Rheinmetall profitiert von einem neuen Artillerieauftrag
Der britische RCH-155-Vertrag sorgt für frische Fantasie, doch die Aktie bleibt nach dem jüngsten Rücksetzer anspruchsvoll bewertet
Bei Rheinmetall kam am Donnerstag wieder etwas Kauflaune auf. Nach den deutlichen Kursverlusten der vergangenen Tage sorgte vor allem ein neuer Artillerieauftrag aus Großbritannien für frischen Rückenwind. Operativ bleibt die Auftragslage des Düsseldorfer Rüstungskonzerns beeindruckend. Gleichzeitig zeigt die jüngste Kursentwicklung aber auch, dass Anleger inzwischen genauer hinschauen.
Rheinmetall (DE0007030009) konnte am Donnerstag auf Xetra wieder zulegen und ging bei 1.143,20 Euro aus dem Handel. Das entsprach einem Plus von 1,93 Prozent. Damit gelang der Aktie zumindest eine kleine Erholung, nachdem der Titel zuletzt erheblich unter Druck geraten war. Von einer vollständigen Entwarnung kann aber noch keine Rede sein, denn auf Wochensicht bleibt das Papier deutlich angeschlagen.
Für neue Aufmerksamkeit sorgte ein Auftrag für das Artilleriesystem RCH 155. Die britische Armee soll 72 dieser fernbedienbaren Haubitzen erhalten. Der Vertrag hat ein Volumen von nahezu einer Milliarde Pfund und wird über OCCAR an ARTEC vergeben, ein Gemeinschaftsunternehmen von KNDS und Rheinmetall. Für Rheinmetall ist das ein weiterer Beleg dafür, dass die europäische Aufrüstung nicht nur aus politischen Ankündigungen besteht, sondern immer häufiger in konkrete Beschaffungsprogramme mündet.
Großbritannien bestellt moderne Artillerie
Die RCH 155 soll der britischen Armee eine deutlich modernere Artilleriefähigkeit verschaffen. Das System ist auf einem Boxer-Fahrzeug aufgebaut, kann aus der geschützten Kabine heraus von zwei Soldaten bedient werden und soll Ziele auf bis zu 70 Kilometer Entfernung bekämpfen können. Genannt wird zudem eine Feuerleistung von bis zu acht Schuss pro Minute. Für die britischen Streitkräfte ist das ein wichtiger Schritt, nachdem zuvor Artilleriesysteme an die Ukraine abgegeben worden waren.
Rheinmetall soll bei dem Programm unter anderem die Waffensysteme fertigen. Dazu gehören Lauf, Verschluss, Rücklaufsystem und weitere zentrale Komponenten. Die Fertigung ist am großkalibrigen Produktionsstandort in Telford vorgesehen. Gleichzeitig soll britischer Stahl von Sheffield Forgemasters zum Einsatz kommen. Damit wird der Auftrag nicht nur als militärisches Programm, sondern auch als industriepolitisches Signal verkauft.
Nach den bisherigen Angaben sollen erste Auslieferungen der RCH-155-Fahrzeuge im Jahr 2028 beginnen. Eine erste einsetzbare Fähigkeit wird noch innerhalb dieses Jahrzehnts angestrebt. Der Auftrag folgt auf frühere Vereinbarungen über einen Demonstrator und langfristige Beschaffungskomponenten. Für Rheinmetall ist das wichtig, weil sich damit eine Artillerieplattform weiter in den Beschaffungsplänen eines großen NATO-Partners verankert.
Die Auftragsbücher bleiben prall gefüllt
Der neue Auftrag passt in ein größeres Bild. Rheinmetall sitzt weiterhin auf einem enormen Auftragsbestand. Zum Ende des ersten Quartals lag der Rheinmetall Backlog bei rund 73 Milliarden Euro. Darin enthalten ist erstmals auch das neue Segment Naval Systems mit einem Auftragsbestand von 5,5 Milliarden Euro. Damit verfügt der Konzern über eine Sichtbarkeit, von der viele Industrieunternehmen nur träumen können.
Auch die jüngsten Quartalszahlen waren keineswegs schwach. Der Umsatz erreichte im ersten Quartal 1,9 Milliarden Euro und lag damit rund acht Prozent über dem Vorjahreswert. Das operative Ergebnis stieg um 17 Prozent auf 224 Millionen Euro. Die operative Marge verbesserte sich auf 11,6 Prozent. Zudem bestätigte Rheinmetall die Prognose für das laufende Jahr.
Die Börse will mehr als Auftragsmeldungen
Warum die Aktie zuletzt trotzdem unter Druck stand, erklärt sich aus den hohen Erwartungen. Rheinmetall ist längst kein unterschätzter Profiteur steigender Verteidigungsausgaben mehr. Die Aktie wurde in den vergangenen Jahren massiv neu bewertet. Damit reicht ein voller Auftragsbestand allein nicht mehr aus, um jede Kursbewegung nach oben zu rechtfertigen. Anleger wollen sehen, dass die Aufträge zügig, profitabel und ohne größere operative Reibungsverluste abgearbeitet werden.
Gerade das erste Quartal zeigte, dass der Hochlauf nicht immer geradlinig verläuft. Der Umsatz blieb unter den Erwartungen mancher Analysten. Rheinmetall verwies zwar auf eine deutliche Beschleunigung im zweiten Quartal, unter anderem durch die Produktion am spanischen Standort Murcia und anstehende Fahrzeugübergaben an die Bundeswehr. Doch der Markt hat inzwischen weniger Geduld mit Verzögerungen als noch in der frühen Phase der Rüstungsrallye.
Marinegeschäft als nächste Baustelle
Ein weiterer Schwerpunkt bleibt das Marinegeschäft. Mit Naval Systems hat Rheinmetall sein Profil deutlich verbreitert und will sich künftig stärker als umfassender Verteidigungskonzern positionieren. Reuters berichtete zuletzt zudem über Rheinmetalls Interesse an German Naval Yards in Kiel. Auch das zeigt, dass der Konzern den maritimen Bereich nicht nur als Ergänzung, sondern als strategische Erweiterung betrachtet.
Solche Schritte können langfristig attraktiv sein, bringen aber auch Integrations- und Ausführungsrisiken mit sich. Schiffbau ist ein komplexes Geschäft mit langen Projektlaufzeiten, politischen Vorgaben und häufig anspruchsvollen Kostenstrukturen. Rheinmetall will vom reinen Land- und Munitionsspezialisten zu einem breiteren Verteidigungshaus werden. Ob die Börse diese Erweiterung dauerhaft mit einem Bewertungsaufschlag honoriert, hängt stark von der Umsetzung ab.
Die Konkurrenz schläft nicht
Auch der europäische Verteidigungsmarkt selbst bleibt in Bewegung. Die geplanten Börsenambitionen von KNDS zeigen, dass sich in der Branche weitere Kapitalmarktgeschichten entwickeln. KNDS ist mit Rheinmetall zwar in Teilen Partner, etwa bei ARTEC, zugleich aber auch ein wichtiger Wettbewerber. Sollte mehr Verteidigungsindustrie an die Börse drängen, könnten Anleger künftig stärker zwischen den einzelnen Profiteuren der europäischen Aufrüstung unterscheiden.
Für Rheinmetall ist das nicht zwingend schlecht. Der Konzern besitzt starke Marktpositionen bei Munition, Militärfahrzeugen, Artilleriekomponenten, Elektronik, Drohnenabwehr und zunehmend auch maritimen Anwendungen. Gleichzeitig wird die Aktie damit stärker an konkreten Lieferfähigkeiten und Margen gemessen. Die einfache Gleichung „mehr Verteidigungsausgaben gleich höherer Aktienkurs“ funktioniert nicht mehr so automatisch wie in den vergangenen Jahren.
Starke Story, hohe Messlatte
Rheinmetall bleibt operativ hervorragend positioniert. Der neue britische Artillerieauftrag liefert ein weiteres Beispiel dafür, dass die europäische Aufrüstung konkrete industrielle Nachfrage erzeugt. Der Auftragsbestand ist gewaltig, die Prognose steht, und die strategische Breite des Konzerns nimmt zu. Das spricht weiterhin für die langfristige Geschichte.
Gleichzeitig ist die Aktie nach der massiven Neubewertung kein Selbstläufer mehr. Wer bereits investiert ist, kann die Entwicklung weiter beobachten und muss die jüngste Schwäche nicht automatisch als Trendbruch werten. Für Neueinsteiger drängt sich nach den starken Vorjahren aber kein blinder Einstieg auf. Rheinmetall bietet Substanz und volle Auftragsbücher, doch die Börse verlangt inzwischen mehr als nur die nächste gute Schlagzeile.
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14.05.2026 - Christian Teitscheid

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