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Deutz und BayWa stehen für zwei völlig verschiedene Umbauten

Während Deutz mit der FFG-Übernahme offensiv in Rüstung und neue Industriegeschäfte expandiert, muss BayWa seine Finanzierung bis 2030 neu ordnen und den Konzern weiter verkleinern

NTG24 - Deutz und BayWa stehen für zwei völlig verschiedene Umbauten

 

Zwei deutsche Traditionsunternehmen bauen sich gerade grundlegend um, doch damit enden die Gemeinsamkeiten bereits. Deutz nutzt Übernahmen, neue Märkte und einen wachsenden Defense-Anteil, um aus einem klassischen Motorenhersteller eine breiter aufgestellte Industriegruppe zu formen. BayWa arbeitet dagegen daran, Schulden, Beteiligungen und Komplexität so weit zurückzuführen, dass aus dem einst weit verzweigten Konzern wieder ein finanzierbares Kerngeschäft entsteht. An der Börse entstehen daraus zwei sehr unterschiedliche Wetten auf Veränderung.

Deutz AG (DE0006305006) steht inzwischen für einen ausgesprochen offensiven Umbau. Der Konzern kauft zu, erweitert seine Energieaktivitäten und macht Verteidigung zu einer strategischen Säule. Mit der geplanten vollständigen Übernahme der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft, kurz FFG, erreicht dieser Kurs eine neue Größenordnung.

BayWa AG (DE0005194005) muss zur gleichen Zeit praktisch den entgegengesetzten Weg gehen. Nicht zusätzliche Geschäftsfelder, sondern Entflechtung, Verkauf, Zinsentlastung und Schuldenabbau bestimmen die Agenda. Der inzwischen bis Ende 2030 ausgeweitete Sanierungszeitraum zeigt, wie lang der finanzielle Weg zurück zu einer tragfähigen Struktur geworden ist.

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Damit erzählen beide Aktien eine Transformationsgeschichte. Nur ist bei Deutz die zentrale Frage, ob das Wachstum den hohen Einsatz rechtfertigt. Bei BayWa lautet sie zunächst, ob genügend Unternehmenswert übrig bleibt, nachdem Gläubiger, Verkäufe und Kapitalmaßnahmen ihren Teil der Sanierung übernommen haben.

 

Deutz geht mit FFG weit über das klassische Motorengeschäft hinaus

 

Die FFG-Transaktion verändert die Dimension des Kölner Konzerns. Deutz vereinbarte im Juli den Erwerb von 100 % der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft für rund 1,6 Mrd. Euro. FFG produziert, wartet und modernisiert militärische Rad- und Kettenfahrzeuge und erzielte nach Angaben von Deutz 2025 einen Umsatz von rund 760 Mio. Euro.

Damit kauft Deutz nicht lediglich zusätzliche Motornachfrage. Der Konzern will sich zum Systemanbieter für militärische Fahrzeuge, Antriebe und Energielösungen entwickeln. FFG soll nach dem Vollzug operativ eigenständig bleiben und den Kern des künftigen Defense-Geschäfts bilden. In der Mitteilung zur FFG-Übernahme stellt Deutz deshalb bereits in Aussicht, die strategischen Ziele von 4 Mrd. Euro Umsatz und 10 % bereinigter EBIT-Marge früher als ursprünglich für 2030 geplant erreichen zu können.

Das ist eine erhebliche Verschiebung der Investmentstory. Noch vor wenigen Jahren hing Deutz besonders stark am Zyklus für Baumaschinen, Landtechnik und klassische Verbrennungsmotoren. Künftig sollen Service, dezentrale Energieversorgung und Verteidigung einen größeren Teil der Schwankungen auffangen.

Genau deshalb ist FFG aber mehr als ein Wachstumskauf. Deutz verändert mit der Transaktion seine Bilanz, seine Aktionärsstruktur und das Risikoprofil des gesamten Konzerns. Rund 1,0 Mrd. Euro des Kaufpreises sollen fremdfinanziert werden. Weitere derzeit rund 600 Mio. Euro sollen über neue Deutz-Aktien bezahlt werden. Die bisherigen Eigentümerfamilien von FFG könnten dadurch bis zu 29,9 % des erhöhten Grundkapitals halten.

 

Ausgerechnet der Finanzierungsmix ist bei Deutz der empfindliche Punkt

 

Für Anleger entsteht damit ein ungewöhnlicher Spagat. Industriell lässt sich die Übernahme gut erklären. Verteidigungsprogramme laufen über lange Zeiträume, FFG bringt einen hohen Auftragsbestand mit und Deutz kann Motoren, Energieversorgung, Service und Industrialisierung mit der Fahrzeugkompetenz der Flensburger verbinden.

Finanziell ist der Schritt dennoch groß. Der Kaufpreis liegt nahe an der Größenordnung, die Deutz selbst vor der Transaktion an der Börse wert war. Eine Milliarde Euro zusätzliche Fremdfinanzierung ist deshalb nicht nur eine Fußnote. Gleichzeitig werden bestehende Aktionäre durch die geplante Sachkapitalerhöhung erheblich verwässert.

Die außerordentliche Hauptversammlung am 24. August erhält dadurch mehr Bedeutung als ein üblicher Formaltermin. Die Aktionäre sollen der Kapitalerhöhung zustimmen, die den Aktienteil der FFG-Übernahme ermöglicht. Der Abschluss des Geschäfts wird anschließend – vorbehaltlich der regulatorischen Freigaben – für Ende 2026 oder das erste Quartal 2027 erwartet.

Das verändert auch die Börsenlogik. Deutz handelt inzwischen weniger wie ein reiner Frühzykliker und stärker wie eine M&A-, Defense- und Plattformstory. Höheres Wachstum kann damit eine höhere Bewertung rechtfertigen. Doch der Markt muss gleichzeitig Finanzierung, Integration und Verwässerung einpreisen.

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Operativ kam Deutz aus einer deutlich besseren Position

 

Der aggressive Expansionskurs entsteht nicht aus einer akuten Krise des bisherigen Geschäfts. Das erste Quartal 2026 zeigte vielmehr eine deutliche Verbesserung. Der Auftragseingang stieg gegenüber dem Vorjahr um 41,2 % auf 771 Mio. Euro. Der Umsatz legte um 8,4 % auf 530 Mio. Euro zu, während das bereinigte EBIT um 45,7 % auf 37,3 Mio. Euro wuchs. Die bereinigte EBIT-Marge erreichte 7,0 % nach 5,2 % im Vorjahresquartal.

Der Q1-Bericht von Deutz zeigte zudem erste Erholungstendenzen bei Bau- und Landmaschinen sowie positive Effekte des Kostenprogramms Future Fit. Selbst das klassische Motorengeschäft kehrte operativ wieder in die Gewinnzone zurück.

Das ist für die Bewertung entscheidend. Deutz versucht FFG nicht zu kaufen, weil das Stammgeschäft zusammenbricht. Das Unternehmen nutzt vielmehr eine bessere operative Ausgangslage, um seinen Umbau wesentlich schneller voranzutreiben.

 

 

 

BayWa muss dagegen erst wieder eine finanzierbare Firma werden

 

In München ist die Ausgangslage grundlegend anders. BayWa kann derzeit nicht aus einer starken Bilanz heraus neue Wachstumsfelder kaufen. Der Konzern muss Verbindlichkeiten verlängern, Beteiligungen abgeben und die Organisation auf wenige Kernaktivitäten zurückführen.

Ende Juni erreichte das Unternehmen mit seinen wesentlichen Finanzierungspartnern und den Großaktionären eine Grundsatzverständigung über einen abermals angepassten Sanierungsplan. Der Sanierungszeitraum und die Fälligkeiten wesentlicher Finanzverbindlichkeiten sollen nun bis Ende 2030 verlängert werden. Zusätzlich ist eine Zinsentlastung vorgesehen.

Besonders weitreichend ist ein geplanter Umbau von bis zu 700 Mio. Euro an Finanzverbindlichkeiten in ein nachrangiges Instrument. Die Vereinbarung soll bis zum Herbst 2026 in verbindliche Verträge überführt werden. Der Wortlaut der Ad-hoc-Mitteilung zeigt dabei, wie tief der finanzielle Umbau inzwischen reicht.

 

Für BayWa ist weniger Umsatz inzwischen Teil des Plans

 

Das operative Bild muss deshalb anders gelesen werden als bei einem normalen Handelskonzern. Im ersten Quartal 2026 sank der Umsatz von 3,6 Mrd. auf 2,3 Mrd. Euro. Ein solcher Rückgang wäre normalerweise klar negativ. Im Fall von BayWa kommt jedoch ein erheblicher Teil bewusst aus dem Verkauf von Beteiligungen, der Bereinigung des Produktportfolios und dem Rückzug aus margenschwächeren Geschäften.

Das Unternehmen erklärte in seiner Q1-Mitteilung, dass das bereinigte EBITDA über den Vorgaben des Sanierungsplans und über dem Vorjahresniveau gelegen habe. Konkrete Ergebniszahlen veröffentlichte BayWa dabei allerdings nur eingeschränkt. Auch der Konzernabschluss 2025 war wegen der erneuten Überarbeitung des Sanierungskonzepts noch nicht innerhalb der üblichen Fristen vorgelegt worden.

Genau diese Einschränkung ist für Anleger wichtiger als ein isolierter Umsatzwert. Solange vollständige Abschlüsse fehlen und der Sanierungsvertrag selbst noch finalisiert werden muss, bleibt die Qualität der finanziellen Analyse begrenzt. BayWa kann operative Fortschritte melden, doch die Aktie bleibt primär von Finanzierung und Bilanz abhängig.

Hinzu kommt die geplante weitere Entflechtung. BayWa soll künftig auf Agrar, Technik und Baustoffe fokussiert werden. Wärme und Mobilität sollen bis Ende 2029 verkauft werden. Auch die problematische Beteiligung BayWa r.e. soll aus dem Konzern herausgelöst und an einen Transformationsgesellschafter übertragen werden, der Restrukturierung und späteren Verkauf begleitet.

 

Bei BayWa entscheidet der Wert nach den Gläubigern

 

Gerade für Aktionäre ist das ein wichtiger Unterschied. Eine erfolgreiche Unternehmenssanierung ist nicht automatisch dasselbe wie eine erfolgreiche Aktienanlage. BayWa kann operativ stabilisiert werden und trotzdem Maßnahmen benötigen, die zunächst Banken, Refinanzierung und Bilanz stärken.

Anzeige:

Werbebanner Großbritannien GoldDie Großaktionäre sollen ihre zusammen rund 67,1 % der Aktien unter bestimmten Voraussetzungen zunächst auf einen Treuhänder übertragen. Für 2029 ist zudem eine Kapitalerhöhung vorgesehen, zu der die Großaktionäre mindestens 220 Mio. Euro beitragen sollen. Gleichzeitig hängt ein Teil der Entschuldung von den später tatsächlich erzielbaren Erlösen für BayWa r.e. ab.

Damit bleibt die freie Aktie hochgradig sensitiv für jede Änderung der Sanierungsannahmen. Entscheidend sind nicht nur Agrarpreise, Baustoffnachfrage oder Landtechnikverkäufe, sondern Gläubigervereinbarungen, Verkaufspreise, Zinslast und künftige Kapitalmaßnahmen.

 

Deutz und BayWa zeigen zwei Seiten derselben deutschen Industrie

 

Interessant ist die Gegenüberstellung gerade deshalb, weil beide Konzerne eng mit realwirtschaftlichen Investitionszyklen verbunden sind. Landwirtschaft, Bauwirtschaft, Maschinen, Energie und industrielle Infrastruktur spielen auf beiden Seiten eine Rolle. Trotzdem könnten die Kapitalmarktgeschichten kaum unterschiedlicher sein.

Deutz versucht, zyklische Abhängigkeiten durch profitable Zukäufe und neue Märkte zu reduzieren. Mit Energieversorgung, Service und vor allem Defense wächst der Anteil jener Geschäfte, bei denen langfristige Infrastruktur- und Staatsausgaben wichtiger werden als der nächste klassische Maschinenzyklus.

BayWa muss dagegen den früheren Expansionskurs rückabwickeln. Komplexität und Fremdfinanzierung, die lange Wachstum ermöglichten, wurden in einem Umfeld höherer Zinsen zum Problem. Jetzt soll aus einem internationalen Mischkonzern wieder eine deutlich fokussiertere Handels- und Dienstleistungsgruppe rund um Agrar, Technik und Baustoffe werden.

Für Anleger entstehen daraus zwei vollkommen verschiedene Risikoprofile. Deutz muss zeigen, dass der größte Zukauf der Unternehmensgeschichte nicht zu groß für Bilanz und Organisation ist. BayWa muss zeigen, dass nach Jahren der Entschuldung und Verkäufe überhaupt wieder ein Konzern übrig bleibt, dessen Ertragskraft eine eigenständige Aktiengeschichte trägt.

 

Die eine Aktie bezahlt für Zukunft, die andere für Überlebenszeit

 

Deutz ist derzeit die offensivere Geschichte. Wachstum, Defense, neue Energiegeschäfte und M&A können den Konzern strukturell verändern. Gleichzeitig muss jeder zusätzliche Euro Ergebnis gegen Kaufpreis, Zinsen und Verwässerung gerechnet werden. Die FFG-Übernahme kann Deutz in eine neue Größenklasse bringen – oder zu einer Transaktion werden, an der sich das Management über Jahre messen lassen muss.

BayWa besitzt eine andere Chance. Wenn die neue Finanzierung bis 2030 trägt, Beteiligungen zu akzeptablen Preisen verkauft werden und das Kerngeschäft wieder verlässlich Cash erwirtschaftet, kann aus dem Krisenkonzern ein deutlich kleineres, aber belastbareres Unternehmen entstehen. Bis dahin bleibt die Aktie jedoch weniger Turnaround-Investment als Wette auf den Ausgang einer komplexen Restrukturierung.

So stehen Deutz und BayWa im Sommer 2026 für zwei gegensätzliche Arten des Konzernumbaus: In Köln wird Kapital eingesetzt, um schneller größer zu werden. In München wird Zeit gekauft, um wieder kleiner und finanzierbar zu werden. An der Börse kann beides funktionieren. Nur verlangt die zweite Geschichte wesentlich mehr Vertrauen in Gläubiger, Verkäufe und Sanierungsmechanik als in das operative Tagesgeschäft.

 

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06.08.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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