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SIEMENS: Strategische Transformation zeigt Fortschritte

Industrietechnologie-Weltspitze noch ein Stück entfernt

 

Teils durch externe Transaktionen bedingt, teils aber auch intern strategisch vorangetrieben schreitet die von CEO Joe Kaeser dem SIEMENS-Konzern (DE0007236101) verordnete Verschlankung und Bewertungstransparenzsteigerung seiner Konzerneinheiten wie auch strategischen Beteiligungen aktuell stark voran.

Zunächst erfolgt am heutigen 23.09. der NASDAQ-Börsengang seiner knapp 14 %igen Beteiligung an BENTLEY SYSTEMS, einem in Pennsylvania USA ansässigen Spezialisten in der Entwicklung und dem Vertrieb von Baukonstruktions-, Statik- und Designoptimierungssoftware, die weltweite Nutzung von Architekten, Bauherren und Bauingenieuren findet. In dieser sehr fokussierten Ausrichtung stellt Bentley Systems also vor allem einen direkten Konkurrenten zur deutschen NEMETSCHEK (DE0006452907) wie auch der französischen DASSAULT SYSTÈMES dar, jedoch natürlich auch zu zahlreichen Mitwettbewerbern in den USA, wie vor allem den Konzernen AUTODESK (US0527691069; Bestandteil unseres Themendepots ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN) und TRIMBLE.

Basierend auf einem Aktienemissionspreis von 22 USD für Bentley Systems errechnet sich aktuell ein gesamter Aktienmarktwert des Konzerns von 5,7 Mrd. USD, was für Siemens selbst also einen neuen Beteiligungsmarktwert von rd. 800 Mio. USD bedeuten würde, sollte die heutige erste Preisfeststellung nicht über den Ausgabepreis steigen und Siemens seinen 14 %-Anteil im Rahmen des IPOs tatsächlich auch voll beibehalten, d.h. nicht ebenfalls auch eigene Aktien in den nun erfolgenden öffentlichen Handel abgegeben haben.

Ob dies jedoch der Fall war oder ob Siemens im Zuge der Börseneinführung nun ebenfalls auch eigene Aktien für den öffentlichen Handel veräußert hat, gab der Konzernvorstand bisher jedoch nicht preis. Ebenso wenig ließ man bisher durchblicken, ob und in welchem Maße eine Börsenpreiserhöhung nun weitere Buchgewinne in der Siemens-Beteiligungsbilanz nach sich ziehen würde, nachdem der Konzern aufgrund der gegenwärtig in diesem Software-Segment exzellenten Marktlage seinen Beteiligungswert bereits vor Wochen deutlich um + 200 Mio. Euro hochgeschrieben hatte.

Allerdings hat Siemens erklärt, dass man an der in 2016 erworbenen Beteiligung an Bentley in jedem Fall auch weiter strategisch festhalte, was wir aufgrund des hoch attraktiven Metiers der Bausoftware (was man auch an den entsprechend rasanten Aktienkursanstiegen von Nemetschek und Autodesk bestens ablesen kann) auch sehr begrüßen.

So verzeichnete Bentley in 2019 bei einer 6,5 %igen Umsatzsteigerung eine 17 %ige Ausweitung des EBIT-Betriebsgewinns, jedoch allein aufgrund stark erhöhter Zins- uns Steuerbelastungen einen Rückgang des Nettogewinns um - 28 % gegenüber dem Vorjahr. Im 1. Halbjahr 2020 erzielte man mit 68 Mio. USD bereits 66 % des Nettogewinns des Gesamtjahres 2019, eine direkte Vergleichszahl zum 1. Halbjahr 2019 legte Bentley aber nicht vor. Ginge man vereinfacht sehr konservativ davon aus, dass auch der Gewinn des 2. Halbjahres genauso hoch ausfallen wie im 1. Halbjahr, wäre Bentley basierend auf dem per Emission errechneten Aktienmarktwert von 5,7 Mrd. USD selbst unter diesen ungünstigen Bedingungen gerade einmal nur mit einem KGV (2020e) von 42 bewertet, verglichen mit einem aktuellen KGV 2020e von Nemetschek bei 79 sowie der aktuell astronomisch wachsenden Autodesk sogar bei 149.

Gemäß diesen KGV-Vergleichen dürfte Bentley Systems nach unseren Erwartungen daher heute ein fulminantes Börsendebut mit einer Erstnotiz weit über dem Emissionspreis von 22 USD hinlegen.

 

Spin-Off / Börseneinführung Siemens Energy

 

Darüber hinaus steht als ein weiterer historischer strategischer Meilenstein von Siemens am Montag d. 23.09. der Spin-Off sowie die Börseneinführung seiner mit knapp 40 % Konzernumsatzanteil weitaus größten, jedoch mit nur 4,3 % operativer EBIT-Marge per 30.09.2019 chronisch margenschwachen Strom- und Gaserzeugungseinheit SIEMENS ENERGY bevor, woran die Hauptumsatztreiber der deutschen konventionellen Kraftwerkssparte wie auch der aus Spanien heraus geleitete Windparkbetreiber Siemens Gamesa einen nahezu gleich stark belastenden Anteil hatten.

Wie stark diese profitabilitätsmäßige Underperformance der Sparte SIEMENS ENERGY im Gesamtkonzernvergleich (operative EBIT-Marge 30.09.: 7,9 %) aktuell ausfällt, lässt sich auch daran ablesen, dass bei einer fairen Aktienbewertung von Siemens Energy mit rd. 27 – max. 30 Euro je Aktie und dem festgelegten Aktienbezugsverhältnis von 1 neuen Siemens Energy-Aktie für je 2 gehaltene Siemens-Aktien der am Montag eintretende Aktienkursabschlag der Siemens-Aktie wohl max. rd. 15 Euro betragen dürfte, d.h. bei einem aktuellen Siemens-Aktienkurs von 113 Euro dieser Spin Off-Preisabschlag gerade einmal rd. 13 % ausmachen dürfte (und dies bei einem aktuellen Konzernumsatzanteil von knapp 40 % !).

Es ist also in der Tat auch aus unserer Sicht längst überfällig und höchste Zeit, dass Siemens diese zunehmend einen „Klotz am Bein“ darstellende und auch im Vorstand immer unbeliebtere Konzerndivision nun mehr und mehr zur Disposition stellt, was nach Anteilsreduzierung des Mutterkonzerns im Zuge des Spin-Offs auf nur noch 35 % der Vorstand auch schon mit der Ankündigung untermauerte, diesen Anteil auch in den kommenden 12 - 18 Monaten noch substanziell weiter reduzieren zu wollen.

Und auch in SIEMENS HEALTHINEERS ist durch deren Anfang August für 16,4 Mrd. USD erfolgte Übernahme des US-amerikanischen Krebstherapie-Spezialisten VARIAN MEDICAL SYSTEMS der vom Mutterkonzern Siemens gehaltene Anteil nun von 85 % auf nur noch 72 % abgesunken. Auch die hierdurch in diesem Fall extern verursachte Anteilsverwässerung des Mutterkonzerns Siemens begrüßen wir, da auch bei Siemens Healthineers die jüngste Nettomargen-Erzielung von nur knapp 10 % und ebenso die gleich hohe Nettomarge von Varian Medical klar unter dem internationalen Sektordurchschnitt liegen und daher ebenfalls nachvollziehbar die bisherige Aktienperformance, gerade auch im Sektorvergleich aller Medizintechnik-Konzerne, bislang überaus enttäuschend verlief.

 

Aktienbewertung und Anlageurteil

 

Es liegt also noch viel Arbeit vor CEO Kaeser und seinen Vorstandskollegen, den Siemens-Konzern wie langfristig angestrebt zu einem profilscharfen, hoch zeitgemäßen und innovativen Industrietechnologie-Konzern mit einer deutlich verbesserten Margen- und Profitabilitätslage auf allen Ebenen zu trimmen.

Die aktuell eingeschlagenen strategischen Wege einer starken, transparenzsteigernden Verschlankung und divisionalen Fokussierung auf die nachhaltig profitabelsten Technologiesegmente sind dazu vollkommen richtig, und auch das präsentierte, für einen europäischen Industriekonzern beachtliche Ergebnis des 3. Quartals 2019/20 per 30.6. weit über allen Analystenschätzungen (Umsatz „nur“ - 37 % ggü. Vorjahr, Nettogewinn „nur“ - 47 % ggü. Vorjahr) zeigen trotz fortgesetzter Belastung durch SIEMENS ENERGY untrüglich, dass die zukunftsweisende technologieorientierte Neuausrichtung des Siemens-Konzerns nun zunehmend Früchte trägt, und der Vorstand unter CEO Kaeser hierin unverkennbar bereits Vieles in die richtige Richtung gelenkt hat.

Unter dem Aspekt, dass selbst auch nach dem Spin Off von Siemens Energy dem Siemens-Konzern jedoch noch einiges fehlt, um zu anerkannten weltführenden hochprofitablen Industrietechnologie-Großkonzernen wie z.B. einer US-amerikanischen HONEYWELL oder auch einer japanischen NIDEC aufzuschließen, halten wir die aktuell überschaubare Aktienbewertung mit KGVs 2020 – 2022 von 22 / 19 / 16 auch weiterhin für nachvollziehbar und in Einklang mit der aktuellen strategischen Transformationsphase stehend.

Da zudem auch der Aktienchart von Siemens aktuell mit vorläufig sehr harten Widerständen einmal bei 120 Euro und danach bei 126 Euro gepflastert ist, raten wir momentan unter Timing-Gesichtspunkten von einem Kauf der Aktie ab, stufen diese jedoch bewertungsseitig zumindest auch weiter als haltenswert ein.

 

Aktienchart: SIEMENS AG

 

 

23.09.2020 - Matthias Reiner - mr@ntg24.de

 









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