Zalando bekommt die hohe Erwartung zu spüren
Das zweite Quartal bringt deutlich mehr Geschäft und About-You-Synergien, doch der vorsichtigere Wachstumsausblick schickt die Aktie kräftig nach unten
An Zalando lässt sich an diesem Dienstag gut beobachten, wie wenig starke Wachstumsraten an der Börse wert sein können, wenn der Ausblick nicht mithält. Der Onlinehändler legt nach der About-You-Übernahme deutlich zu und verbessert den operativen Gewinn. Trotzdem gerät die Aktie massiv unter Druck. Der Markt hatte nicht auf Wachstum allein gesetzt, sondern auf Beschleunigung.
Zalando (DE000ZAL1111) meldete für das zweite Quartal ein Bruttowarenvolumen von rund 4,9 Mrd. Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Zuwachs von 20,7 %. Das bereinigte EBIT verbesserte sich um rund 10 % auf 205 Mio. Euro. In diesen Zahlen steckt inzwischen allerdings auch About You, dessen Übernahme Zalando im vergangenen Jahr abgeschlossen hatte.
Damit liegt die eigentliche Nachricht nicht im zurückliegenden Quartal, sondern in der Erwartung für die kommenden Monate. Zalando geht nun davon aus, dass sowohl das GMV- als auch das Umsatzwachstum 2026 nur in der unteren Hälfte der bislang genannten Spanne von 12 bis 17 % liegen wird. Die Prognose für das bereinigte EBIT wurde zugleich von 660 bis 740 Mio. Euro auf 680 bis 720 Mio. Euro eingeengt.
Die Börse quittierte diese Mischung hart. Die Zalando-Aktie verlor im Dienstagshandel zeitweise deutlich zweistellig. Der Bericht von Reuters zu den Halbjahreszahlen verweist vor allem auf die schwächere Wachstumserwartung als Auslöser der Reaktion. Der Gewinnkorridor selbst wirkt dagegen nicht wie eine operative Warnung.
About You liefert bereits – aber verändert auch die Vergleichsbasis
Für die Einordnung ist die Übernahme entscheidend. Zalando wächst nicht mehr ausschließlich organisch aus dem eigenen Geschäft heraus. About You trägt inzwischen zum Konzern bei und lieferte im zweiten Quartal Synergien von mehr als 10 Mio. Euro. Schon im ersten Quartal hatte Zalando einen vergleichbaren Beitrag genannt.
Das Management verfolgt mit dem Zusammenschluss mehr als reine Größenexpansion. Zalando will Kundenplattform, Logistik, Software, Partnergeschäft und Werbedienstleistungen stärker miteinander verbinden. Gerade die margenstärkeren Aktivitäten außerhalb des klassischen Modehandels sind wichtig, weil sich im europäischen E-Commerce ein hoher Umsatz allein kaum noch als ausreichender Wettbewerbsvorteil verkaufen lässt.
Dazu gehören unter anderem Softwarelösungen, Logistikservices für Marken und Retail Media. Genau dort kann Zalando perspektivisch höhere Margen erzielen als mit dem bloßen Verkauf von Kleidung. Die Integration von About You ist deshalb strategisch wichtiger als die zusätzlichen Umsätze allein.
Das Konsumumfeld bremst die schönere Geschichte
Die Zurückhaltung beim Wachstumsausblick zeigt zugleich, dass Zalando nicht außerhalb des europäischen Konsumzyklus operiert. Mode bleibt ein vergleichsweise leicht verschiebbarer Einkauf. Wenn Haushalte vorsichtiger werden, Rabatte steigen oder Konkurrenten wie Shein aggressiv um Kunden kämpfen, ist Wachstum teuer zu verteidigen.
Gerade deshalb wird die Margenentwicklung wichtiger. Zalando setzt auf KI-gestützte Produktempfehlungen, automatisierte Inhalte und effizientere Logistik. Schon im ersten Quartal hatte das Unternehmen auf deutliche Effizienzfortschritte und den Ausbau seines KI-Assistenten verwiesen. Die Finanzberichterstattung von Zalando zeigt damit einen Konzern, der seine Wachstumsstory zunehmend mit Produktivität und Plattformdiensten verbinden muss.
Der Kursrutsch dreht die Perspektive
Der heutige Rückgang ist deshalb mehr als eine spontane Enttäuschung über eine Prognoseformulierung. Zalando war zuletzt wieder stärker als Wachstums- und Integrationsstory bewertet worden. Sobald der Konzern selbst signalisiert, dass sich das Wachstum eher am unteren Rand der bisherigen Erwartungen bewegt, muss der Markt diesen Vorschuss neu kalkulieren.
Hinzu kommt die im Juni bekannt gewordene Prüfung des Jahresabschlusses 2025 durch die BaFin. Dabei geht es um Angaben im Zusammenhang mit einer Transaktion mit nahestehenden Parteien rund um die About-You-Übernahme. Zalando bezeichnete das Thema als formal und für Vermögens-, Finanz- und Ertragslage nicht wesentlich. Dennoch sorgte die Nachricht bereits damals für erhebliche Nervosität. Der aktuelle Kursrutsch trifft damit auf eine Aktie, deren Vertrauen zuletzt ohnehin empfindlicher geworden war.
Nun zählt die Qualität des Wachstums
Zalando steckt damit in einer ungewöhnlichen Situation. Das Unternehmen wächst zweistellig, die About-You-Integration liefert erste Synergien und das operative Ergebnis steigt. Gleichzeitig reicht all das nicht aus, um Anleger zufriedenzustellen, weil das Wachstumstempo im zweiten Halbjahr vorsichtiger eingeschätzt wird.
Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Wenn Zalando weniger aggressives Wachstum mit besseren Margen, höherem Anteil des Partnergeschäfts und schnelleren Synergien verbindet, könnte sich der heutige Bewertungsabschlag relativieren. Sollte dagegen auch die operative Dynamik nachlassen, wäre der schwächere Wachstumsausblick eher der Anfang einer Neubewertung als nur eine enttäuschte Tagesreaktion.
Nach dem Zusammenschluss mit About You muss Zalando deshalb zwei Dinge gleichzeitig zeigen: dass aus der neuen Größe tatsächlich Effizienz entsteht und dass das Kerngeschäft auch ohne Übernahmeeffekte genügend Dynamik besitzt. Der Dienstag macht deutlich, dass die Börse beide Punkte inzwischen wesentlich strenger voneinander trennt.
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04.08.2026 - Christian Teitscheid

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