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Delivery Hero handelt längst mehr als Essenslieferungen

Uber hält an seinen Ambitionen fest, der Aktienkurs liegt über dem bisher genannten Angebot und das operative Geschäft muss die Übernahmeprämie absichern

NTG24 - Delivery Hero handelt längst mehr als Essenslieferungen

KI-generiertes Symbolbild. Marken dienen der redaktionellen Einordnung.

 

Die ungewöhnlichste Nachricht rund um Delivery Hero kommt derzeit nicht aus einer Küche, einem Warenlager oder einer neuen Lieferregion. Sie kommt aus der europäischen Expansionsplanung von Uber. Der US-Konzern soll einen Großteil seiner geplanten Markteintritte gestoppt haben, während die Gespräche über eine mögliche Übernahme des Berliner Plattformbetreibers weiterlaufen. Damit wird aus einer operativen Turnaround-Story zunehmend ein strategisches Pokerspiel.

Delivery Hero (DE000A2E4K43) steht dadurch in einer seltenen Konstellation. Die Aktie notiert deutlich über den Kursen, zu denen Uber zunächst größere Beteiligungen aufgebaut hatte, und auch oberhalb des im Mai bekannt gewordenen Übernahmevorschlags von 33 Euro je Aktie. Der Markt setzt offenbar darauf, dass ein Käufer entweder nachbessern muss oder dass der Konzern als eigenständige Plattform inzwischen mehr wert ist.

Zuletzt bewegte sich der Titel je nach Handelstag und Zeitpunkt im Bereich von rund 36 Euro. Eine abgeschlossene Transaktion gibt es jedoch nicht. Damit enthält der Kurs bereits eine Übernahmefantasie, ohne dass Anleger bislang die Sicherheit eines verbindlichen, vom Unternehmen empfohlenen Angebots besitzen.

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Ubers Rückzug aus der Expansion verändert das Verhandlungsspiel

 

Der jüngste Impuls kam Anfang Juli. Nach einem Bericht der Financial Times, den Reuters aufgriff, will Uber seine zuvor angekündigte Expansion des Liefergeschäfts in fünf von sieben europäischen Ländern nicht weiterverfolgen. Genannt wurden unter anderem Österreich, Norwegen und Griechenland. Gleichzeitig soll das Interesse an Delivery Hero fortbestehen.

Der Reuters-Bericht zu Ubers Europaplänen wurde von den beteiligten Unternehmen nicht inhaltlich bestätigt. Reuters konnte die Angaben der Financial Times ebenfalls nicht unabhängig verifizieren. Dennoch ist die strategische Logik bemerkenswert: Der Kauf einer bestehenden Plattform könnte für Uber schneller und effizienter sein als der parallele Aufbau neuer Landesorganisationen.

Delivery Hero würde Uber mit einem Schritt Zugang zu zahlreichen Märkten, bekannten regionalen Marken, Liefernetzwerken, Kundendaten und einer etablierten Quick-Commerce-Infrastruktur geben. Gerade in Regionen wie dem Nahen Osten, Asien und Teilen Europas wäre das strategisch schwer durch organische Expansion nachzubauen.

Für Delivery-Hero-Aktionäre ist der Rückzug aus Teilen der geplanten Expansion deshalb ein zweischneidiges Signal. Er kann zeigen, dass Uber die Übernahme ernsthafter verfolgt. Er könnte aber ebenso eine eigenständige Entscheidung zur Kapitaldisziplin sein. Solange kein verbessertes Angebot vorliegt, bleibt die Börse auf Interpretationen angewiesen.

 

33 Euro reichen dem Markt nicht mehr

 

Delivery Hero bestätigte am 23. Mai, von Uber wegen eines möglichen Übernahmeangebots angesprochen worden zu sein. Medienberichten zufolge stand zunächst ein Preis von 33 Euro je Aktie im Raum. Dieser Vorschlag wurde nicht zur Grundlage eines öffentlichen Übernahmeverfahrens. Schon damals signalisierte die Kursreaktion, dass Anleger einen höheren Wert erwarteten.

Das ist für die weitere Entwicklung entscheidend. Liegt der Börsenkurs über dem bekannt gewordenen Preis, müsste ein potenzieller Käufer normalerweise nachbessern, um eine ausreichende Annahmequote zu erreichen. Medien berichteten bereits im Mai, dass mehrere Investoren einen Preis von mehr als 40 Euro je Aktie anstreben könnten. Ob Uber bereit ist, diese Größenordnung zu bezahlen, ist offen.

Die Verhandlungsposition hat sich zugleich durch die Aktionärsstruktur verschoben. Uber baute seine Beteiligung im Frühjahr massiv aus und wurde zum bedeutenden Aktionär. Nach späteren Berichten könnte der wirtschaftlich kontrollierte Anteil einschließlich weiterer erworbener Positionen inzwischen deutlich höher liegen. Struktur und Zurechnung einzelner Aktien- und Optionspositionen sind jedoch komplex, weshalb daraus nicht automatisch eine gesicherte gesellschaftsrechtliche Beteiligungsquote abgeleitet werden sollte.

Das Risiko für Anleger liegt auf der Hand: Je stärker die Aktie von einer höheren Offerte lebt, desto empfindlicher würde sie auf ein Ende der Gespräche reagieren. Der Abstand zum ursprünglichen Vorschlag ist keine garantierte Prämie, sondern der Preis der Erwartung.

 

 

 

Das operative Geschäft ist mehr als eine Rückversicherung

 

Die Übernahmespekulation fällt nicht in eine Phase operativer Schwäche. Delivery Hero meldete für das erste Quartal ein Bruttowarenvolumen von 12,5 Mrd. Euro. Auf vergleichbarer Basis und zu konstanten Wechselkursen entsprach das einem Wachstum von 8,8 %. Die Segmentumsätze legten auf gleicher Basis um 17,8 % auf 3,73 Mrd. Euro zu.

Besonders dynamisch entwickelte sich Quick Commerce. Das über die Plattform vermittelte Warenvolumen mit Lebensmitteln und anderen Alltagsprodukten wuchs um 30 % und stand bereits für 18 % des Konzern-GMV. Damit wird verständlich, warum Delivery Hero für Uber mehr sein könnte als eine Sammlung regionaler Essenslieferdienste.

Die Q1-Zahlen von Delivery Hero zeigen außerdem, dass 55 % des GMV von Kunden stammten, die mehrere Angebotskategorien nutzten. Abonnenten generierten 43 % des konzernweiten Warenvolumens. Solche Nutzer sind für Plattformen wertvoll, weil höhere Bestellfrequenzen die Kundenakquisitionskosten relativieren und zusätzliche Werbe- sowie Serviceerlöse ermöglichen können.

Regional blieb das Bild unterschiedlich. Im Nahen Osten beschleunigte sich das vergleichbare GMV-Wachstum auf 16,1 %, in Amerika wurden 18,1 % erreicht. Europa kam auf 6,8 %. Asien wuchs dagegen nur um 3,0 %, zeigte nach Angaben des Managements aber eine Verbesserung gegenüber der vorausgegangenen Entwicklung.

Gerade diese geografische Breite macht Delivery Hero strategisch attraktiv und zugleich kompliziert. Der Konzern besitzt starke regionale Positionen, muss jedoch sehr verschiedene Märkte, Regulierungen, Fahrerstrukturen und Wettbewerbsintensitäten unter einem Kapitalrahmen steuern.

 

Profitabilität ist die rote Linie unter jedem Angebot

 

Der entscheidende Fortschritt der vergangenen Jahre liegt nicht allein im Wachstum. Delivery Hero ist gezwungen worden, seine expansiv finanzierte Vergangenheit durch einen glaubwürdigeren Cashflow-Pfad zu ersetzen. Für 2026 erwartet der Konzern weiterhin ein bereinigtes EBITDA zwischen 910 Mio. und 960 Mio. Euro. Nach dem ersten Quartal zeigte sich das Management zuversichtlich, die obere Hälfte dieser Spanne zu erreichen.

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Werbebanner EMH PM Trade Der freie Cashflow soll mehr als 200 Mio. Euro betragen. Das ist für die Bewertung mindestens ebenso wichtig wie das angestrebte GMV-Wachstum von 8 % bis 10 % und das vergleichbare Umsatzwachstum von 14 % bis 16 %. Eine Plattform, die organisch wächst und gleichzeitig verlässlich Barmittel erwirtschaftet, besitzt für einen strategischen Käufer einen anderen Wert als ein Unternehmen, das seine Expansion dauerhaft über neue Finanzierung absichern muss.

Allerdings bleibt der Übergang unvollständig. Delivery Hero arbeitet mit einem komplexen Portfolio, hohen Lieferkosten und zum Teil anspruchsvollen regulatorischen Rahmenbedingungen. Veränderungen der Beschäftigungsmodelle für Fahrer können kurzfristig die Effizienz belasten. Hinzu kommen rechtliche Risiken, insbesondere im Umfeld der spanischen Tochter Glovo.

Ein Käufer würde deshalb nicht nur Wachstum und Marktanteile übernehmen. Er müsste auch entscheiden, welche Regionen zum Kern gehören, welche Vermögenswerte verkauft werden können und wie schnell sich Überschneidungen ohne regulatorische Konflikte nutzen lassen. Der strategische Wert ist groß, aber nicht reibungslos realisierbar.

 

Der Führungswechsel verschärft die strategische Offenheit

 

Parallel zum Übernahmepoker bereitet Delivery Hero einen historischen Führungswechsel vor. Mitgründer Niklas Östberg soll die Leitung spätestens bis zum 31. März 2027 übergeben. Der Aufsichtsrat will die Suche nach einem Nachfolger möglichst bis zum Ende dieses Jahres abschließen.

Bis dahin führt Östberg die im Dezember 2025 gestartete strategische Überprüfung und damit verbundene M&A-Prozesse weiter. Die Ankündigung des CEO-Wechsels lässt damit bewusst mehrere Wege offen: ein unabhängiger Konzern mit schärferem Portfolio, weitere Verkäufe regionaler Aktivitäten oder eine größere Unternehmenstransaktion.

Dass Gründerwechsel, Portfolioüberprüfung und Übernahmeinteresse gleichzeitig auftreten, ist kein gewöhnlicher Managementübergang. Delivery Hero befindet sich zwischen zwei Identitäten. Die alte bestand im möglichst schnellen Aufbau einer weltweiten Plattform. Die neue muss erklären, wie aus dieser Reichweite dauerhaft Wert für die Aktionäre entsteht.

 

Die Aktie hat ihren eigenen Mindestpreis formuliert

 

Der Markt hat den ersten Vorschlag von 33 Euro faktisch hinter sich gelassen. Damit ist allerdings noch nicht entschieden, ob eine höhere Offerte folgt. Uber könnte den industriellen Nutzen eines Kaufs höher bewerten als die Börse. Ebenso könnte der US-Konzern zu dem Schluss kommen, dass ein zu hoher Preis, kartellrechtliche Auflagen oder schwierige Integrationsfragen die erwarteten Synergien aufzehren.

Delivery Hero muss deshalb zwei Geschichten gleichzeitig tragen. Als Übernahmekandidat braucht das Unternehmen einen Bieter, der bereit ist, die globale Plattform angemessen zu bezahlen. Als eigenständiger Konzern muss es Wachstum, bereinigtes EBITDA und freien Cashflow liefern, falls der Käufer nicht erscheint.

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Diese doppelte Absicherung erklärt die Stärke der Aktie besser als reine Spekulation. Die operative Entwicklung ist inzwischen solide genug, um eine höhere strategische Bewertung zu begründen. Dennoch bleibt ein beträchtlicher Teil des aktuellen Kursbildes davon abhängig, was Uber als Nächstes tut. Bis ein verbindliches Angebot vorliegt oder die Gespräche ausdrücklich beendet werden, ist Delivery Hero keine normale Plattformaktie mehr. Der Titel handelt den Preis der Kontrolle.

 

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13.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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