree (US2567461080) war ein anderer Gewinner des Tages, aber mit einer ganz anderen Geschichte. Der Discounter hob seinen Jahresausblick für den Gewinn an und verwies auf eine robuste Nachfrage nach günstigen Alltagsprodukten. In einem Markt, der weiterhin über Inflation, Energiepreise und Kaufkraft diskutiert, ist das eine naheliegende Börsenstory.
Gerade deshalb war die Reaktion so stark. Dollar Tree profitiert nicht von derselben Fantasie wie Snowflake. Es geht nicht um KI, Chips oder Cloudmodelle, sondern um die schlichte Frage, wohin Verbraucher ausweichen, wenn Geld wieder bewusster ausgegeben wird. Dass der Konzern mit einem Mehrpreis-Modell, verbesserten Margen und höheren Gewinnerwartungen punkten konnte, machte den Titel am Donnerstag zu einem Kontrapunkt zur Technologieeuphorie.
Der Wert zeigte damit auch, dass die Rally nicht nur aus einem einzigen Thema besteht. KI blieb dominant, aber Anleger griffen ebenso bei Unternehmen zu, deren Geschäftsmodell vom angespannten Konsumumfeld profitieren kann.
Eli Lilly bekommt Rückenwind aus der Erstattung
Im Gesundheitssektor fiel Eli Lilly (US5324571083) positiv auf. CVS Caremark will die Abnehmspritze Zepbound wieder in die Erstattung aufnehmen und auch ein neu zugelassenes Adipositas-Mittel von Lilly berücksichtigen. Für den Pharmakonzern ist das wichtig, weil Zugang, Erstattung und Preisverhandlungen bei GLP-1-Medikamenten inzwischen fast genauso entscheidend sind wie die medizinische Nachfrage selbst.
Der Markt reagierte entsprechend freundlich. Lilly ist längst nicht mehr nur ein klassischer Pharmatitel, sondern einer der zentralen Profiteure des globalen Adipositas-Marktes. Jede Nachricht, die Reichweite und Erstattungszugang verbessert, wird deshalb genau gelesen.
Microsoft hält die KI-Erzählung lebendig
Auch Microsoft (US5949181045) half dem Technologiesektor. Reuters verwies auf einen Bericht, wonach der Konzern in der kommenden Woche ein neues Coding-Modell veröffentlichen will. Der konkrete Nachrichtenwert war kleiner als bei Snowflake, aber die Richtung war für Anleger klar: Microsoft bleibt einer der Werte, bei denen KI nicht nur als Zukunftsversprechen, sondern als Produkt- und Plattformstrategie wahrgenommen wird.
In der Schlussphase war das hilfreich. Wenn der Markt ohnehin bereit ist, wieder Risiko aufzunehmen, verstärken solche Meldungen die Kaufbereitschaft bei großen Technologietiteln. Microsoft stand damit nicht allein für einen Einzelimpuls, sondern für die anhaltende Bereitschaft, KI-Investitionen trotz hoher Bewertungen weiter zu honorieren.
Inflation bleibt im Hintergrund präsent
Ganz verschwunden sind die Risiken damit nicht. Reuters meldete, dass ein wichtiger US-Inflationsindikator im April so stark wie seit drei Jahren nicht mehr gestiegen ist. Gleichzeitig wurde das US-Wachstum für das erste Quartal nach unten revidiert. Solche Daten passen eigentlich nicht zu einer sorglosen Rekordlaune.
Doch der Markt gewichtete sie am Donnerstag anders. Solange Unternehmensgewinne stabil bleiben und die Aussicht auf eine Beruhigung im Nahen Osten den Öldruck reduziert, können Anleger schwächere Makrodaten eher wegstecken. Das ist kein Freibrief. Es zeigt nur, dass die Börse derzeit vor allem nach dem sucht, was die Gewinnperspektive großer Unternehmen stützt.
Die Marktbreite sprach ebenfalls für eine freundliche Tendenz. Reuters berichtete von mehr steigenden als fallenden Aktien an NYSE und Nasdaq. Damit war der Rekordtag nicht ausschließlich eine Angelegenheit einzelner Megacaps, auch wenn die großen Technologie- und KI-Werte weiter den Ton angeben.
Eine Rally, die schlechte Nachrichten sortiert
Der Donnerstag lieferte damit ein interessantes Muster. Gute Unternehmensmeldungen wurden konsequent gekauft. Politische Entspannungssignale wurden sofort in sinkende Risikoaufschläge übersetzt. Schwächere Makrodaten wurden zwar registriert, aber nicht zum beherrschenden Thema gemacht. Das ist typisch für einen Markt, der steigen will und schlechte Nachrichten nur dann wirklich bestraft, wenn sie unmittelbar auf Gewinne oder Liquidität durchschlagen.
Snowflake stand für die neue KI- und Cloudfantasie. Dollar Tree zeigte, dass defensive Konsumgeschichten in einem angespannten Alltag funktionieren können. Eli Lilly profitierte von besserem Marktzugang für ein zentrales Wachstumsfeld. Microsoft hielt die Plattform-Erzählung im KI-Sektor lebendig. Zusammen ergab das genug Rückenwind, um die Indizes auf neue Höhen zu schieben.
Der Schluss war freundlich, aber nicht frei von Fragezeichen
Die letzte Handelsphase zeigte damit eine Wall Street, die weiterhin bereit ist, positive Nachrichten zu kaufen. Gerade die Berichte rund um eine mögliche Verlängerung der Feuerpause im Iran-Konflikt halfen, den Blick wieder auf Unternehmensgewinne und KI-Fantasie zu richten. Dennoch bleibt die Lage anfällig: Sollte die diplomatische Entspannung nicht halten oder der Inflationsdruck durch Energiepreise erneut zunehmen, könnte die aktuelle Gelassenheit schnell getestet werden.
Vorerst aber gilt: Der Markt bleibt erstaunlich robust. Nicht weil alle Risiken verschwunden wären, sondern weil Anleger weiter genügend Geschichten finden, die sie kaufen wollen. Am Donnerstag reichten Snowflake, Dollar Tree, Eli Lilly und Microsoft aus, um die Rekordlaune zu verlängern.
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28.05.2026 - Clara Meier-Walker

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