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BASF liefert starke Zahlen zur falschen Zeit

Preissprünge und höhere Absatzmengen treiben das zweite Quartal, doch schwacher Cashflow, enttäuschende Basischemie und geopolitische Risiken bremsen die Aktie

NTG24 - BASF liefert starke Zahlen zur falschen Zeit

 

Eine Prognoseanhebung gilt normalerweise als Einladung an die Börse. Bei BASF funktionierte dieser Reflex diesmal nicht. Der Chemiekonzern übertraf im zweiten Quartal die Erwartungen deutlich, hob seine Ergebnisziele für 2026 an und meldete einen Milliardenbuchgewinn aus dem Verkauf des Lackgeschäfts. Trotzdem reagierten Anleger zurückhaltend. Der Markt zweifelt nicht an den Zahlen des abgelaufenen Quartals, sondern an ihrer Haltbarkeit.

BASF (DE000BASF111) profitiert derzeit von einer ungewöhnlichen Gemengelage. Höhere Verkaufspreise, steigende Absatzmengen und Störungen auf den internationalen Rohstoff- und Energiemärkten haben die Ertragslage kurzfristig verbessert. Gleichzeitig bleiben die strukturellen Probleme der europäischen Chemieindustrie bestehen: schwache Grundnachfrage, globale Überkapazitäten, hohe Standortkosten und zunehmender Wettbewerbsdruck aus Asien.

Deshalb lässt sich die jüngste Zahlenvorlage nicht einfach als Beginn eines neuen Chemieaufschwungs lesen. BASF hat ein starkes Quartal geliefert. Die Börse will aber wissen, wie viel davon aus nachhaltiger Nachfrage stammt und wie viel aus Preisbewegungen, Vorsorgekäufen und geopolitisch gestörten Lieferketten.

 

Die Prognose steigt, die Aktie fällt

 

Der Widerspruch war unmittelbar sichtbar. BASF erhöhte die erwartete Spanne für das EBITDA vor Sondereinflüssen im Gesamtjahr 2026 von bislang 6,2 bis 7,0 Mrd. Euro auf 6,9 bis 7,7 Mrd. Euro. Die Mitte der neuen Spanne entspricht mit 7,3 Mrd. Euro ungefähr dem bisherigen Analystenkonsens.

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Am Tag der Veröffentlichung gab die Aktie dennoch deutlich nach. Das war keine Ablehnung der Gesamtzahlen, sondern eine Neubewertung ihrer Qualität. Anleger sahen ein starkes zweites Quartal, aber zugleich Hinweise darauf, dass die zweite Jahreshälfte schwerer werden könnte. Besonders die schwächere Entwicklung im Segment Chemicals und die nachlassenden Preise bei einigen Basischemikalien passten nicht zu einer uneingeschränkt positiven Erzählung.

Hinzu kommt ein inzwischen hoher Anspruch an Prognoseanhebungen. BASF hat die untere und obere Grenze verschoben, die neue Spanne wegen der geopolitischen Unsicherheit aber weiterhin relativ breit gehalten. Der Konzern ist operativ optimistischer geworden, ohne die Risiken des verbleibenden Jahres enger eingrenzen zu können.

Das macht die Reaktion nachvollziehbar. Die Börse handelt bei BASF nicht nur die Höhe des Ergebnisses, sondern die Frage, ob der Konzern nach Jahren der Krise endlich wieder aus eigener Nachfragekraft wächst. Genau dafür reicht ein preisgetriebenes Quartal noch nicht.

 

Das zweite Quartal war deutlich besser als erwartet

 

Die vorläufigen Zahlen selbst sind stark. Der Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahresquartal um 16 % auf 17,2 Mrd. Euro. Analysten hatten im Durchschnitt lediglich mit rund 16,5 Mrd. Euro gerechnet. Höhere Preise steuerten elf Prozentpunkte zum Wachstum bei, steigende Absatzmengen sieben Prozentpunkte. Währungs- und Portfolioeffekte belasteten jeweils mit rund einem Prozentpunkt.

Das EBITDA vor Sondereinflüssen erreichte voraussichtlich 2,4 Mrd. Euro. Damit lag BASF deutlich über dem Vorjahreswert von 1,6 Mrd. Euro und über der Markterwartung von rund 2,1 Mrd. Euro. Auch das EBIT vor Sondereinflüssen übertraf mit etwa 1,5 Mrd. Euro den Konsens klar.

Der vorläufige Quartalsbericht von BASF zeigt allerdings ein uneinheitliches Bild unterhalb der Konzernebene. Materials, Industrial Solutions und Agricultural Solutions übertrafen die jeweiligen Erwartungen deutlich. Nutrition & Care lag leicht darüber. Chemicals und Surface Technologies blieben dagegen erheblich hinter den Segmentprognosen der Analysten zurück.

Genau diese Verteilung ist entscheidend. Das Ergebnis war stark, aber es kam nicht dort besonders überzeugend an, wo Anleger den klarsten Hebel auf einen klassischen Chemieaufschwung vermutet hätten.

 

Der Milliardengewinn sagt wenig über das Tagesgeschäft

 

Das erwartete Nettoergebnis von rund 4,1 Mrd. Euro sieht spektakulär aus. Im Vorjahresquartal waren es lediglich 79 Mio. Euro. Der größte Teil dieses Sprungs stammt jedoch nicht aus der laufenden Produktion, sondern aus dem Verkauf des Industrielackgeschäfts an Carlyle.

Die am 30. Juni abgeschlossene Transaktion brachte BASF einen Veräußerungsgewinn von rund 3,9 Mrd. Euro vor Steuern. Damit wird die Bilanz gestärkt und der Portfolio-Umbau sichtbar. Für die operative Ertragskraft der kommenden Quartale ist dieser Einmalgewinn jedoch kein Maßstab.

Der Verkauf passt zur neuen BASF-Strategie. Der Konzern trennt klarer zwischen integrierten Kerngeschäften und eigenständigen Geschäftsbereichen, die separat geführt, für Partnerschaften geöffnet oder verkauft werden können. Dadurch soll Kapital freigesetzt und die Komplexität reduziert werden. Die Börse wird diesen Umbau aber letztlich daran messen, ob das verbleibende Portfolio höhere Renditen und verlässlichere Mittelzuflüsse erwirtschaftet.

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Der Cashflow stört das starke Ergebnisbild

 

Während die Ergebnisrechnung glänzt, fällt der Blick auf den Geldfluss deutlich nüchterner aus. BASF erwartet für das zweite Quartal einen freien Cashflow von minus 0,2 Mrd. Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte der Konzern noch positive 0,5 Mrd. Euro erreicht.

Der operative Cashflow sank voraussichtlich von 1,6 Mrd. Euro auf rund 0,5 Mrd. Euro. BASF begründet dies vor allem mit der stärkeren Kapitalbindung infolge höherer Rohstoffpreise. Steigende Einkaufspreise erhöhen den Wert der Vorräte und binden Liquidität im Working Capital, bevor die entsprechenden Produkte verkauft und bezahlt werden.

Für einen zyklischen Chemiekonzern ist das kein ungewöhnlicher Mechanismus. Es ist aber ein wichtiger Qualitätstest. Höhere Preise verbessern das ausgewiesene Ergebnis nur dann dauerhaft, wenn sie nicht gleichzeitig zu viel Kapital in Lagerbeständen und Forderungen festhalten.

BASF bestätigt für das Gesamtjahr weiterhin einen freien Cashflow zwischen 1,5 und 2,3 Mrd. Euro. Nach der schwachen Entwicklung im zweiten Quartal verschiebt sich damit ein größerer Teil der Aufgabe in die zweite Jahreshälfte. Der Konzern muss nicht nur Ergebnis liefern, sondern gebundenes Kapital wieder freisetzen.

 

 

 

Ein höherer Ölpreis hilft und belastet zugleich

 

BASF hat seine Annahme für den durchschnittlichen Brent-Ölpreis im Gesamtjahr deutlich verändert. Statt 65 US-Dollar je Barrel kalkuliert der Konzern nun mit 80 US-Dollar. Gleichzeitig wurden die Erwartungen für das Wachstum der Weltwirtschaft, der Industrieproduktion und der globalen Chemieproduktion gesenkt.

Diese Kombination beschreibt das Problem präzise. Höhere Energie- und Rohstoffpreise können kurzfristig zu steigenden Produktpreisen und besseren Lagerbewertungseffekten führen. Sie erhöhen aber auch die Kosten, binden Working Capital und belasten die Nachfrage bei Kunden aus Automobilindustrie, Bau, Konsumgütern und anderen zyklischen Bereichen.

Besonders wichtig bleibt die Entwicklung im Nahen Osten und rund um die Straße von Hormus. Über diese Route werden große Mengen Energie und petrochemische Rohstoffe transportiert. BASF warnt, dass eine längere Beeinträchtigung des Handelswegs die globale Konjunktur erheblich belasten könnte.

Damit basiert die angehobene Prognose auf einer ungewöhnlich fragilen Ausgangslage. Der Konzern profitiert teilweise von höheren Preisen, muss aber zugleich vermeiden, dass dieselben Preise Nachfrage, Cashflow und Lieferketten beschädigen.

Der Chemiesektor steht damit vor einem schwierigen Übergang. Lieferstörungen können Margen zeitweise stützen. Eine dauerhafte Verbesserung entsteht jedoch erst, wenn die Endnachfrage anzieht und Anlagen wieder besser ausgelastet werden. Ohne diesen zweiten Schritt bleiben höhere Preise ein unsicheres Fundament.

 

Ludwigshafen bleibt der eigentliche Langzeittest

 

Unabhängig von den kurzfristigen Preisbewegungen arbeitet BASF weiter an der Kostenstruktur. Besonders der Standort Ludwigshafen steht unter Anpassungsdruck. Sonderbelastungen entstanden im zweiten Quartal unter anderem durch laufende Sparprogramme und die Einführung neuer ERP-Systeme.

Der Umbau ist notwendig, weil sich die Wettbewerbsbedingungen für die energieintensive Produktion in Europa grundlegend verändert haben. BASF muss Anlagen schließen oder verkleinern, Verwaltungsstrukturen vereinfachen und gleichzeitig genügend industrielle Substanz erhalten, um die Vorteile des Verbundsystems zu nutzen.

Diese Balance ist schwieriger als ein klassisches Sparprogramm. Zu starke Kürzungen könnten Skaleneffekte, Innovationsfähigkeit oder Lieferzuverlässigkeit beschädigen. Zu geringe Einschnitte würden die strukturellen Kostennachteile verlängern. Der Erfolg der Strategie zeigt sich deshalb nicht an einem einzelnen Quartal, sondern an dauerhaft höheren Anlagenrenditen und einem besseren freien Cashflow.

 

Der 29. Juli wird wichtiger als die Prognoseanhebung

 

Die vollständigen Halbjahreszahlen werden am 29. Juli veröffentlicht. Dann dürfte BASF mehr Details zur Segmententwicklung, zur Preis-Mengen-Struktur, zum Working Capital und zum Verlauf der Sparprogramme liefern.

Vor allem die Schwäche im Segment Chemicals braucht Erklärung. Anleger werden wissen wollen, ob niedrigere Margen lediglich aus zeitlichen Effekten entstanden oder ob der Preisauftrieb bei Basischemikalien bereits wieder nachlässt. Ebenso wichtig ist die Frage, wie viel des starken Umsatzwachstums aus echten Endkundenbestellungen und wie viel aus vorsorglichem Lageraufbau entlang der Lieferketten stammt.

Der aktuelle Aktienkurs im Bereich der oberen 40 Euro signalisiert weder Euphorie noch akute Krisenangst. Zum Ende des ersten Halbjahres hatte BASF auf Xetra bei 46,78 Euro geschlossen; das bisherige Jahreshoch lag nach Unternehmensangaben bei 54,74 Euro. Momentaufnahmen können je nach Handelszeitpunkt abweichen. Das größere Bild bleibt jedoch eindeutig: Der Markt erkennt die Ergebnisverbesserung an, zahlt für sie aber noch keinen nachhaltigen Aufschwung.

 

BASF muss aus einem Preisschub einen Cashflow-Aufschwung machen

 

Das zweite Quartal war besser, als der Kursverlauf vermuten lässt. BASF hat mehr verkauft, höhere Preise durchgesetzt, die Konzernerwartungen übertroffen und die Jahresprognose angehoben. Gleichzeitig zeigt die Reaktion der Anleger, wie stark sich der Bewertungsmaßstab verändert hat.

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Einmalige Veräußerungsgewinne, geopolitisch getriebene Preissteigerungen und kurzfristige Lieferengpässe reichen nicht für eine dauerhafte Neubewertung. BASF braucht eine breitere Erholung der Nachfrage, überzeugendere Ergebnisse im Basischemiegeschäft und vor allem eine bessere Umwandlung des Gewinns in freien Cashflow.

Die Prognoseanhebung ist deshalb kein Schlusspunkt, sondern ein Zwischenstand. Sie zeigt, dass BASF in einem schwierigen Markt mehr Ertragskraft besitzt als zuletzt angenommen. Ob daraus ein belastbarer Aufschwung wird, entscheidet sich nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung dieses Quartals, sondern in den Lagerhallen, Zahlungsströmen und Auslastungsquoten der kommenden Monate.

 

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20.07.2026 - Christian Teitscheid

Unterschrift - Christian Teitscheid

 

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